700 Betten für 3000 Obdachlose: Kältehilfe befürchtet Zwist mit Flüchtlingen

Bei Frost im Freien: Längst nicht alle Obdachlosen finden ein warmes Bett wie hier in der City Station. (Foto: Thomas Schubert)
Charlottenburg-Wilmersdorf. Angst vor Konflikten: In diesen Tagen beginnt die Kältehilfe-Saison wieder mit einem Mangel an warmen Schlafplätzen. Und sie steht unter dem Vorzeichen einer neuen Bürde: dass Einrichtungen jetzt auch obdachlose Flüchtlinge versorgen müssen. Ist diese Sorge begründet?
So rasch wie die Temperaturen fallen, so stark wachsen die Befürchtungen. Werden 700 Schlafplätze genügen, um 3000 Obdachlose – Skeptiker schätzen eher 5000 – vor dem Erfrieren zu retten? Immerhin habe der Berliner Senat Wort gehalten und 170 zusätzliche Betten gegenüber dem Vorjahr arrangiert, lobt Barbara Eschen, die Direktorin des Diakonischen Werks. Gleichzeitig wächst aber auch die Zahl der Wohnungslosen von Jahr zu Jahr an. „Und zwar auch wegen des angespannten Wohnungsmarkts“, hält Eschen fest. Das beste Sozialprogramm? Das wäre aus ihrer Sicht Neubau mit erschwinglichen Mieten.
Dann hätte man weniger Sorgen um einen Konflikt zwischen Flüchtlingen ohne Bleibe und den schon länger vorhandenen Menschen, die im Freien schlafen. Vor allem in Charlottenburg-Wilmersdorf, wo in neun Flüchtlingseinrichtungen über 3500 Asylbewerber leben und wo sich einige der meistbesuchten Obdachloseneinrichtungen Berlins befinden, prallen Welten aufeinander.
„Wir fürchten Probleme vor den Einrichtungen“, erklärt Caritas-Direktorin Ulrike Kostka. „Für Obdachlose ist es schwer zu verstehen, dass man jetzt einer anderen Art von Bedürftigen so viel Aufmerksamkeit widmet.“ Die Politik müsse dafür sorgen, dass Mieter ihre Bleibe gar nicht erst verlieren. Zwangsräumungen nach Mietrückständen seien eine häufige Ursache für den Sturz aus dem sozialen Netz.
So begegnen Sozialarbeiter auch immer mehr obdachlose Familien. „Die dürfte es strenggenommen gar nicht geben“, sagt Eschen. Denn in dem Fall müssten gesonderte Hilfen greifen. In Wirklichkeit verhält es sich aber so, dass im vergangenen Jahr zum Beispiel in der Charlottenburger Notübernachtung Franklinstraße Mütter mit Kindern abgewiesen wurden – wegen Überfüllung. 500 Unterbringungen von Minderjährigen in Sozialeinrichtungen habe man im vergangenen Jahr gezählt.

Keine genauen Zahlen

Zu den Kritikpunkten der sozialen Träger beim Start der Kältehilfe-Saison gehört auch die Tatsache, dass dem Berliner Senat nur Schätzungen darüber vorliegen, wie viele Obdachlose es in der Stadt wirklich gibt.

In Hamburg hat man die Zahl, nämlich 1000, exakt ermittelt. Hingegen fehlt für die genaue Bestimmung in Berlin das Geld. Jenes stecken Träger wie die Berliner Stadtmission mit jährlich über 40 000 Übernachtungen in ihre stationären Angebote und mobile Hilfsmaßnahmen wie den Kältebus.

Aus den Reihen der Stadtmission kommt auch Kritik an den noch immer zu wenigen Übernachtungsmöglichkeiten. Allen voran von Dieter Puhl, der als Leiter der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten täglich 700 meist obdachlose Gäste bewirtet.

„Gemessen an der stark steigenden Zahl von Wohnungslosen ist die Zuwachsrate bei den Schlafplätzen mehr als erbärmlich“, stellt er fest. Dass die Versorgung im Bezirk dennoch passabel funktioniert, führt Puhl auf den hohen Einsatz von ehrenamtlichen Helfern zurück. Wenn jeder von ihnen in der Bahnhofsmission einen Stundenlohn von 10 Euro erhielte, käme man auf eine Summe von 360 000 Euro pro Jahr, rechnet Puhl vor: „Damit sind Bürger der wichtigste Sponsor der Bahnhofsmission.“ tsc
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