Viel Gesicht, wenig Geschichten: Parteien setzen auf Wahlplakate im traditionellen Stil

Auf Augenhöhe mit dem Wähler: An der Wilmersdorfer Straße wirkt die Wahlwerbung besonders volksnah – im wörtlichen Sinne. (Foto: Thomas Schubert)

Charlottenburg-Wilmersdorf. Knapp einen Monat vor dem Urnengang am 18. September begegnen Spitzenkandidaten Passanten zumeist mit erwartungsvollem Lächeln und knappem Inhalt. Eine Stilkritik der Wahlplakate.

An der Wilmersdorfer Straße aufzufallen, dazu braucht es Klasse und Masse gleichermaßen. Inzwischen kommt kein Pfeiler mehr aus ohne Plakate, die den Menschen Gründe liefern sollen, warum man dem Urheber seine Stimme geben soll. Wer hier, in Berlins ältester Fußgängerzone, nicht hängt, macht wahrscheinlich etwas verkehrt, zählt man doch an Spitzentagen knapp 4500 Passanten pro Stunde.

Wahlwerbung auf Augenhöhe

Und es zeigt sich: Kandidaten für das Abgeordnetenhaus und den Rathausthron hängen hier aufgrund der kurzen Pfosten besonders tief – praktisch fast auf Augenhöhe. Hier lässt sich ein schneller Vergleich anstellen zwischen Ästhetik und Konzepten. Hier kommt der amtierende Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD) in der aktuellen Bildersprache der Sozialdemokraten daher. Ein angeblitztes Foto mit weichem Schatten auf neutralem Grund. Dazu in kleiner Schrift: „Ihr Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf“. Auch der direkte Konkurrent der CDU, Sozial- und Gesundheitsstadtrat Carsten Engelmann, fügt sich in die ästhetische Linie seiner Partei. Dabei tritt der Kandidat in natürlichem Licht vor den Wähler, während der Hintergrund verschwimmt. „Sozial und kompetent. Ihr Bürgermeister für Charlottenburg-Wilmersdorf“, stellt sich Engelmann vor.

Wer Gründe möchte, muss hier wie dort eher ins Wahlprogramm schauen als aufs Plakat. Und während sich die ganze Werbewelt heute um das „Story Telling“ dreht, also das Verbinden von Werbebotschaften mit möglichst emotionalen Geschichten, wirkt ein Großteil des Politbetriebs, zumindest beim Plakatgestalten, wie aus einem früheren Jahrzehnt.

Altes neu aufbereitet

Altes neu aufbereitet findet sich auch bei Linken und Piraten. „Armut stoppen“, verlangen diese neben dem Bildnis eines Flaschensammlers in Schwarz-Weiß. „Keine Pflanze ist illegal“, beziehen die Freibeuter eine alte Losung für flüchtlingsfreundliche Politik auf bedrohte Grünflächen.

Der begrünte Mittelstreifen der Kantstraße entpuppt sich dann als Spielwiese der Spitzenkandidaten im Großformat. Da fordert CDU-Mann Frank Henkel in voluminösen Abmessungen ein „starkes Berlin“. Und der Regierende Bürgermeister Michael Müller hält sich bei den Großformaten der SPD diskret zurück. Mal verschwimmt er hinter einer Frau mit Kopftuch, mal steckt er im rückwärtigen Teil des Bildes im Gespräch. Fühlt sich der Betrachter des Plakats da nicht ignoriert?

Mit leicht avantgardistischer Bildsprache geht hingegen FDP-Spitzenkandidat Sebastian Czaja auf Stimmenfang. Markige Forderungen wie der Weiterbetrieb des Flughafens Tegel prangen neben einem künstlerisch verfremdeten Porträt. Und die Grünen? Ihre Wahlkreis-Kandidaten zeigen sich scharf umrissen vor den schwimmenden Lichtern der Großstadt, während man ihre Botschaften auf andere Plakaten auslagern ließ. „Mietenhaien die Zähne ziehen“ beispielsweise wirkt als Wortspiel aber so bissig wie ein Raubfisch, der in seichtem Wasser auf Grund lief. Hingegen hoch hinaus wagt sich mit ihren Plakaten die AfD – offenbar in der Erwartung, dass bei bodennaher Anbringung jemand daher kommt, der sie zerstört. tsc
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