Verein plant Stadtführungstour mit Flüchtlingen

Die beiden Projektleiter Isabel Härdtle und Tilman Höffken (rechts) von querstadtein auf dem Dachgarten des Vereinssitzes in der Lenaustraße 4 mit dem ersten Stadtführer, dem ehemals Obdachlosen Uwe Tobias. (Foto: Sylvia Baumeister)
 
Häufig sieht man im Vorbeigehen obdachlose Menschen auf Sitzbänken schlafen. Wie sie ihren Alltag in der Stadt gestalten, erzählen ehemals Betroffene in Stadtführungen von querstadtein. (Foto: Sylvia Baumeister)
Berlin: Verein Stadtsichten |

Neukölln. Vor drei Jahren gründeten zwei Frauen den Verein Stadtsichten. In mehreren „querstadtein“-Führungen zeigen ehemals Obdachlose, wie und wo sie in dieser Stadt ihren Alltag bewältigen. Seit Dezember 2015 hat der Verein seinen Sitz in der Lenaustraße im Reuterkiez, seit April bietet er auch Führungen von Geflüchteten an.

Jeden Tag sieht man sie, auf dem Weg ins Büro am Kiosk, auf einer Sitzbank schlafend im Park. Dennoch weiß kaum einer etwas über den Alltag der obdachlosen Menschen in dieser Stadt. Katharina Kühn und Sally Ollech wollten daran etwas ändern. Indem ehemals Obdachlose auf Führungen aus ihrem Alltag berichten, wollten sie Raum schaffen für Begegnungen, für Austausch und Achtsamkeit. Mit ersten Projektplänen für „querstadtein“ bewarben sie sich 2012 bei einem Businessplanwettbewerb für soziale Projekte. So entwickelte sich langsam aber stetig das Projekt, zunächst auf rein ehrenamtlicher Basis.

Im Juni 2013 ging es los mit der ersten Tour, Stadtführer Uwe Tobias, trockener Alkoholiker und siebeneinhalb Jahre obdachlos gewesen, zeigte sein Berlin-Mitte. Der Erfolg war groß, das Interesse an den Führungen, die inzwischen mit weiteren ehemals Obdachlosen auf verschiedenen Routen angeboten werden, ist nach wie vor ungebrochen. Was das inzwischen professionalisierte Projekt so erfolgreich macht, ist ein Zusammentreffen mehrerer Komponenten: Die stets von Ehrenamtlern begleiteten Touren werden mit den Stadtführern in Workshops erarbeitet und durch Hintergrundrecherchen ergänzt.

Für ihre Arbeit erhalten die Stadtführer eine faire Aufwandsentschädigung. Sie vermitteln ihren ganz persönlichen Blick auf Berlin und ermöglichen so den Teilnehmern der Führung eine Perspektive jenseits etablierter Sichtweisen auf die Stadt. Auch Fragen zum Thema sind erlaubt und durchaus gern gesehen. „Wir werden vor allem von Freiwilligendiensten, Universitäten, Schulen und Unternehmen gebucht. Als Bildungsprojekt bieten wir wichtige Erfahrungen, auch für Führungskräfte“, erzählt Isabel Härdtle, eine von zwei hauptamtlichen Projektleitern beim Verein. Ein Ticket kostet 13 Euro, mit einem Soli-Ticket für 20 oder 30 Euro kann man die Arbeit des Vereins unterstützen.

Seit Dezember 2015 hat der Verein, der seine Touren zuvor in Privaträumen koordinierte, endlich adäquate Räume gefunden: In der Lenaustraße 4 ist auch das innovative Integrationsmodell „Sharehouse Refugee“ beheimatet, wo Einheimische und Flüchtlinge zusammen leben und arbeiten. So kann der Verein nun seine Angebote ausbauen. Schon seit April gibt es auch Stadtführungen von Flüchtlingen. Derzeit bieten vier geflüchtete Menschen aus Syrien verschiedene Routen durch Neukölln an, in denen sie in Englisch etwas über ihr Land, ihre Flucht und ihr Ankommen in Deutschland erzählen. Die neuen Stadtführer wohnen allesamt noch in Notunterkünften.

„Unsere Flüchtlings-Stadtführer haben alle eine Aufenthaltsgestattung und mussten für ihre Nebentätigkeit ein aufwendiges Verfahren durchlaufen“, berichtet Isabel Hädtle. „Die Projekte sind allerdings auch ein guter, erster Einstieg in den Arbeitsmarkt.“ Derzeit wird gerade eine neue Tour mit einem syrischen Flüchtling erarbeitet, diesmal in deutscher Sprache. In spätestens drei Monaten soll es zudem Workshops für Schulen und Unternehmen zum Thema Flucht und Asyl geben. SB

Weitere Infos gibt es unter www.querstadtein.org/de.
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