Wer hat’s erfunden? Ottomar Anschütz!
125 Jahre Kino – Erinnerung an einen Pionier der Serienfotografie und Kinematografie

Ottomar Anschütz
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  • Ottomar Anschütz
  • Foto: Holger Anschütz
  • hochgeladen von Karen Noetzel
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Das Kino feiert 125. Geburtstag. Als Erfinder der laufenden Bilder nennt man gemeinhin die Brüder Lumière. Aber waren die Franzosen es wirklich? Zumindest gelten die in rascher Folge projizierten Chronofotografien des Friedenauers Ottomar Anschütz als Vorläufer des Kinofilms.

Nehmen wir das Jubiläum zum Anlass, auf seine Erfindung zurückzublicken. Ottomar Anschütz (1846-1907), der in einem Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Friedhof Friedenau ruht, präsentierte am 25. November 1894 zum ersten Mal öffentlich seinen bereits patentierten „Projektions-Schnellseher“. Vor einem geladenen Kreis wurden im großen Hörsaal des Postfuhramts in der Artilleriestraße „lebende Bilder“ auf einer sechsmal acht Meter großen Leinwand gezeigt. Den Projektor bediente Anschütz' Sohn Guido, ein gelernter Mechaniker. Auch er wohnte in Friedenau, in der Sponholzstraße 4b. Das Ereignis fand neun Monate vor der ersten öffentlichen Vorstellung der Lumière-Brüder im Pariser Grand Café statt. Holger Anschütz, größter Fan seines Urgroßvaters, weiß mehr: „Nachmittags wurde die Vorführung zu Wohltätigkeitszwecken für die Mitglieder der photographischen Vereine wiederholt. Für die Vorbereitungen waren ihm Räume in dem noch nicht vollendeten Reichstagsgebäude zur Verfügung gestellt worden.“

In der 90-minütigen Vorführung sahen die Zuschauer fünf Bilderreihen: einen Kürassier im langsamen Trab, einen Parademarsch, ein Schnellfeuer, ein schreitendes Kamel und den Pferdsprung eines Turners. Ottomar Anschütz benutzte für Aufnahmen und Projektion keinen damals wenig zuverlässigen amerikanischen Kodakfilm, sondern Glasplatten. Der Nachteil: Das Zentrieren der Glasplatten machte viel Arbeit und verlangte größte Präzision. „Dies dauerte im Durchschnitt für ein Bild eine Stunde“, berichtet Holger Anschütz. „Also für eine Bildreihe 24 Arbeitsstunden.“ Trotzdem war Ottomar Anschütz nach den ersten Vorführungen nicht zufrieden. Der Apparat ratterte zu sehr. Die Bilder waren zu wackelig. Anschütz tüftelte die nächsten Monate an seinem Projektions-Schnellseher weiter.

Am 22. Februar 1895 präsentierte der Erfinder im Sitzungssaal des alten Reichstagsgebäudes in der Leipziger Straße 4 vor rund 300 Zuschauern ein 40 Bildreihen umfassendes Programm. Über die Bildreihe „Einseifen beim Barbier“ schrieb im selben Jahr die Fachzeitschrift „Photographische Rundschau“: „Unter den von Anschütz vorgeführten Reihenaufnahmen ist das Einseifen beim Barbier von geradezu überwältigender Komik, ein Herr sitzt zurückgelehnt auf dem Stuhle, vor ihm steht der mit Seife und Pinsel bewaffnete Barbier und waltet seines Amtes. Seitwärts zieht der Gehilfe das Messer auf dem Streichriemen ab. Das langsame Hin- und Herfahren des Messers auf dem Riemen, die Körperbewegung des einseifenden Barbiers und das Fingerspiel des Eingeseiften sind von unübertrefflicher Naturtreue.”

Holger Anschütz gibt zu bedenken, dass es sich bei den Bildreihen um sorgfältig inszenierte Darbietungen mit Schauspielern oder oder zumindest Darstellern in Kulissen handelt. „Die ganze Handlung und jede Bewegung aller Personen waren vorher in allen Einzelheiten geplant. Heute würde man von einem Drehbuch und von einer Regie sprechen“, sagt er. Die Schlussfolgerung des Urenkels: „Ottomar Anschütz war hiermit unbewusst zum ersten Drehbuchautor und Regisseur geworden.“

Trotz der Erfolge war dem Projektor nur ein kurzes Leben beschieden. Den perforierten Film hat Anschütz nicht erfunden. Doch er hat die entscheidende Vorarbeit geleistet. Ohne den Schnellseher kein Kinematograph. „Sein ganzes Leben lang hielt er die Details seiner Chronophotographie-Kamera geheim. Erst 1940, 33 Jahre nach dem Tod von Ottomar, beschreibt sein Sohn diese Serienkamera”, schließt Urenkel Holger Anschütz.

Autor:

Karen Noetzel aus Schöneberg

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