"Haltet Abstand von den Polen!"
Ausstellung zeigt verdrängte Geschichte der Zwangsarbeiter in der Hufeisensiedlung

Der 18-jährige Sidor N. vor seiner kärglichen Essensration.
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  • Der 18-jährige Sidor N. vor seiner kärglichen Essensration.
  • Foto: Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit
  • hochgeladen von Ulrike Martin

Millionen von Menschen wurden während der Nazi-Diktatur als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert. Kaum bekannt ist, dass es auch in Britz zwei Zwangsarbeiterlager gab – an der Onkel-Bräsig-Straße und an der Fulhamer Allee. Die Anwohnerinitiative „Hufeisern gegen Rechts“ hat dazu jetzt eine Ausstellung erarbeitet, die am 8. Mai von 13 bis 17 Uhr auf dem Platz vor der Hufeisentreppe zu sehen ist.

Das Datum ist nicht zufällig gewählt. Am 8. Mai 1945 war mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht der Zweite Weltkrieg beendet. In zahlreichen europäischen Ländern ist der Tag ein Feiertag. Zur Situation der Zwangsarbeiter in Britz werden 19 Infotafeln gezeigt. Um 16.30 Uhr ist die Enthüllung einer Gedenktafel am Standort des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers in der Onkel-Bräsig-Straße 6-8 geplant. „Das Kapitel Zwangsarbeit ist insgesamt aus dem Geschichtsbewusstsein weitgehend verschwunden“, sagt Jürgen Schulte von „Hufeisern gegen Rechts“. „Über die Lager in Britz haben wir erst 2010 einige Informationen erhalten, durch einen Zeitzeugen aus den Niederlanden, der hier als Zwangsarbeiter interniert war.“

Die Künstlerin Margarete Kubicka unterstützte die Zwangsarbeiter in Britz mit Lebensmitteln und Informationen.
  • Die Künstlerin Margarete Kubicka unterstützte die Zwangsarbeiter in Britz mit Lebensmitteln und Informationen.
  • Foto: Hufeisern gegen Rechts
  • hochgeladen von Ulrike Martin

Die Initiative begann zu forschen, nahm Kontakt zu Stanislaw Kubicki auf, dem Sohn der Künstlerin Margarete Kubicka, die die Zwangsarbeiter mit Lebensmitteln und Informationen unterstützt hatte. Fündig wurden die Mitglieder auch bei dem Kulturhistoriker Bernd Bremberger und seinen Schriften zu diesem Thema. Das Ergebnis ist die Broschüre „Zwangsarbeit in der Hufeisensiedlung – eine verdrängte Geschichte“.

Zwischen 1942 und 1945 lebten in den beiden Britzer Lagern sowie in einigen Haushalten und kleinen Gewerben 18 Zwangsarbeiter aus Polen und der damaligen Sowjetunion. „Kaum eine/r Anwohner*in konnte oder wollte sich an die Menschen erinnern, die hier unter unwürdigen Bedingungen in einer Baracke untergebracht waren“, ist in der Broschüre zu lesen. Dabei seien sie täglich durch die Siedlung gezogen, um Straßen und Plätze zu reinigen, Reparaturen in den Häusern vorzunehmen und Kriegsschäden zu beseitigen. Leider lasse sich nur wenig aus dem Dasein dieser Menschen rekonstruieren. Was zusammengetragen wurde, ist auf den Infotafeln und in dem Begleitheft dokumentiert.

Merkblatt mit Verhaltensregeln

So ist in der Broschüre ein Foto des 18-jährigen Sidor N. aus der Ukraine zu sehen, der an einem Tisch in der Baracke vor seiner kärglichen Essensration aus 300 Gramm Brot, 20 Gramm Zucker und 20 Gramm Margarine sitzt. Auf seiner Jacke ist das Abzeichen „Ost“ aufgenäht. Auf einer anderen Seite ist ein „Merkblatt“ abgedruckt. Es informiert die Deutschen darüber, dass sie Abstand zu den Polen zu halten haben, sie nicht mit am Tisch essen lassen sollen. Weitere Hinweise: „Nehmt die Polen nicht in eure Gasthäuser mit!“, „Bei euren Feiern und Festen haben die Polen nichts zu suchen!“, „Gebt den Polen auch sonst keine Vergünstigungen!“ – Geschenke würden die Arbeitsfreudigkeit nicht steigern. „Mit der Ausstellung und der Gedenktafel wollen wir daran erinnern, dass Rassismus und Missachtung der Menschenwürde Verbrechen sind“, erklärt Jürgen Schulte.

Die Broschüre kann unter hufeiserngegenrechts.de und per E-Mail an hufeisern@posteo.de bestellt werden.

Autor:

Ulrike Martin aus Zehlendorf

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