Ein Viadukt erwacht zum Leben
Die Siemensbahn wird nach 40 Jahren aus dem Dornröschenschlaf geweckt

Seit 40 Jahren ungenutzt. Das Viadukt der Siemensbahn in Siemensstadt.
4Bilder
  • Seit 40 Jahren ungenutzt. Das Viadukt der Siemensbahn in Siemensstadt.
  • Foto: Thomas Frey
  • hochgeladen von Thomas Frey

Einst markante Bauwerke, die irgendwann in Vergessenheit geraten sind, hat es bis vor Kurzem viele in Spandau gegeben. Auffällig ist aber, dass es Bestrebungen gibt, mehrere davon wieder zum Leben zu erwecken. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Siemensbahn.

Seit mehr als 40 Jahren zieht sich ihr einstiges Trassenviadukt ungenutzt durch Siemensstadt. Es ist da, fällt auch in den Blick, wurde aber kaum noch wahrgenommen. Vegetation konnte sich ungestört ausbreiten, die Bahnhöfe wurden auf verschiedene Weise zweckentfremdet.

Der Bahnhof Gartenfeld.
  • Der Bahnhof Gartenfeld.
  • Foto: Thomas Frey
  • hochgeladen von Thomas Frey

An der Station Gartenfeld gab es mehrere Jahre einen Gartenmarkt. Nach diesem Interermezzo dominiert auch hier die ungezügelte Natur. Ein wenig wirkt der Bahnhof wie im Dornröschenschloss. So wie die Bahnhöfe Siemensstadt und Wernerwerk. Sie wurden zu Notquartieren für Obdachlose, Treffpunkte für Partys in ungewöhnlichem Ambiente, auch Opfer von Vandalismus. Berge von Müll sammelten sich im Laufe von Jahrzehnten an. Darunter befanden sich Fundstücke, die wie in einer Zeitkapsel hier verschlossen waren, wie Plakate, auf denen Konzerte im Jahr 1980 in der Deutschlandhalle angekündigt wurden.

Was sich in vier Jahrzehnten an Müll ansammelt. Aufnahme aus dem vergangenen Jahr im Bahnhof Wernerwerk.
  • Was sich in vier Jahrzehnten an Müll ansammelt. Aufnahme aus dem vergangenen Jahr im Bahnhof Wernerwerk.
  • Foto: Thomas Frey
  • hochgeladen von Thomas Frey

Dass solche "Schätze" jetzt gehoben werden, hängt natürlich mit dem Reaktivieren der Siemensbahn zusammen. Auf der Strecke sollen ab 2029, wenn dieser Abschnitt der Berliner S-Bahn den 100. Geburtstag seiner Einweihung feiert, wieder Züge fahren. Kommt es so, wäre sie nur die Hälfte der Zeit in Betrieb gewesen. Warum das so war, hängt nicht zuletzt mit der Berliner Nachkriegsgeschichte zusammen.

Auch nach der Teilung der Stadt lag die Verantwortung für die gesamte S-Bahn bei der in Ost-Berlin ansässigen Deutschen Reichsbahn. Vor allem nach dem Mauerbau wurde sie zum Vehikel für den West-Berliner Protest. Motto: Wer S-Bahn fährt, unterstützt das unmenschliche DDR-Grenzregime.

Der Boykott zeigte Wirkung, die S-Bahn wurde im Westteil der Stadt nur noch selten genutzt und fuhr dort jährliche Verluste im dreistelligen Millionenbereich ein. 1980 sollte es deshalb zu einem massiven Ausdünnen von Strecken und Taktzeiten kommen. Daraufhin traten die West-Berliner S-Bahnmitarbeiter in einen Streik, in dessen Folge einem Großteil gekündigt wurde. Nur drei von vorher zehn Linien blieben in Betrieb. Unter den stillgelegten war auch die Siemensbahn.

Ende 1983 schloss der Senat ein Abkommen mit der Ost-Seite zwecks Übernahme des West-Berliner S-Bahn-Netzes. Für deren Betrieb war danach die BVG verantwortlich. Er umfasste bis zur Wiedervereinigung ebenfalls nur wenige, allerdings sehr lange Streckenabschnitte. Für die Siemensbahn änderte sich nichts. Gegen eine Reaktivierung sprach damals nicht zuletzt die teilweise parallel verlaufende U-Bahnlinie 7. Sie fuhr ab 1980 bis Rohrdamm, seit 1984 bis zum Rathaus Spandau.

Vegetation auf dem Viadukt.
  • Vegetation auf dem Viadukt.
  • Foto: Thomas Frey
  • hochgeladen von Thomas Frey

Dabei blieb es auch fast drei Jahrzehnte seit 1990. Manchmal kamen Ideen auf, wie das Viadukt vielleicht irgendwie genutzt werden könnte. Vor einigen Jahren wurde der Vorschlag diskutiert, auf der einstigen Bahntrasse vielleicht einen Radweg einzurichten.

2018 waren auch solche Ideen Geschichte, als die Firma Siemens ihr Siemensstadt2 genanntes Vorhaben bekannt gab. Es umfasst vor allem den Bau eines neuen Quartiers mit Wohnungen, Gewerbe, Produktions- und Wissenschaftsstandort mit der Reaktivierung der Siemensbahn, deren Strecke am künftigen Stadtviertel vorbeiführt.

Die Geschichte wiederholt sich. Schon der Bau der Siemensbahn ging auf Betreiben von Siemens zurück. Das Unternehmen finanzierte das Projekt zunächst und verkaufte die fertige Strecke dann an das Land Berlin. Entstanden ist sie in Rekordtempo. 1925 begannen die Planungen, ab 1927 wurde gebaut. Zwei Jahre später war die Siemensbahn fertig.

So schnell geht es heute nicht mehr. Mittlerweile fehlt eine Brückenverbindung zwischen den Bahnhöfen Wernerwerk und Jungfernheide. Sie muss erst wieder errichtet werden.

Am Viadukt selbst ist nach Auskunft der Deutschen Bahn die Substanz in Ordnung. Er ist zwar überwuchert und vermüllt, braucht neue Schienen und eine umfassende Sanierung der Bahnhöfe, mehr aber nicht. Dies liege wohl auch daran, dass sich das Bauwerk mehr als 40 Jahre lang habe ausruhen können.

Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

27 folgen diesem Profil

1 Kommentar

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Beitragsempfehlungen

WirtschaftAnzeige
Stimmungsvoll und sicher: Der Spandauer Weihnachtsmarkt auf der Zitadelle hat bis 23. Dezember geöffnet.
10 Bilder

Lichterzauber Zitadelle
Spandauer Weihnachtsmarkt freut sich auf Besucher

Glück im Unglück: Nachdem aufgrund der Corona-Bestimmungen die Durchführung des traditionellen Spandauer Weihnachtsmarkts in der Spandauer Altstadt nicht möglich ist, fand sich eine wunderbare Alternative: Bis 23. Dezember 2021 dürfen Besucher auf der Zitadelle ein vorweihnachtliches Märchenland bestaunen. Romantisch in die schützenden Mauern der Festung eingebettet, verzaubert der Spandauer Weihnachtsmarkt in diesem Jahr mit stimmungsvollen Hütten, weihnachtlichem Naschwerk, traditionellem und...

  • Bezirk Spandau
  • 25.11.21
  • 480× gelesen
KulturAnzeige
Truck Stop tritt am 10. Dezember im Fontane-Haus auf.
Aktion

"Schöne Bescherung" im Countrystyle
Gewinnen Sie Tickets für das Konzert von Truck Stop

Die erfolgreichste deutsche Country-Band aller Zeiten geht im Winter 2021 wieder auf Weihnachtstournee. Am 10. Dezember bringen sie im Fontane-Haus Hits wie "Ich möcht so gern Dave Dudley hör`n", "Der wilde, wilde Westen“, "Take it easy altes Haus", „Arizona, Arizona“ und „Großstadtrevier“. Echte Typen mit Cowboyhut geben Gas Unverwechselbar seit vielen Jahrzehnten: Die „Cowboys der Nation“ sind erfolgreich in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Sie hängen die Cowboyhüte noch...

  • Bezirk Reinickendorf
  • 17.11.21
  • 443× gelesen
WirtschaftAnzeige

Parfümerie Gabriel
Trends in Ihrer Parfümerie Gabriel entdecken

Pssst… Schon jetzt auf der Suche nach dem passenden Weihnachtsgeschenk? Entdecken Sie bei uns attraktive Angebote und die neusten Trends, mit denen Sie Ihren Liebsten ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Als Dankeschön für ihre Treue gewähren wir Ihnen beim Kauf Ihrer Lieblingsprodukte 20 % Rabatt*! Da gute Beratung bei uns stets an erster Stelle steht, können Sie sich auf ein besonderes Shoppingvergnügen freuen. Wir freuen uns, Sie bei uns begrüßen zu dürfen. Ihr Team der Parfümerie Gabriel *Gilt...

  • Schmargendorf
  • 29.10.21
  • 187× gelesen
WirtschaftAnzeige
Die Inhaber Simone und Thomas Drüen sind Experten in Sachen Schlaf und Schlafkomfort.
3 Bilder

Ruhepol Schlafsysteme by Thomas Drüen
Über 30 Jahre Berufserfahrung für Ihren gesunden Schlaf

Können Sie uns heute sagen, was Sie in den nächsten drei Jahren machen? Nein! Wir können es ihnen aber verraten, Sie verbringen davon ein ganzes Jahr in Ihrem Bett! Und daher ist es so wichtig, dass Sie das richtige Schlafsystem haben! Profitieren Sie von unserem Wissen! Fundiertes Fachwissen über die Anatomie des Körpers, das Schlafverhalten und die dazugehörigen optimalen Materialien sind eine Selbstverständlichkeit für uns. Wir sind TÜV Süd geprüfte Fachberater. Wir wissen genau, welche...

  • Bezirk Reinickendorf
  • 29.10.21
  • 275× gelesen
WirtschaftAnzeige
Der Fingerabdruck wird als Profil in ein neues, ganz individuelles und persönliches Schmuckstück – einen Ohrring, einen Kettenanhänger oder einen Armreif – eingearbeitet.
4 Bilder

Persönlicher Schmuck
Erinnerung in seiner schönsten Form

Für viele Trauernde ist es ein Wunsch, ein Stück Erinnerung an den verstorbenen Menschen für immer bei sich zu haben. Wir können diesen Wunsch erfüllen: Wir bieten Ihnen an, den Fingerabdruck des geliebten Menschen als Schmuck ein Leben lang ganz nah bei sich zu tragen. Denn nichts ist so individuell und unverwechselbar wie der Fingerabdruck eines Menschen. Der Fingerabdruck wird als Profil in ein neues, ganz individuelles und persönliches Schmuckstück – einen Ohrring, einen Kettenanhänger oder...

  • Bezirk Spandau
  • 18.10.21
  • 423× gelesen

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen