Fotografisches aus drei Jahrzehnten DDR
Reinbeckhallen zeigt rund 160 Bilder von Roger Melis

Eines seiner letzten Bilder aus der DDR. Eine junge Frau wenige Stunden vor der Wiedervereinigung.
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  • Eines seiner letzten Bilder aus der DDR. Eine junge Frau wenige Stunden vor der Wiedervereinigung.
  • Foto: Roger Melis/Lehmstedt Verlag
  • hochgeladen von Ralf Drescher

Roger Melis (1940-2009) gehörte zu den bekanntesten Fotografen in der DDR. Die Reinbeckhallen zeigen seine Bilder den letzten drei Jahrzehnten des Landes.

Melis wuchs in einem Dorf bei Potsdam auf und ging bei der PGH Potsdamer Fotografen in die Lehre. „Atelierfotografie und Passbilder waren aber nicht mein Ding, ich wollte wissenschaftliche Fotografie betreiben“, bekennt Melis in einem Gespräch nach 1990. Das tat er dann auch bald, von 1962 bis 1968 als wissenschaftlicher Fotograf an der Charité. Nebenbei fotografiert Melis auch Dichter und Künstler, entwickelt die privaten Bilder in der Charité-eigenen Dunkelkammer.

Bereits damals entstehen viele Porträts, die man heute kennt, aber nicht sofort einem Fotografen zuordnen kann. Roger Melis fotografiert unter anderem Anna Seghers, Christa Wolf, Heiner Müller und auch den bereits verfemten Wolf Biermann. Dem Liedermacher verhilft er sogar zu einem seiner bekanntesten Lieder, was Biermann selbst bei einem Konzert 2010 erzählt hat. So war Wolf Biermann Anfang der 70er Jahren mit dem amerikanischen Dichter Allen Ginsberg in der Friedrichstraße unterwegs. Aus Spaß stellte sich Biermann auf der Weidendammbrücke vor den gusseisernen preußischen Adler, Ginsberg knipste den Liedermacher mit jenem „Preußischen Ikarus“. Das Bild sah später Roger Melis und stellte das Motiv mit dem Liedermacherfreund für seine Profikamera nach. Erst danach schrieb Wolf Biermann sein berühmtes Lied vom „Preußischen Ikarus“ am Geländer über der Spree. Es zierte später sogar eine Plattenhülle und eines von Biermanns Büchern.

Jahre später wurde Melis die fehlende Distanz zu Gegnern der DDR zum Verhängnis. Nachdem seine Fotos unter anderem in der Wochenpost, der Sibylle und der Neuen Berliner Illustrierten (NBI) gedruckt wurden, realisierte er 1981 gemeinsam mit Erich Loest einen Beitrag für das westliche Magazin GEO. Das brachte ihm bis 1989 ein Publikationsverbot in der DDR-Presse ein. Bis zu deren Ende widmete er sich verstärkt Buch- und Ausstellungsprojekten.

Ebenso sorgfältig wie Künstler, Dichter und Musiker rückte Melis Bauern, Waldarbeiter, Verkäuferinnen und Handwerker ins richtige Licht. Er fotografierte Fabrikdirektoren, Dissidenten, Junge Pioniere und Halbstarke. Eines im letzten Augenblick der DDR entstandenes Foto zeigt am Abend des 2. Oktober 1990, wenige Stunden vor der Wiedervereinigung, eine junge Frau mit einem Baby im Arm. Nachdenklich steht sie mit ihrem Kind am Brandenburger Tor, im Hintergrund der Reichstag.

Die Ausstellung „Roger Melis: Die Ostdeutschen – Fotografien aus drei Jahrzehnten DDR“ ist noch bis zum 28. Juli in den Reinbeckhallen, Reinbeckstraße 17, zu sehen. Zusammengestellt hat sie sein Sohn Mathias Bertram. Am 16. Mai 18 Uhr und 1. Juni 16 Uhr gibt es mit ihm eine Kuratorenführung, Eintritt zwölf Euro, Anmeldung unter kontakt@reinbeckhallen.de. Geöffnet ist Donnerstag und Freitag von 16 bis 20 Uhr, Sonnabend, Sonntag und feiertags von 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet fünf, ermäßigt drei Euro, am Freitag ist der Eintritt frei.

Zur Ausstellung ist im Lehmstedt Verlag ein Katalog erschienen, der im Schuber die Bildbände „Die Ostdeutschen“ und „In einem stillen Land“ (zusammen 48 Euro) enthält (ISBN 978-395797-081-7).

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