"Das ist ein Fass ohne Boden"
Friedhof "In den Kisseln": Beschwerdeflut wegen Wildschweinen

Reiner Buschkowiak hat es aufgegeben, das Doppelgrab seiner Eltern und Großeltern jeden Tag aufs Neue herzurichten.
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Auf dem Friedhof „In den Kisseln“ nimmt die Wildschweinplage kein Ende. Jetzt macht die Friedhofsgärtnerei wegen massiver Beschwerden Druck beim Bezirksamt.

Kindergrab verwüstet. Memorium-Garten durchwühlt. Doppelgrab zerstört. Rasen zerpflügt. Jede Nacht verwüsten die Schwarzkittel auf dem Friedhof „In den Kisseln“ unzählige Gräber, und die Beschwerden darüber reißen nicht ab. „Gegen diese Plage muss endlich etwas unternommen werden“, sagt Sabine Fröhlich. „Wir Geschädigte wollen mit unseren Sorgen ernst genommen werden.“

Sabine Fröhlich spricht für mehrere Dutzend betroffene Spandauer, die nicht mehr weiter wissen und das Bezirksamt als Grundstückseigentümer auffordern, Verantwortung zu übernehmen. Darum haben sie einen Brief an die Friedhofsverwaltung mit unterschrieben.

"Wir sind es leid"

Aufgesetzt hat ihn die Friedhofsgärtnerei der Paul-Gerhardt-Diakonie am Evangelischen Johannesstift. Mehr als 150 Unterschriften hat Bereichsleiter Torsten Kramer gesammelt und an das Bezirksamt geschickt. Der „massive Beschwerdedruck der Nutzungsberechtigten und gewerbetreibenden Mitstreiter hat eine Unterschriftenaktion notwendig werden lassen“, heißt es in dem Brief. Fragt man ihn persönlich, wird Torsten Kramer deutlicher. „Wir sind entsetzt und fassungslos. Seit Jahren werden wir vertröstet, das Problem aber nicht gelöst. Wir sind es leid.“ So musste die Paul-Gerhardt-Diakonie zum Beispiel eine Andacht zum Jahrestag ihres Memorium-Gartens auf dem Friedhof wegen der vielen zerstörten Gräber absagen. Die Diakonie fordert das Bezirksamt auf, „umgehend eine Lösung zu finden“ und kündigt an, alle zusätzlichen Arbeiten wegen der Wildschweinplage dem Bezirksamt gegebenenfalls in Rechnung zu stellen.

Erheblicher finanzieller Schaden

Oliver Siegmund, Geschäftsführer der Dauergrabpflegegesellschaft „Friedhof Treuhand Berlin“, hat ebenfalls unterschrieben. “Die Wildschweine stören nicht nur die Totenruhe. Den Angehörigen entsteht auch ein erheblicher finanzieller Sachschaden“, sagt Siegmund. Denn laut Berliner Friedhofsordnung haftet bei Schäden durch Tiere nicht die öffentliche Hand, sondern der Nutzungsberechtigte. „Ganz zu schweigen von der emotionalen Belastung, wenn das Grab eines geliebten Angehörigen wiederholt zerstört wird“, sagt Oliver Siegmund.

Das weiß auch Lutz Haack. Alle zwei Tage muss er eine weinende Mutter trösten, weil Wildschweine schon wieder das Grab ihres Kindes zerstört haben. Der Mitarbeiter von „Grabpflege Marianne Wilke“ hilft, wo er kann. Derweil hebt seine Chefin resigniert die Schultern. „Wir kommen mit der Arbeit nicht mehr hinterher“, sagt Marianne Wilke. Zuletzt seien 25 Gräber, die sie im Auftrag ihrer Kunden pflegt, verwüstet worden.

„Das Doppelgrab pflegen jetzt die Wildschweine"

Auch Reiner Buschkowiak ist sauer. „Das Doppelgrab meiner Eltern und Großeltern pflegen jetzt die Wildschweine.“ Seit 2012 kümmert sich der Spandauer um die Grabstelle, und genauso lange schon wühlen sich dort die Wildschweine durch die Erde – auf der Suche nach essbaren Wurzeln, Würmern und Pilzen. „Die Friedhofsverwaltung reagiert seit Jahren nicht“, sagt Buschkowiak. Sollte er abgemahnt werden, weil er das Grab nicht mehr pflegt, will er sich einen Rechtsbeistand nehmen.

Der Friedhof an der Pionierstraße ist mit rund 20 000 Grabstellen Berlins größter städtischer Friedhof. Weil der Friedhof ziemlich waldig ist, finden Wildschweine auf dem Gelände ideale Verstecke. An die 40 Schwarzkittel sollen mittlerweile dort hausen, schätzt die Friedhofsgärtnerei. Im Bezirksamt geht man hingegen nur von acht bis zwölf Tieren aus. Wobei laufend versucht werde, die Wildschweine vom Friedhofsgelände zu vertreiben. Zuletzt seien fünf Tiere beseitigt worden, teilt Lars Struve, Referent von Baustadtrat Frank Bewig (CDU), mit. Wegen der „untragbaren Situation“ verfolge das Grünflächenamt seit Jahren ein Konzept, das den Wildschweinbestand auf dem Friedhof auf ein Minimum reduzieren soll und zwar durch Zaunerneuerungen, Wildschwein sichere Gitterroste und neuer Eingangstüren. „Rund 200 000 Euro haben wir in den letzten zwei Jahren dafür ausgegeben“, so der Referent. Für Torsten Kramer und Oliver Siegmund ist das nicht konsequent genug. „Das hat ja offenbar nichts gebracht, die Wildschweine sind immer noch da.“ Weshalb das Bezirksamt den 3,7 Kilometer lange Maschendrahtzaun rund um den Friedhof jetzt komplett durch einen sicheren Stahlmattenzaun mit Unterwühlschutz ersetzen will. Die geschätzten 600 000 Euro stehen im laufenden Bezirkshaushalt allerdings noch nicht bereit, lässt der Stadtrat wissen.

Stahlmattenzaun muss her

Besagter Stahlmattenzaun ist auch für andere die sinnvollste Lösung. „Der hält für die Ewigkeit“, sagt ein Stadtjäger, der auch für diesen Friedhof zuständig ist. Ein Maschendrahtzaun sei für Wildschweine kein ernsthaftes Hindernis. „Die drücken ihn hoch und robben unten durch.“ Beim Landesforstamt, der Gestattungsbehörde für die rund 30 ehrenamtlichen Berliner Stadtjäger, gilt der Spandauer Friedhof als der problematischste in ganz Berlin. „Andere Bezirke wie Charlottenburg-Wilmersdorf haben schon vor zehn Jahren reagiert und Stahlmattenzäune eingebaut“, sagt der Stadtjäger. Doch was ist, wenn die Tiere bereits auf dem Friedhofsgelände leben? „Dann hilft nur eine professionelle Treibjagd.“ Aber selbst die ist keine Garantie, da Wildschweine schlau sind und sich gut verstecken können, weiß der Stadtjäger, der zuletzt zum Jahresanfang zwei Wildschweine auf dem Friedhof geschossen hat. Im Sommer sollte er wieder schießen, lehnte aber ab. „Solange der Zaun nicht in Ordnung ist, Zufahrtstore und Seiteneingänge offen stehen und Jungtiere sich durch Gitterstäbe zwängen können, weil die zu breit sind, bringt das nichts. Das ist ein Fass ohne Boden.“

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