Bürger allein auf der Bühne
Ivorische Tänzer durften nicht kommen

Aus dem Chaos entsteht die Welt – Szene aus den Metamorphosen.  | Foto: [bildautor]Fotos: Patryk Witt[/bildautor]
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  • Aus dem Chaos entsteht die Welt – Szene aus den Metamorphosen.
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Das Bürgerensemble der Jugendtheaterwerkstatt Spandau arbeitet sich noch bis in den Juli an Ovids Metamorphosen ab – allerdings ohne die lange fest eingeplanten Tänzer von der Elfenbeinküste.

So könnte es gewesen sein am Anfang der Welt: Die Zuschauer betreten einen Theaterraum, in dem Nebel wabert, und in dessen Mitte ein großer schwarzer Kasten steht. Auch Ovid hat um Christi Geburt herum in seinen Metamorphosen sich ein undefinierbares Chaos vorgestellt, aus dem sich langsam die Welt entwickelte, die wir kennen.

So lassen es auch die Spandauer Schauspieler in der Regie von Carlos Manuel angehen: Zunächst undefinierbare Wesen machen mit Schreien auf sich aufmerksam, und entpuppen sich schließlich als unterschiedliche Gottheiten. Der Mensch kommt erst später zum Zuge.

So ist es nun einmal in der griechischen und römischen Mythologie. Als die Welt aus dem Chaos entstand, war das Chaos noch lange nicht zu Ende. Unterschiedliche Götter liebten und hassten einander, folgten ihren Trieben bis ins Verbrechen. Irgendwann war dann der Mensch dazwischen, oft als Halbwesen aus Gott und Sterblichem, irgendwann schließlich in der Reinform des Irdischen.

In knappen Szenen lassen die Schauspieler oft artistisch die Konflikte der Unsterblichen aufblitzen. Wer sich schon als Kind gerne durch reich bebilderte Bücher über die alten Mythen las, wird manche Lektüre-Erinnerung auffrischen. Und wer sich im Wirrwarr von göttlicher Liebe und göttlichem Hass nicht auskennt, dürfte neugierig geworden sein.

Schizophrene Kulturpolitik

Ohne überheblichen Zeigefinger weisen die Metamorphosen auch auf die Veränderungen am Ort ihres Spiels. Ins Falkenhagener Feld sind oft Menschen gezogen, die sich Wohnungen anderswo in der Stadt nicht leisten können. Hier liegt dann die Verbindung zum Kooperationspartner „Les pieds dans la mare“ von der Elfenbein-Küste. Die Choreographin Jenny Mezile arbeitet darin mit Jugendlichen, die sie im Wortsinn von der Straße aufgelesen hat. Einige von ihnen sind inzwischen selbst Tanzlehrer. Das dem Auswärtigen Amt unterstehende Goethe-Institut empfahl der Produktionsleiterin Julia Schreiner ausdrücklich die Kooperation, die nicht nur in der Anwesenheit Jenny Meziles in Spandau bestehen sollte, sondern auch in der Mitwirkung von sieben Tänzern. Wiederum das Auswärtige Amt verweigerte diesen jedoch die Visa, wegen angeblich „geringer Rückkehrwilligkeit“. Jetzt erinnern die Spandauer Schauspieler in der Leerstelle der Inszenierung an diesen Skandal deutscher auswärtiger Kulturpolitik.

Zu sehen sind die Metamorphosen noch am Freitag, 29. Juni, um 19 Uhr sowie am Sonnabend, 30. Juni, um 18 Uhr (hier mit Audiodeskription für Sehbehinderte) und am Sonntag, 1. Juli, um 16 Uhr in der Jugendtheaterwerkstatt Spandau, Gelsenkircher Straße 20. Der Eintritt ist frei, es wird um Spenden gebeten.

Karten sollten bestellt werden unter 37 58 76 23 oder per E-Mail unter post@jtw-spandau.de.

Autor:

Christian Schindler aus Reinickendorf

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