Start-ups statt Schneider
Im ehemaligen Warenhaus Jandorf am Weinbergspark werden jetzt Apps programmiert

Sophie Ritter (links) von Reach Now und Annika Schaich von Share Now im Dachgeschoss des früheren Kaufhauses Jandorf. Wo einst die Nähateliers waren, programmieren heute junge Start-ups neue Mobilitätsdienste.
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  • Sophie Ritter (links) von Reach Now und Annika Schaich von Share Now im Dachgeschoss des früheren Kaufhauses Jandorf. Wo einst die Nähateliers waren, programmieren heute junge Start-ups neue Mobilitätsdienste.
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Eines der imposantesten Gebäude im Bezirk fristet seit drei Jahrzehnten ein merkwürdiges Dasein. Mal war es für Messen oder Events offen für ein paar Tage, dann wieder monatelang dicht. Seit Sommer ist das Baudenkmal mit der markanten Turmhaube Bürohaus für Start-ups. Der Autokonzern Daimler als Mieter entwickelt dort gemeinsam mit BMW neue Mobilitätsdienste.

Im großen Foyer stehen Kicker, Kaffeebar und Sitzecken. Dazu auch längere Tische, an denen man sich schnell mal zusammensetzen kann, wenn es was zu besprechen gibt. An den Decken hängen Lüftungsrohre und Kabeltrassen – typisches Fabrikloftflair für Start-ups. Der zweigeschossige Lichthof und der breite Treppenaufgang lassen jedoch erahnen, dass dort früher nicht geschraubt und malocht wurde, sondern dass es in den verzierten Gemäuern um Glanz und Luxus ging.

Das Haus an der Brunnenstraße wurde 1905 vom Kaufhaus-König Adolf Jandorf nach Plänen der Architekten Lachmann & Zauber erbaut. Jandorf gehörte neben Oscar und Hermann Tietz sowie Georg Wertheim zu den Pionieren, die als erste Einkaufspaläste nach amerikanischem Vorbild errichteten. Die imposanten Verkaufsetagen mit jeder Menge Luxus wurden 1927 vom Kaufhauskonzern Hermann Tietz übernommen – später bekannt als Hertie. Das Jugendstilgebäude blieb im Zweiten Weltkrieg weitestgehend vor Zerstörungen verschont.

1952 zogen die Schneider des Sozialismus in das Kaufhaus und kreierten im Modeinstitut der DDR den Schick der Arbeiterklasse. Im Foyer fanden glamouröse internationale Modenschauen statt. Das Haus der Mode, wie das Gebäude in der DDR hieß, wurde nach der Wende von der Treuhand abgewickelt und stand seitdem leer.

Viele Ideen, aus denen nichts wurde

Der Besitzer Jacob Schultz, der den Sitz des früheren DDR-Modeinstituts 1993 von der Treuhand gekauft hat, hatte schon viele Pläne mit dem Gebäude. Ursprünglich wollte der Frankfurter Hotelier das 1905 als „Warenhaus am Weinberg“ bekannt gewordene Kaufhaus zum Hotel oder Konferenzzentrum ausbauen. Schultz hat Mitte der 90er-Jahre mehrere Millionen Euro in die Sanierung des berühmten Warenhauses Jandorf gesteckt und Fassade und Dach restauriert. Aus dem Bürocenter wurde nichts, genauso wenig wie aus einem noblen Shoppingcenter. Das Gebäude mit seinem riesigen Lichthof gilt als schwierig für eine andere Nutzungen. Es wurde schließlich als Kaufhaus konzipiert. Hotelbetreiber wollen meistens mehr als die maximal möglichen 100 Zimmer.

Es gab in den vergangenen Jahren viele Interessenten und Ideen – ein Jandorf-Flagshipstore für große Modemarken etwa oder ein Nobel-Lebensmittelladen mit hochwertigen mediterranen Produkten. Auch Amazon und Apple wollten einziehen, kamen aber mit dem Ex-Kaufhaus irgendwie nicht zurecht.

Die jetzige Nutzerin, die Daimler AG, die das einstige Haus der Mode von der Frankfurter Hotelierfamilie langfristig gemietet und seit zwei Jahren saniert hat, ist schon länger mit dem Gebäude verbunden. Die Edelschneider der Mercedes-Benz Fashion Week haben in dem bis auf die Pfeiler entkernten Warenhaus seit acht Jahren ausgestellt. Das Kaufhaus war lange beliebter Veranstaltungsort für Messen und Präsentationen. Das Morbide mit den blanken Betonwänden und Stahlträgern und der abgeplatzten Farbe an den Decken hatte sogar die CDU-Werbetruppe begeistert, die dort im Bundestagswahlkampf 2017 ein „begehbares Wahlprogramm“ installiert hatte

Spuren der Vergangenheit

Hunderte Spuren der Vergangenheit sind nach der Sanierung des Denkmals erhalten. Farb- und Tapetenschichten wurden freigelegt, Säulen und Ornamente, die polierten Messinggeländer oder die Holzpaneelen und Lampen aus den 1950er-Jahren – „aus allen Phasen der Geschichte gibt es hier Spuren“, sagt Architekt Peter Kerscher, der den Umbau geleitet hat. Er lobt die „absolut vorbildliche Zusammenarbeit mit den Denkmalbehörden“. Eine einzige große Glasvitrine im Treppenhaus ist noch erhalten. Früher wurden dort Waren präsentiert. Kerscher will in der Vitrine eine kleine Ausstellung über die DDR-Modezeitschrift Sibylle installieren, die im Modeinstitut herausgegeben wurde.

Auf den einzelnen Kaufhausetagen, wo früher Warenregale und später die Reißbretter und Nähmaschinen der DDR-Modedesigner standen, programmieren seit Sommer bis zu 700 Mitarbeiter Apps für die Mobilitätsdienste von Your Now – dem Verbund von Daimler und BMW. Das frühere Kaufhaus ist jetzt die Zentrale der fünf Joint Ventures Reach Now, Share Now, Free Now, Park Now und Charge Now. Es gibt Großraumbüros und gläserne Konferenzräume zwischen den Säulen, kleine Sitzecken fürs Brainstorming und Telefonboxen, wenn jemand mal mit einem Homeoffice-Kollegen reden muss und dabei vielleicht etwas lauter werden möchte. In den einstigen Nähatleliers im Dachgeschoss stehen ebenfalls Schreibtische. Den Zugang zum restaurierten Turm haben die Architekten zugemacht, weil man den Turm sonst bauphysikalisch hätte verändern müssen, sagt Projektleiter Peter Kerschner. Unter der Turmhaube ist jetzt eine runde Sitzecke, gleich daneben eine Kaffeebar mit Tresen, auf dem Obstkörbe stehen.

Autor:

Dirk Jericho aus Mitte

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