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Im Kiez von „Petroleummaxe“

Die Karl-Kunger-Straße wird durch Häuser aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg geprägt.
Die Karl-Kunger-Straße wird durch Häuser aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg geprägt. (Foto: Ralf Drescher)

In der Berliner Woche ist der Kunger-Kiez oft ein Thema. Ein lebendiger Stadtteil mit Kultur, Künstlern und leider auch steigenden Mieten und Verdrängung sozial schwächerer Bewohner. Aber wer war eigentlich der Namensgeber?

Die Karl-Kunger-Straße trägt ihren Namen erst seit 1962 und das legt nahe, dass DDR-typisch politische Gründe dafür herangezogen wurden. Karl Kunger (1901-1943) war KPD-Mitglied, er arbeitete in den 30er-Jahren in der AEG-Apparatefabrik Treptow (heute Teil des Allianz-Areals). Nach Beginn der NS-Diktatur kämpfte er gegen das Naziregime, wurde mehrmals festgenommen und schließlich zum Tode verurteilt – vermutlich wegen Hochverrat. Am 18. Juni 1943 wurde er in Plötzensee mit dem Fallbeil hingerichtet.

Ursprünglich war die Straße nach Max Graetz (1861-1936) benannt, einem honorigen Treptower Unternehmer. Er war Mitinhaber der als Handwerksbetrieb gegründeten Firma Ehrich & Graetz an der Elsenstraße. Dort wurden Anfang des 20. Jahrhunderts Petroleumlampen gebaut. Eine von Max Graetz entwickelte Starklichtlampe wird bis heute gebaut. Die „Petromax“, die vergastes Petroleum zum Brennen und damit ähnlich wie eine Gaslaterne Glühstrümpfe zum Leuchten bringt, trägt sogar den Namen des Erfinders, der von seinen Freunden in der Treptower Gemeindevertretung als Petroleummaxe bezeichnet wurde.

Seit dem 13. August 1961 verlief hinter den Häusern der heutigen Karl-Kunger-Straße die Sektorengrenze zu Neukölln. Über ein Vierteljahrhundert lag das Wohngebiet dann im Schatten der Mauer. Wer nachts durch die Karl-Kunger-Straße spazierte, traf auf bewaffnete Grenzer. Häuser in den angrenzenden Nebenstraße wie Elsen-, Wildenbruch- oder Bouchéstraße lagen schon im Grenzgebiet und durften nur mit Passierschein betreten werden.

Nach dem Fall der Mauer lag der Kunger-Kiez plötzlich wieder in der Mitte Berlins. Zahlreiche Kreative zog es hierher, günstige Wohnungen wurden knapp. Für den, der es sich leisten kann, bietet das Areal um die Karl-Kunger-Straße heute eine gute Mischung. Hier gibt es neben Buchläden sogar noch eine Fleischerei und auch ein Fotoatelier, dazu Cafés und das bezirkliche Kulturzentrum „Gérard Philipe“ mit der Manfred-Bofinger-Stadtteilbibliothek. Für die Kinder gibt es an der Bezirksgrenze zu Neukölln den Abenteuerspielplatz „Kuhfuß“. Ein Zusammenschluss örtlicher Akteure – die Kunger-Kiez-Initiative – betreibt eine Galerie und sogar ein eigenes Theater. Vor Ort haben Maler, Kunsthandwerker und ein Schuhdesigner eine Heimat gefunden. Die Bildhauerin Sorina von Keyserling fertigt in ihrem Atelier lebensechte Porträtbüsten.

Mindestens einmal im Jahr wird gefeiert, dann gibt es das „Baumscheibenfest“, und dem Gestalter der schönsten Baumscheibe winkt der „Goldene Gartenzwerg“.

Nach dem Ende der DDR gab es Überlegungen, der Karl-Kunger-Straße wieder ihren historischen Namen zu geben. Doch die Bemühungen von Bezirksverordneten verliefen leider im Sande. „Max Graetz war ein honoriger Unternehmer, der sich auch als Gemeindevertreter von Treptow eingebracht hat. Er verdient es, am Ort seines Wirkens geehrt zu werden“, sagt Stefan Förster, Vorsitzender des Heimatvereins Köpenick und ein Experte für Straßenbenennungen.

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