Erzähl-Café – Zeitzeugengespräch mit Torsten Harmsen

Was ist das Typische am Berliner? Ist es vielleicht die Sprache? Torsten Harmsen, gelernter Schriftsetzer und Journalist, stellte diese Fragen gleich zu Beginn der Vorstellung seines Buches „Neulich in Berlin…“ am 20. Januar im Erzähl-Café. Bei seinen Nachforschungen hatte er festgestellt, dass 1880 in den heutigen Kerngebieten wie Marienfelde, Tempelhof und Steglitz noch Niederdeutsch, also Platt, gesprochen wurde. Er machte das an dem Satz fest: „Steck man Kohlen in’n Ofen rin, det de Milch balle kocht“. In Biesdorf wurde daraus: „Duhe Koahlen in den Kachelah’n, det die Melk balle an to kochen fangt“. Und in Müggelheim hieß das „Du Kule in den Uwe, dass die Milch bal an zu koche fange“.
Weil ihn die Sprache fasziniert, entschloss sich Torsten Harmsen, dem Berliner „aufs Maul zu schauen“ (nach Martin Luther), seine Eindrücke zu sammeln und zu veröffentlichen. Im Erzähl-Café gab er einiges davon zum Besten.
Ein Beispiel: Neulich beim Flirten…
Mitten in der Nacht in der S-Bahn. Zufällig treffen sich ein Mann und eine Frau mittleren Alters. Sie haben sich offenbar lange nicht gesehen. „Mensch, ej“, ruft sie „du siehst ja richtig juut aus. Haste letzte Nacht nicht geschlafen?“ „Selba“, ruft er, „du hast dir übrigens jar nicht vaändert“. „Naja“, kokettiert sie eitel „schwarz macht eben schlank“. „Aba nicht vonne Seite!“ pariert er. Beide hauen sich vor Lachen weg über dieses schlagfertige Wiedersehen.
„Du hast ne Haut wien 17jähriger Pfirsich!“ – das ist das netteste Kompliment, das eine Berlinerin zu hören bekommt, Sie weiß das und fährt schon ganz früh ihre Krallen aus. „Ej, wat kiekst`n so? Mund zu, komm`Fliegen rin.“
Atze – so nannte man in Berlin den Bruder, egal, welchen Namen er wirklich trug. Die Schwester wiederum wurde Schwelle genannt. „Meene Schwelle hat`n neuen Macka“, hieß es einen schweren Stand.
„Scheiße am Stock ist och`n Bukett“, sagte ein Bekannter einmal, als es um die Frage ging, ob man einer Frau Blumen mitbringen sollte. Der Mann bringt am Ende doch echte Blumen mit nach Hause, und sie fragt ganz trocken: „Wo hast`n die jeklaut? Warste uff`m Friedhof?“ So viel zum Charme des Berliner und der Berlinerin,
So ziehen sich die Anekdoten durch das Buch, eine herrliche Köstlichkeit des urwüchsigen Berliners. Die Besucher/innen waren begeistert und konnten nicht genug davon hören. Da ein zweiter Band von „Neulich in Berlin…“ in Arbeit ist, werden wir sicher Herrn Harmsen 2020 wiedersehen und hören. Großen Dank an den Autor für den vergnüglichen Nachmittag.

Torsten Harmsen, Jahrgang 1961, arbeitet seit 1988 als Redakteur in der Berliner Zeitung, zuletzt im Feuilleton und im Wissenschaftsressort. In seinen bisherigen Büchern „Papa allein zu Haus“ und „Die Königskinder von Bärenburg“ verarbeitete er den Alltag als Vater zweier Töchter und erzählt die Geschichte der deutschen Teilung als Märchen. In seinen wöchentlichen Glossen in der Berliner Zeitung betrachtet er die Hauptstadt aus der Sicht eines Ur-Berliners.

Berlin, im Januar 2019
Eveline Harder

Die Texte stammen zum Teil aus dem Buch von T. Harmsen „Neulich in Berlin“

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