Die Siegesallee im Großen Tiergarten war einst die Freiluft-Ahnengalerie von Kaiser Wilhelm II.

Die Siegesallee auf einer alten Postkarte aus dem Jahre 1902.
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  • Die Siegesallee auf einer alten Postkarte aus dem Jahre 1902.
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Über sie ist buchstäblich Gras gewachsen, über die Siegesallee. Auf einem Fußweg kann man noch in Teilen dem Verlauf des ehemaligen Prachtboulevards durch den Großen Tiergarten folgen.

750 Meter lang war die Allee zwischen dem Königsplatz mit der Siegessäule, dem heutigen Platz der Republik vor dem Reichstag, und dem Kemperplatz mit dem Rolandbrunnen. 1947 diente sie noch als Kulisse für den Film „Berliner Ballade“. Gert Fröbe als Kriegsheimkehrer Otto Normalverbraucher legte an ihr eine Rast ein. Wenig später räumte die Alliierte Kommandantur mit diesem Symbol des Wilhelmismus auf. Die Allee wurde eingeebnet und mit Bäumen bepflanzt. Anfang dieses Jahrtausends wurde der Abschnitt von der Straße des 17. Juni bis zum Kemperplatz rekonstruiert. Mehr aber nicht. Die Rote Armee hatte 1945 genau in der Mitte der Allee das sowjetische Ehrenmal errichten lassen.

Die Berliner nannten die Allee spöttisch „Puppenallee“, „Marmorameer“ und „Nippes-Avenue“. Christian Morgenstern dichtete in „Neo-Berlin“: „Welche Kunstsiegesalleen! Welches Neulandgebuddel! Ein blendendes Phänomen: Dies Berliner Kulturkuddelmuddel“ und wünschte sich in einem weiteren Gedicht: „Ja, wenn die ganze Siegesallee aus Mehl gebacken wäre.“

Die Siegesallee war nach den Worten der Historikerin Katrin Wehry „eine Art Ahnengalerie“. Kaiser Wilhelm II. (1849-1941) gab 1895 den Auftrag, eine gut 20 Jahre zuvor angelegte Parkallee zu erweitern und mit mehr als 30 Denkmälern zu bestücken. 27 Bildhauer unter Leitung des Architekten Gustav Halmhuber (1862-1936) und des Bildhauers Reinhold Begas (1831-1911) formten Ton- und Gipsmodelle, nach denen Berliner Werkstätten die fast drei Meter großen Standbilder von Markgrafen und Kurfürsten, Königen und Kaisern von Albrecht dem Bären, dem Begründer der Mark Brandenburg im Jahre 1157, bis zum ersten Deutschen Kaiser Wilhelm I. im Jahre 1871 in Carrara-Marmor ausführten. Bis 1904 kamen noch drei weitere Figuren hinzu.

Heinrich Zille stand Modell für die Büste des Ritters Wedigo von Plotho, des „Bauernschlächters“ aus dem 14. Jahrhundert. Er war eine Nebenfigur des Markgrafen-Standbilds Heinrichs II. von Brandenburg, auch „das Kind“ genannt, weil er im Alter von nur zwölf Jahren verstarb. Modell für den jungen Markgrafen war übrigens der französische Cellist Paul Bazelaire, der gerade in Berlin Konzerte gab.

Keine einzige Frau fand als Statue Aufnahme in dieser Freiluft-Ahnengalerie. Allein Elisabeth, die erste Kurfürstin Brandenburgs, wurde als Relief auf der Rückenlehne einer Marmorbank abgebildet: zu Füßen ihres Gatten Friedrich I. Mit der Prachtallee wollte sich Wilhelm als Kunstkenner und Kunstförderer profilieren, seine Vorliebe für den Historismus zeigen und im Ausland den Ruf des Kaiserreichs mehren. Die Kosten für den „bleibenden Ehrenschmuck“ in Höhe von heute rund elf Millionen Euro beglich der Kaiser aus seiner Privatschatulle – und mit Steuergeldern, was Unmut auslöste.

Während der Novemberrevolution 1918 wären die Standbilder beinahe gesprengt worden. Die Mehrheitssozialisten in den Arbeiter- und Soldatenräten stimmten jedoch dagegen. Nach den Plänen Albert Speers sollte unter den Nazis die Allee zur Nord-Süd-Achse der „Welthauptstadt Germania“ ausgebaut werden. Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Figuren beschädigt oder gingen verloren. Heute sind noch 26 Standbilder und 40 Büsten in der Ausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ in der Zitadelle Spandau zu sehen. Ein Teil der Siegesallee heute, rekonstruiert als Spazierweg; im Hintergrund das sowjetische Ehrenmal.

Autor:

Karen Noetzel aus Schöneberg

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