Zwischen Dornröschenschlaf und Barbetrieb
Der Wasserturm am Obersee erfüllte nur 20 Jahre seinen eigentlichen Zweck

An der Waldowstraße im Zwei-Seen-Park steht ein Relikt früherer Wasserversorgung.
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  • An der Waldowstraße im Zwei-Seen-Park steht ein Relikt früherer Wasserversorgung.
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Wasser fließt in Trinkqualität aus der Leitung – jederzeit und ohne Limit. Was heute selbstverständlich erscheint, bedurfte schon immer einer Menge Aufwand. Die ersten Bewohner der Landhauskolonie am Orankesee verdankten ihre täglich verfügbare Grundlage für Morgenkaffee und Nachmittagstee dem Bau des Wasserturms an der Waldowstraße.

Inzwischen erledigen elektrische Pumpen den Job. Die Maschinen sorgen für einen stabilen Druck in Rohren und Leitungen. Der ist nötig, damit Trinkwasser nonstop gleichmäßig bis an den heimischen Hahn gelangt. Früher war diese Wasserversorgung dank eigens errichteter Betriebsgebäude möglich – der Wassertürme. Ihre Blütezeit begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Häufig versorgten die Hochbauten mit den voluminösen Speicherbehältnissen die Haushalte der Umgebung mit Trinkwasser. Vielerorts wurden die Backsteinriesen auch für Betriebe wie Brauereien oder Eisenbahnwerke errichtet, die große Mengen an Brauchwasser benötigten. Heute erfüllen die Türme nicht mehr ihren ursprünglichen Zweck. Einige beherbergen Wohnungen, Galerien, Restaurants. Andere stehen ungenutzt leer.

Durch Schwerkraft zum Optimaldruck

Die Funktionsweise basierte auf einer physikalischen Gesetzmäßigkeit, dem Prinzip der kommunizierenden Röhren: Die erhöhte Lage eines im Turm befindlichen Wasserbehälters sorgte für konstanten Druck im angeschlossenen Wassernetz. Umliegende Gebäude ließen sich nun mit Hilfe des hydrostatischen Drucks versorgen – einem Resultat der Schwerkraft. Der Hochspeicher diente dem Ausgleich. Was aus dem Netz entnommen wurde, senkte den Spiegel im Behälter. Er musste regelmäßig nachgefüllt werden, sodass der Pegel möglichst auf gleicher Höhe blieb. Pumpen beförderten das Wasser wieder nach oben in den Speicher. Für einen ausreichenden Druck mussten die Abnehmer deutlich tiefer liegen als das Reservoir.

Der Wasserturm in Alt-Hohenschönhausen wurde gebraucht, als um die Wende zum vorigen Jahrhundert die Landhauskolonie am Orankesee entstand. Der Lindwerder Berg, mit knapp 61 Metern über dem Meeresspiegel eher ein Hügel, war gleichwohl die höchste Erhebung der Gegend. Und daher keine zufällige Standortwahl. Fertig war das Bauprojekt im Juli 1902, verantwortlich zeichnete die Firma Merten und Knauff. Der Turm hatte einen stählernen Behälterkopf, der 400 Kubikmeter – also 400 000 Liter – Wasser fassen konnte. Ein Ofen im Inneren verhinderte, dass die Rohre im Winter zufroren. Das Konstruktionssystem hatte Otto Intze (1843–1904) erdacht, seines Zeichens europaweit geschätzter Wasserbauingenieur und Professor an der Technischen Hochschule Aachen. Hunderte ähnliche Bauwerke trugen seine Handschrift. Auch Talsperren entstanden nach dem Intze-Prinzip.

Vom Fortschritt überholt

Dem Wasserspender am Obersee war allerdings nur eine kurze Funktionsdauer beschert. Die technische Entwicklung Anfang des vorigen Jahrhunderts schritt zu rasant voran, bald schon entstanden Wasserwerke mit elektrischen Pumpen. Als Hohenschönhausen 1920 nach Groß-Berlin eingemeindet wurde, nahte bereits das Aus für den Wasserturm. Es kam endgültig mit dem Anschluss der Region ans Pumpwerk in Lichtenberg. 1922 wurde an der Waldowstraße der Betrieb eingestellt, 1933 auch der Behälter abgebaut. Der Turm selbst blieb stehen. Die Parkverwaltung lagerte ihre Gerätschaften darin.

Im Zweiten Weltkrieg warnte von dort aus eine Sirene vor Bombenangriffen, die Wehrmacht bezog eine Flakstellung. Nach Kriegsende lag der Turm mitten im sowjetischen Sperrbezirk. Erst als die russischen Besatzer in den Fünfzigerjahren abzogen, geriet das Bauwerk wieder in den Fokus. Es gab ganz unterschiedliche Ideen und Pläne für eine Nutzung – mal sollte ein Jugendclub einziehen, mal eine Sternwarte. Ein andermal sollte er eine Aussichtsplattform bekommen. Aus all dem wurde nichts. Bis 1990 nutzten lediglich Amateurfunker der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) der DDR das Gebäude.

Bar mit Seeblick

Nach der Wende lag das märchenhaft anmutende Gemäuer lange Zeit im Dornröschenschlaf – bis es vor 15 Jahren neue Besitzer fand. Sie ließen das denkmalgeschützte Haus innen aufwendig umbauen, es bekam eine Wohnung und im Erdgeschoss die Bar im Wasserturm. Das Lokal lässt sich für alle möglichen Veranstaltungen mieten. Im Sommer werden auf der Terrasse mit Oberseeblick kühle Drinks und Snacks serviert. Wer mit dem Gedanken spielt, dort nach einem Spaziergang im Zwei-Seen-Park einzukehren, sollte wegen der vielen geschlossenen Gesellschaften vorher einen Blick auf die Website werfen: www.berlin-wasserturm.de.

Autor:

Berit Müller aus Lichtenberg

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