"Die Menschen sprechen zu wenig miteinander"

Seit Oktober 2015 ist Barbara Jungnickel (53) im Kiez zwischen Schleipfuhl und U5 unterwegs – zwei- bis dreimal pro Woche. Hauptberuflich arbeitet die gelernte Krankenschwester als Gemeindepädagogin bei der Ev. Kirchengemeinde Hellersdorf.
  • Seit Oktober 2015 ist Barbara Jungnickel (53) im Kiez zwischen Schleipfuhl und U5 unterwegs – zwei- bis dreimal pro Woche. Hauptberuflich arbeitet die gelernte Krankenschwester als Gemeindepädagogin bei der Ev. Kirchengemeinde Hellersdorf.
  • Foto: hari
  • hochgeladen von Harald Ritter

Hellersdorf. Barbara Jungnickel betreibt seit Oktober 2015 das „Café auf Rädern“. Bei Kaffee und Kuchen kommt sie mit vielen Menschen ins Gespräch – zum zweijährigen Bestehen auch mit Berliner-Woche-Reporter Harald Ritter.

Frau Jungnickel, den ersten und zweiten Geburtstag Ihres „Cafés auf Rädern“ haben sie am U-Bahnhof Cottbusser Platz gefeiert. Warum ausgerechnet dort?

Barbara Jungnickel: Vor dem südlichen Eingang des U-Bahnhofs habe ich in den zurückliegenden beiden Jahren am häufigsten mein Café aufgebaut. Hier kommen viele Leute vorbei. Es ist ein schöner, freier Platz unterhalb der Stelen zur Erinnerung an das alte Dorf Hellwichstorp.

Haben Sie nach zwei Jahren immer noch den Eindruck, dass das „Café auf Rädern“ gebraucht wird?

Barbara Jungnickel: Ja. Viele Menschen in unserem Kiez zwischen Schleipfuhl und U-Bahn sind einsam oder leiden unter Kontaktmangel. Viele leben erst seit wenigen Jahren hier. Sie kennen ihre Nachbarn kaum oder gar nicht. Erst kürzlich hatte ich zwei Menschen hier, die praktisch Wand an Wand wohnen, allerdings in zwei unterschiedlichen Hausaufgängen. Nach unserem Gespräch hatte ich den Eindruck, dass diese beiden Menschen in Zukunft nicht mehr gruß- und wortlos aneinander vorbeigehen werden.

Worüber sprechen Sie mit den Menschen – oder sprechen die Menschen mit Ihnen?

Barbara Jungnickel: Über alles Mögliche. Über die Arbeit, die Wohnung, das Leben im Kiez. Auch über das Wetter. Tatsächlich ist das Wetter oft zuerst der Anknüpfungspunkt. Viele erkundigen sich auch, warum ich hier mit meinem Bollerwagen sitze und ihnen einen Kaffee mit Gespräch anbiete.

Wie kamen Sie auf die Idee, mit einem „Café auf Rädern“ im Kiez unterwegs zu sein?

Barbara Jungnickel: Damals, im Sommer 2015, schlugen die Wogen wegen des neuen Flüchtlingsheims an der Maxie-Wander-Straße hoch. Unser Eindruck in der Evangelischen Kirchengemeinde Hellersdorf war, dass die Menschen einfach zu wenig miteinander sprechen. So kamen wir auf die Idee, mit einem „Café auf Rädern“ den Menschen ein Gesprächsangebot zu machen.

Spielt das Thema Flüchtlinge noch immer eine Rolle?

Barbara Jungnickel: Eine Hauptrolle hat es niemals gespielt, aber es bewegt die Menschen. Manch einer will einfach mal Dampf ablassen. Aber das ist relativ selten.

Erleben Sie auch Ablehnung?

Barbara Jungnickel: Nein, selbst die Menschen, die nur vorübergehen, weil sie es vielleicht zu eilig haben, die haben meist ein Lächeln auf den Lippen.

Was wünschen sich die Menschen am meisten?

Barbara Jungnickel: Ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis, dass man miteinander spricht, vielleicht einmal den Schlüssel beim Nachbarn lassen kann, der im Urlaub auch mal die Post aus dem Briefkasten nimmt.

Autor:

Harald Ritter aus Marzahn

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