Hilferufe aus dem „Wohnzimmer der Republik“
Bundesverband der Gaststätten und Hotels befürchtet große Pleitewelle im Gastgewerbe

Zollpackhof-Chef Benjamin Groenewold will im Herbst Wärmestrahler im Biergarten aufstellen.
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Die Wirte und Hoteliers kämpfen in der Corona-Krise ums Überleben. „Nach zehn Wachstumsjahren verzeichnet die Branche seit Anfang März Umsatzverluste historischen Ausmaßes“, sagt der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, Guido Zöllick.

Benjamin Groenewold ist trotz Corona bisher einigermaßen gut durchgekommen. Sein großer Biergarten gegenüber vom Kanzleramt ist gut besucht. Im Herbst will er mit Holzpellets betriebene Strahler aufstellen, damit die Leute draußen ihr Weizenbier und ihre Weißwurst genießen können. Viele der 80 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, „aber wir konnten bisher alle behalten“, sagt der Chef vom Restaurant Zollpackhof. Seiner Firma gehe es wie den meisten: 100 Prozent Kosten, aber wegen der Abstandsregeln 50 Prozent Plätze, so der Wirt.

Hotelier Mike Buller kämpft us Überleben: Sein Arte Luise Kunsthotel ist nur noch zu 30 Prozent ausgelastet.
  • Hotelier Mike Buller kämpft us Überleben: Sein Arte Luise Kunsthotel ist nur noch zu 30 Prozent ausgelastet.
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Schlimmer dran ist Hotelier Mike Buller. Lange wird er bei derzeit gerade mal 30 Prozent Auslastung im Arte Luise Kunsthotel neben dem Regierungsviertel nicht mehr durchhalten. Den Nachtportier hat Buller schon entlassen, zwei Drittel seiner Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Zum „reduzierten Service“, wie er eine der Sparmaßnahme nennt, gehört auch, dass die Zimmer nur noch nach der Abreise gereinigt werden.

Knut Walsleben ist Vizepräsident Bundesverbandes Diskotheken und Tanzbetriebe (BDT). Seine Branche steht nach der monatelangen Komplettschließung vor dem Aus.
  • Knut Walsleben ist Vizepräsident Bundesverbandes Diskotheken und Tanzbetriebe (BDT). Seine Branche steht nach der monatelangen Komplettschließung vor dem Aus.
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Völlig auf null gesetzt ist sogar das Geschäft von Knut Walsleben. Der Disco-Betreiber darf seinen „Fun-Parc“ in Trittau bei Hamburg nicht öffnen. Alle 80 Angestellten sind in Kurzarbeit. Walsleben macht trotz staatlicher Überbrückungshilfe 20 000 Euro Miese im Monat, wie er sagt. Er ist Vizepräsident des Dehoga-Fachverbandes „Bundesverband Diskotheken und Tanzbetriebe“ (BDT). Er hat umfassende Hygienekonzepte mit Tanzlounges, Bewegungskarten und Einbahnstraßensystem erarbeitet, um in Corona-Zeiten zumindest einige Gäste in seine Disko zu lassen. Doch anders als zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern, wo Discos mittlerweile wenigstens wieder Getränke verkaufen können, ist in Schleswig-Holstein wie auch in Berlin die Öffnung komplett verboten. „Wir haben verantwortungsvolle Konzepte, jetzt muss es endlich mal weitergehen. Die Leute wollen feiern“, so der BDT-Vize, der 2000 Tanzbetriebe vertritt.

Vor allem die Lage der Tagungs- und Stadthotels, der Eventcaterer und Diskotheken sei weiterhin dramatisch, sagt auch Dehoga-Präsident Guido Zöllick. Das Gastgewerbe nennt er die „öffentlichen Wohnzimmer der Republik“, die eine Zukunftsperspektive brauchen. Es drohe eine gewaltiger Pleitewelle. Das Gastgewerbe habe mit 2,4 Millionen Beschäftigten und 222 000 Betrieben nicht nur eine große wirtschaftliche Bedeutung, sondern auch eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Laut aktueller Dehoga-Umfrage Anfang September unter 5600 Gastronomen und Hoteliers bangen 61,6 Prozent der Unternehmer um ihre Existenz. Die Betriebe melden Umsatzeinbußen von März bis August von 55,8 Prozent. Zöllick spricht von der „größten Krise der Nachkriegszeit“ für seine Branche. Die Umsatzrückgänge in Berlin lagen im August bei 48 Prozent, in Hamburg bei 56 Prozent. In den Urlaubsorten ist mittlerweile die Situation nicht mehr so dramatisch wie in den Städten, die auch viel auf Messe- und Tagungsgäste angewiesen sind. In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel lag das Umsatzminus im August „nur“ bei minus 23 Prozent.

"Derzeitige staatliche Hilfen nicht ausreichend"

Das Statistische Bundesamt hat für das Gastgewerbe im ersten Halbjahr ein Umsatzminus von 38,5 Prozent errechnet. Das ist der mit Abstand größte Umsatzeinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg. Für die Monate März bis Juni belaufe sich der Umsatzverlust auf 17,6 Milliarden Euro, so der Dehoga-Bundesverband. „Unsere Betriebe waren die ersten, die unter den Folgen der Coronavirus-Ausbreitung gelitten haben und werden die letzten sein, die wieder öffnen dürfen“, sagte Zöllick bei der Vorstellung der Zwischenbilanz in Gastronomie und Hotellerie. Er fordert weitere politische Unterstützung, weil „angesichts der verheerenden Auswirkungen die derzeitigen staatlichen Hilfen nicht ausreichen.“ Um eine gewaltige Pleitewelle zu verhindern und Arbeitsplätze zu retten, fordert Zöllick Nachbesserungen bei den Überbrückungshilfen, die Entfristung der Mehrwertsteuersenkung mit Einbeziehung der Getränke sowie eine gesetzliche Klarstellung zur coronabedingten Pachtminderung.

Alle Details und Grafiken unter https://bwurl.de/15k8.

Autor:

Dirk Jericho aus Mitte

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