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„Eine echte Neuköllner Familie“: Doris Prabhu erforschte die Geschichte

Doris Prabhu war überrascht und erfreut, dass sie bei ihren Recherchen eine Zeitzeugin gefunden hat.
Doris Prabhu war überrascht und erfreut, dass sie bei ihren Recherchen eine Zeitzeugin gefunden hat. (Foto: sus)

Neukölln. Der Künstler Gunter Demnig macht am Sonnabend, dem 9. September, eine Runde in Neukölln und verlegt Stolpersteine. Sie erinnern an Menschen, die von den Nationalsozialisten vertrieben, deportiert oder ermordet wurden. Sechs der Gedenktafeln sind den Recherchen von Doris Prabhu zu verdanken.

Vor einigen Jahren zog sie in die Geygerstraße. Zuvor hatte sie in einem Viertel in Tiergarten gewohnt, wo es kaum Stolpersteine gab. Nun war sie plötzlich ständig mit den kleinen Gedenkplatten konfrontiert. „Ich dachte: Sicherlich haben auch in meiner Nachbarschaft Juden gelebt, wie geschichtsträchtig ist diese Gegend?“ Sie machte sich auf die Suche. Dass sie selbst eine jüdische Großmutter hat, die mit viel Glück die Nazizeit überlebte, spielte eine Rolle, aber keine wesentliche.

„Die im KZ Ermordeten haben keinen Grabstein, sie verschwanden einfach aus ihren Häusern. Ich finde es wichtig, dass an ihrem letzten freiwillig gewählten Wohnort etwas an sie erinnert“, sagt sie.

Dazu kommt, dass die ausgebildete Bibliothekarin viel Spaß an der Recherche hat. Und sie findet es gut, dass Stolpersteine in der Regel Privatinitiativen zu verdanken sind. „Dieses Gedenken ist nicht vom Staat verordnet.“ Also begann sie zu forschen. Mit Erfolg: Vor zwei Jahren stiftete sie vier Stolpersteine in der Geygerstraße. Doch damit fand die Geschichte nicht ihr Ende. Während ihrer Suche war sie 2013 zufällig auf einen Text mit einem Foto gestoßen, das sie nicht mehr losließ: Es zeigt Kurt und Dina Bujakowsky in ihrem Wohnzimmer, ebenfalls in der Geygerstraße. Eine Hausnummer war nicht angegeben.

Doris Prabhu wollte mehr über diese Menschen wissen und stöberte in allen möglichen Archiven, Datenbanken, Meldekarteien, Telefonbüchern und Transportlisten der Nazis. Nichts. Sie fand aber etwas über Kurts Bruder heraus: Dr. Hans Bujakowksi (er schrieb sich mit „i“) war mit seiner Frau Augusta und der 14-jährigen Tochter Helga vor den Nazis nach New York geflüchtet. Aber auch diese Spur endete in einer Sackgasse.

Erst ein Jahr später kam ihr das Glück zu Hilfe. Sie hatte für ein paar Monate eine amerikanische Studentin aufgenommen. Deren Mutter Cathy erfuhr von der Recherche, versprach Unterstützung. Schnell kam die Antwort aus den USA. „Das war unglaublich. Helga lebte noch. Sie ist 92 Jahre alt, fit und ansprechbar“, so Prabhu. Die alte Dame durchforstete sofort alte Dokumente.

Die gesuchte Adresse ihres Onkels und ihrer Tante war bald gefunden: Der Buchhändler Kurt Bujakowsky und seine Frau Dina hatten zuletzt am Weigandufer 30 gelebt, die Geygerstraße war nur eine Übergangsadresse gewesen. 1936 flüchten die beiden über Wien, wo Tochter Stephanie zur Welt kam, nach Paris. Dort wurde die Familie 1942 von verhaftet, alle drei starben in Auschwitz.

„Was als Suche nach einer Hausnummer begann, entwickelte sich zu einer Familiengeschichte“, sagt Doris Prabhu. Zeitzeugin Helga zeigte sich auskunftsbereit, schickte Fotos und Informationen. „Sie schrieb auf Deutsch, bei so viel Tragik hat sie die Sprache bewahrt.“ Doris Prabhu erfuhr: Helgas Familie wohnte in der Bergstraße 46, heute Karl-Marx-Straße 190. Ihr Vater war Gynäkologe und hat viele Neuköllner Babys auf die Welt gebracht. Die Mutter war eng mit der Bading-Familie vom gleichnamigen und heute noch bekannten Musikhaus befreundet.

Als Doris Prabhu dem Geschäft einen Besuch abstattete, wartete eine weitere Überraschung auf sie: Im Laden saß die 91-jährige Brunhilde, Tochter von Erich Bading. Auch sie erinnerte sich gut an Familie Bujakowski aus dem Nebenhaus und gemeinsame sonntägliche Musiknachmittage im Salon.

Doris Prabhu fand noch mehr heraus, zum Beispiel dass Helga die Agnes-Miegel-Mädchenschule, das heutige Albert-Schweitzer-Gymnasium, besuchte – bis sie als Jüdin ausgeschlossen wurde und auf die Goldschmidt-Schule wechselte. Oder dass gerne im „Wittenberg homecooking Wirtshaus in der Passage“ gegessen wurde, wie Helga schreibt. „Homecooking“ dürfte für „nach Hausmacherart“ stehen. „Die Bujakowskis waren eine echte Neuköllner Familie, das war ihr Kiez, hier waren sie verwurzelt“, sagt Prabhu. Bis die Nazis dem ein Ende machten.

Am Sonnabend, 9. September, werden sechs Stolpersteine für die Familie verlegt. Um 9.15 Uhr wird an Kurt, Dina und Stephanie Bujakowsky am Weigandufer 30 gedacht, um 9.45 Uhr an Hans, Augusta und Helga Bujakowksi vor dem Haus Karl-Marx-Straße 190. sus

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