Nicht kämpfen geht nicht: Patrick Gläser ist Einzelbewerber im Wahlkreis 3

Bis zu 40 Kilometer radelt der Kandidat fürs Abgeordnetenhaus Patrick Gläser jeden Tag durch den Bezirk, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
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Reinickendorf. 26 Parteien, Initiativen und Allianzen treten am 18. September für die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus an. Auch 18 Einzelbewerber kämpfen um einen Sitz im Landesparlament. Einer von ihnen ist Patrick Gläser aus Reinickendorf.

Passabel aber zu durchwachsen – so ließe sich das Sommerwetter 2016 zusammenfassen. Findet Patrick Gläser nicht. „Seit Mitte Mai gab es maximal drei schlechte Tage, sonst war’s schön“, konstatiert der 34-Jährige und klingt dabei, als hätte er sich das anders gewünscht. „Stimmt, ein paar Regentage mehr – und ich hätte mal ein bisschen Kraft tanken können“, räumt er ein. Denn sobald es das Wetter zuließ, zog es ihn nach draußen. Auf die Straße. In den Wahlkampf. Patrick Gläser ist parteiloser Reinickendorfer Einzelkandidat. Am 18. September möchte er in seinem Wahlkreis 3 die meisten Erststimmen holen und ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen. Wer den jungen Reinickendorfer auf den Wahlplakaten an Laternen oder Stelltafeln sucht, sucht vergeblich. „Sowas kann sich kaum jemand leisten, ohne Partei im Rücken“, sagt Gläser. 250 Euro hat der schwerbehinderte Buchhalter mit Halbtagsstelle zusammengespart, um ein paar tausend Flyer zu drucken. Jeweils einen Stapel Eigenwerbung hat er im Gepäck, wenn er täglich bis zu 40 Kilometer durch den Bezirk radelt. Vorwiegend durch Wahlkreis 3, der Heiligensee, Konradshöhe, Saatwinkel, Teile von Tegel und Tegel-Süd umfasst und die Hälfte der Bezirksfläche ausmacht. An Bushaltestellen, vor Kaufhäusern, auf Plätzen stoppt Patrick Gläser sein Wahlgefährt – ein dreirädriges Velo mit Reinickendorf-Fähnchen – um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Was mal funktioniert, mal auch nicht. „Es gibt Tage, an denen ich bloß mit zwei, drei Menschen rede“, sagt Gläser. „Ein andermal ist meine Tagesration an 50 Flyern schon nach einer Stunde weg.“

Was ein einzelner Abgeordneter ohne Partei schon bewirken könne, wird er oft gefragt. „Große Reformen nicht, es wäre vermessen, das zu behaupten“, gibt Gläser ohne Umschweife zu. „Ich kann aber mit kleinen Anträgen konkrete Projekte angehen, von denen die Bürger schnell profitieren.“ In den Ausschüssen für Soziales, Integration, Kultur und Verkehr sieht er seine Chance. Dort will er sich engagieren, wenn es um Themen wie das digitale Bürgeramt, mehr Geld für die Jugendarbeit, klare Ämterstrukturen und ein barrierefreies Berlin geht. Patrick Gläser macht keinen Hehl daraus, dass seine Behinderung eine wesentliche Rolle für den Wunsch nach mehr politischem Einfluss spielt. „Entscheidungen in der Behindertenpolitik werden meistens von Menschen gefällt, die selbst nicht betroffen sind“, sagt er. „Das kann gar nicht funktionieren – Denkfehler sind programmiert. Ich könnte helfen, sie zu vermeiden.“ Gläser leidet an der Nervenkrankheit HMSN 3. Noch kann er sich auf dem Rad und zu Fuß bewegen. Doch die Krankheit schreitet fort, sie schwächt die Muskeln in Händen und Füßen – in absehbarer Zeit wird der 34-Jährige nicht ohne Rollstuhl auskommen. Vom Halbtagsgehalt eines Berliner Abgeordneten bliebe ihm dann nur der Hartz-IV-Satz, so sieht es das Gesetz vor.

Seit früher Jugend hat er sich politisch engagiert. Einige Jahre war er Mitglied der FDP. Den Freien Demokraten hat er Anfang dieses Jahres den Rücken gekehrt. Eine neue politische Heimat hat er gar nicht erst gesucht. „Ich musste in vielen Gesprächen erfahren, wie unzufrieden die Menschen mit den etablierten Parteien sind. Also habe ich mich entschieden, neutral und unabhängig weiterzumachen.“

"Kaum einer geht in die Bürgerbüros"

Wie er seinen Job angehen würde, wenn es denn am 18. September klappen sollte, weiß der junge Reinickendorfer genau. Von den Bürgerbüros hält er nicht viel. „Da geht doch kaum jemand hin. Oder es ist niemand da, wenn die Leute mal Zeit haben – nach der Arbeit.“ Er will stattdessen sechs regelmäßige, über den Wahlkreis verteilte Stammtische einrichten. Reihum würde er dort alle 14 Tage mit den Reinickendorfern über ihre Probleme und Anliegen, Bedenken und Ideen reden, um die dann ins Parlament zu tragen. „Ein Abgeordneter muss auf die Bürger zugehen. So verstehe ich das Mandat.“

Sechs Mitbewerber, kein Parteirückhalt, keine Plakatwerbung: Patrick Gläser schätzt seine Chancen dennoch vorsichtig optimistisch ein. „Ab 7000 Stimmen kann ich hoffen“, sagt er. „Aber wie es auch ausgeht: Ich würde mich nicht wohl fühlen, wenn ich’s nicht versucht hätte. Kämpfen und verlieren ist ok. Gar nicht erst kämpfen, das geht nicht.“ bm

Autor:

Berit Müller aus Lichtenberg

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