Kiezkultur: Mein Leben in der Barfusstraße

Als ich nach Berlin kam, war ich voller Vorfreude auf die Großstadt und den Freigeist, den ich auch zu Teilen während meiner Berlinaufenthalte zuvor spüren konnte.
Doch dann landete ich in der Barfusstraße: Es war die Wohnung, in die ich mich auf den ersten Blick verliebt hatte. Unrenoviert, aber von dem rauen Charme, den man der Großstadt ja seit Lebzeiten nachsagt. Nur leider hatte ich nicht mit den menschlichen Kreaturen gerechnet, die in ihrem ach so bescheidenen Leben wohl kaum über die Tellerränder ihrer Existenzen geblickt hatten.
Bei dem Ausmaß an Tratsch und Verleumdungen, denen ich ausgesetzt war und bin, fällt es schwer einen Anfang zu finden.
Da ist der Alkoholiker, dessen Eskapaden nicht nur sein Gesicht, sondern sein gesamtes Dasein gezeichnet haben. Er besitzt einen Video-/TV-Laden direkt unter meiner Wohnung und konnte wohl seit meinem Dasein in der Barfußstraße nicht verstehen, wie ich als alleinlebende Frau seinem "Charme" widerstehen konnte und kann. Seine Annäherungsversuche gipfelten neben Kosenamen, wie 'Mäuschen' und 'Kleine', die er mir trotz meiner fortwährend ablehnenden Haltung immer wieder aufs Neue gab, darin, dass er mir mit einem Laserpointer in die Wohnung leuchtete.
Die Dame, die neben meinem Wohnhaus einen Trödelladen betreibt, wünschte mir mit hämischen Unterton einen 'schönen Feierabend'. Dazu ist zu sagen, dass ich an meiner Unternehmensgründung arbeite und dies gerne auch zu Nachtzeiten. Natürlich bin ich niemandem (aus meiner Nachbarschaft) Rechenschaft darüber schuldig.
Meine Nachbarn, die Tür an Tür mit mir wohnen, taten dem gleich: „Na, bist Du wieder fleiß… äh sportlich?“ begrüßte mich der Mann, den ich regelmäßig abends mit seinem Kasten Bier die Treppe heraufkommen sah.
Den Vogel abgeschossen aber hat meine Nachbarin, die ein Stockwerk über mir wohnt. In den wenigen Gesprächen, die wir führten, teilte sie mir mit, dass die Lehrerin Ihrer Kinder eine „Polackin“ sei und sie u.a. deshalb im Gerichtsstreit mit der Schule stünde. Ich gebe dieser Person in dem Punkt Recht, dass Kopftuchbinden genauso wenig wie Kruzifixe Teil des Unterrichts(raumes) sein sollten. Es ist etwas anderes, wenn während des Schulunterrichtes Kulturstätten wie Kirchen oder Moscheen besucht werden, nicht um dort zu beten, sondern um etwas über die Menschheitsgeschichte zu lernen. Leider ist diese Frau jedoch aufgrund – höchstwahrscheinlich mangelnder Bildung - nicht in der Lage, diesen Unterschied analytisch zu erfassen und ihre Wortwahl zeigt eindeutig ihre fremdenfeindlichen Vorurteile. Sie war ganz offensichtlich so sehr verbittert über das Scheitern ihrer freiberuflichen Existenz, dass sie mir vorschlug, ich könne ja nachts arbeiten gehen, da ich (weil ich ein nachtaktiver Mensch bin) nachts in dem Supermarkt einkaufte, indem sie bis vor kurzer Zeit gearbeitet hat. Sie äußerte dies mit bedeutungsschweren Blicken gegenüber einer Kollegin, was vermuten lässt, dass sie sich auch hier bereits über mein angebliches Faulenzerleben geäußert hatte. Als ich sie darauf hinwies, dass ich bereits nachts arbeite, und zwar an meiner Existenzgründung, wünschte sie mir mit einem von Verbitterung gezeichnetem Gesicht viel Erfolg.
Anders ein Nachbar, der im Nebenhaus für ein Sicherheitsunternehmen arbeitet: Seine Erfolgswünsche waren im Kontrast zu denen meiner Nachbarin echt und authentisch. Ich unterhielt mich eines Abends mit ihm, als ich von meinem Boxtraining nach Hause zurückkehrte. Er pflichtete mir bei, dass der Tratsch in der Barfußstraße extrem sei, erging sich aber im gleichen Atemzug über seine Nachbarn: So habe ihm der Inhaber der Straßenkneipe seinen USB-Stick geklaut, nachdem er dort als DJ aufgelegt habe.
Als ich mich dieser Tage für ihn einsetzte und den Besitzer der Kneipe darauf ansprach, konnte oder wollte sich dieser Nachbar nicht mehr an die Anschuldigungen aus vergangener Zeit erinnern. Es stellte sich heraus, dass sein Stick wohl gar nicht abhanden gekommen war, sondern er direkt vom Laptop aus, die Musikanlage bedient hatte.
In dieser Kneipe treffen sich allabendlich zumeist die Leute, die ihr Mundwerk am weitesten öffnen, wenn es darum geht, den eigenen Fleiß und das eigene Tun über die Maßen zu preisen. Ich hatte und habe während der Zeit meiner Existenzgründung keine Zeit dafür finden können, mich allabendlich zu besaufen, sondern habe stattdessen die wenige Freizeit, die mir blieb, für die Renovierung meiner Wohnung und für sportliche Aktivitäten aufgewendet.
Der Neid und die Missgunst sowie das gegenseitige Misstrauen meiner Nachbarn zeigten sich weiterhin in der Begutachtung und Kommentierung meiner Wohnungseinrichtung. So beobachtet meine Nachbarin, die über mir wohnt bis zum heutigen Tag meine Wohnung von der Straße aus und ergeht sich weiterhin in Äußerungen über meinen Tag- /Nachtrhythmus, den sie vermeintlich an meiner Beleuchtung auszumachen scheint.
Doch damit nicht genug: Die Bedienung der Straßenkneipe sprach mich hämisch von der Seite an, als ich an einem Sonntag (!) mit einer durchsichtigen Plastiktüte bestückt den Laden passieren musste. „Na, gehst Du wieder shoppen?“ schrie sie in einer ihr scheinbar eigenen, unüberhörbaren Lautstärke und Tonlage.
Weil ich die ständigen Verleumdungen und Aushorchungsversuche durch meine Nachbarschaft satt hatte, führte ich alsbald ständig mein Telefon am Ohr mit mir, um gar nicht erst ins Gespräch kommen zu müssen. Daraufhin wurde ich abermals durch den Mitarbeiter eines Trödelladens – in besagter Barfußstraße – angesprochen: „Na, bist Du verliebt?“, fragte er mich mit unverhohlener Neugier, und: „Man sieht Dich ja ständig nur noch telefonieren?“ Ich bejahte wahrheitsgemäß, denn tatsächlich hatte ich mich erst kürzlich verliebt. Natürlich wurde auch diese Neuigkeit in der Straße weiterverbreitet, was durch ein „Wir wollen ihn sehen!“ einer Besucherin der besagten Straßenkneipe zu entnehmen war.
Alle meine Versuche, diesem durch Neid, Missgunst und Misstrauen geprägten Verhalten durch Warmherzigkeit, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zu begegnen, scheiterten kläglich. Der Besitzer eines afrikanischen Klimbimladens freute sich zwar über meine Geschenke, die ich ihm trotz meiner wenigen Mittel unterbreitete, vergaß dann aber - wie versprochen – sich mit seinen Mitbringseln aus seiner Heimat bei mir zu melden.
Auch die Inhaberin des Trödelladens, die ihren wahren Charakter bereits mit ihren hämischen Feierabendwünschen offenbart hatte, zeigte ihren materiellen Geiz. In besseren Zeiten hatte ich ihr - ihrer missgünstigen Haltung zum Trotz - selbstgebackenen Kuchen gebracht, ihr ein Rezeptheft gebastelt und ihr zahlreiche Artikel zum Verkaufen geschenkt. Als ich ihr nun aufgrund der verzögerten Zahlungen des Jobcenters einige Artikel zum Verkauf anbot, sah sie sich nicht in der Lage, mir weiterzuhelfen.
Neben dem Tratsch und Klatsch scheint ein weiteres Phänomen also das Ausnutzen von Gutmütigkeit zu sein. Man könnte dies auch als Geiz bezeichnen.
Einziger Lichtblick in meinem Straßenabschnitt ist der Inhaber eines Antiquariats, der gleichbleibend freundlich ist und mit dem ich des Öfteren angenehme Gespräche über Gott und die Welt geführt habe und hoffentlich noch lange Zeit führen werde.
Zusammenhalt und Fürsorge sind wichtige Werte für den Bestand von Gemeinschaften, die unter anderem auch durch Phänomene wie die allerseits im Munde geführte ‚Gentrifizierung‘. Bestehen die Motive gegenseitigen Beobachtens und Begafferns jedoch in Neid, Missgunst und Unehrlichkeit, fragt man sich, ob ‚Gentrifizierung‘ wirklich etwas Schlechtes ist.
Um in einem Kiez, wie dem meinen wirklich etwas ändern zu wollen, muss man sicherlich zu extremen Maßnahmen übergehen.
Der Nachbar, der im anliegenden Wohnhaus seinen Sicherheitsservice betreibt, erzählte mir vor längerer Zeit, er ließe die Leute einfach reden. So habe der TV-/Video-Laden-Besitzer eine On-Off-Beziehung mit einer Dame, die ebenfalls im gleichen Viertel ansässig zu sein scheint. Immer wenn dort Krise herrsche, wären gegenteilige Stories im Umlauf. Nun ist natürlich auch dieses Beispiel nichts anderes als Tratsch, aber wie anders als durch Beispiele soll man die (a)sozialen Strukturen in einem Wohnviertel anders darstellen? Ohne Beispiele liest das ja keiner ;-)

Autor:

Sabine Töpker aus Wedding

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