Ohne Verdruss ins nächste Jahrzehnt
Berliner Blinden- und Sehbehindertensportverein feiert 90-jähriges Bestehen

Mit einem Mambo-Workshop und viel Spaß eröffnete der Berliner Blinden- und Sehbehindertensportverein am vergangenen Wochenende seine Jubiläumsfeier.
  • Mit einem Mambo-Workshop und viel Spaß eröffnete der Berliner Blinden- und Sehbehindertensportverein am vergangenen Wochenende seine Jubiläumsfeier.
  • Foto: Matthias Vogel
  • hochgeladen von Alexander Schultze

Der Berliner Blinden- und Sehbehindertensportverein (BBSV) wird in diesem Jahr 90 Jahre alt. Das hat er unter der Schirmherrschaft von Innensenator Andreas Geisel am 22. September ausgiebig gefeiert. Aber der Traditionsverein hat auch Sorgen.

Heute gilt es. Drei gegen drei, Männlein wie Weiblein, der mit Glöckchen gefüllte Spielball muss unter der Schnur in Höhe der Mittellinie durch geworfen werden, hinein in das sieben Meter breite Tor und damit hinein ins Glück. Die Aktiven tragen lichtundurchlässige Brillen, damit die unterschiedlichen Behinderungsgrade ausgeglichen werden, und orientieren sich nach Gehör. Torball heißt der Sport für alle, der gerade bei den Blinden und Sehbehinderten sehr beliebt ist. Eine von vielen Sparten, die sich beim BBSV seit seiner Gründung im Jahr 1928 entwickelt haben. Ansonsten kann sich hier über Gymnastik, Kegeln, Schwimmen, Tanzen und Tandem fahren ausgepowert werden.

Großer Zuwachs nach dem Krieg

Es war am 21. Juni 1928, als sich in Berlin-Steglitz 18 sehbehinderte junge Männer den Berliner Blinden- und Sehbehindertensportverein aus der Taufe hoben. Das erste organisierte Sportangebot für blinde Menschen sprach sich schnell in der Stadt herum, so dass die Mitgliederzahl des Vereins rasch wuchs. Und so konnte der Verein bereits im folgenden Jahr eine eigene Frauensportgruppe einrichten. Die ersten Sportangebote des Vereins waren Bodenturnen, Gymnastik und Geräteturnen, doch schon in den 1930er Jahren kamen Leichtathletik und Rudern hinzu. Einen weiteren Zuwachs erhielt der Verein nach dem Zweiten Weltkrieg mit vielen kriegsblinden Menschen, mit deren Unterstützung auch das Sportangebot des Vereins durch die Aufnahme der neuen Sportarten Kegeln, Torball, Gymnastik, Schwimmen, Tandem fahren, Aikido und Tanzen breiter wurde, als auch in der Spitze durch die Einrichtung von Leistungs- und Freizeitsportabteilungen ausgebaut werden konnte. Mittlerweile ist der BBSV mit seinen Sportangeboten weit über die Grenzen seines Heimatbezirks Steglitz-Zehlendorf in der Stadt präsent.

Noch immer gelingt es dem Verein, neue Sportarten für blinde Menschen zu erschließen. So unterstützt der BBSV beispielsweise seit 2007 eine Mannschaft im Blindenfußball – eine Sportart, die in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt, die international aber bereits erfolgreich betrieben wird. Auch bietet der Verein seit einigen Jahren sehr erfolgreich Showdown – Tischball – an.

Sein Bestehen hat der 200 Mitglieder zählende Club am 22. September auf dem Gelände des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin in der Grunewalder Auerbachstraße gefeiert – mit Stefan Schenck, Vize-Präsident für Breitensport und Inklusion im Behinderten- und Reha-Sportverband Berlin als Special Guest. Gute Laune war Trumpf, doch den Verein plagen auch Sorgen. „Uns fehlt es einfach an Sponsoren. Für den Alltag ohnehin und wenn wir so ein Fest machen wollen, müssen wir zehn Anträge stellen. In der Folge kommt dann auch etwas Geld zusammen, was sehr schön ist. Aber wir wissen es eben meist nicht und können schlecht planen“, sagt Jörg Bechtold, der für die Pressearbeit zuständig ist. Ein wenig hat der Verein auch mit der Überalterung seiner Mitglieder zu kämpfen. Es fehlt in vielen Sparten an jüngeren Blinden- und Sehbehinderten-Sportlern. Zum Teil führt der Vereinssprecher das auf den demografischen Wandel zurück, zum Teil aber auch auf das große Freizeitangebot in der heutigen Zeit – und die Bequemlichkeit. „Ich glaube, viele bringen ihren Hintern einfach nicht von der Couch.“ Darüber hinaus falle es dem BBSV zusehends schwerer, Übungsleiter und Betreuer zu finden, die ehrenamtlich die Arbeit des Vereins unterstützen. Das sind alles Probleme, mit denen Vereine für Sportler ohne Handicap auch zu kämpfen haben, das weiß auch Bechtold. „Aber Fußballern oder Handballern fällt es schon noch leichter als uns, Sponsoren oder Trainer zu finden. Torball oder Showdown sind den meisten gänzlich unbekannt.“

Hochklassiges Turnier
am 29. September

Über fehlende Akzeptanz innerhalb von Gesellschaft und Politik würde sich der BBSV nie beklagen. Beispielsweise sei es gar kein Problem gewesen, ein großes internationales Torball-Turnier mit zwölf Teams in der Max-Schmeling-Halle auf die Beine zu stellen. Und so herrscht auch überhaupt kein Verdruss, vielmehr wird weiter organisiert und mobilisiert. Anlässlich des Jubiläums veranstaltet der Verein am Sonnabend, 29. September, erneut ein internationales Turnier, diesmal in der Turnhalle der Johann-August-Zeune-Schule in der Rothenburgstraße 14 in Steglitz. Mit Bozen, Nizza, Waasland, Zürich und der Deutschen Nationalmannschaft wurden fünf hochklassige Torball-Mannschaften eingeladen. Gespielt wird von 9.30 bis 17.30 Uhr im Jeder-gegen-jeden-Modus. Der Clou sind zwei Geburtstagsüberraschungen: Erstmals werden zwei anstatt ein Schiedsrichter die Partien leiten, zudem kann das Turnier per Live-Stream inklusive Moderation im Internet verfolgt werden. Bechtold und der Rest des Vereins würden sich natürlich auch über viel Publikum in der Halle freuen. Der Eintritt ist frei.

Informationen zum Turnier, den BBSV und vakante Stellen im Trainer- und Betreuerbereich finden sich im Internet auf der Homepage www.bbsv-online.org.

Autor:

Matthias Vogel aus Charlottenburg

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