Ort der Vielfalt oder Einfalt?
Neuer Rassismus-Vorwurf gegen Marzahn-Hellersdorf

Fußballstar Jérôme Boateng sagte kürzlich in einem Interview zum Thema Rassismus, dass er seine Töchter niemals nach Marzahn lassen würde. Der Nationalspieler brachte damit den Bezirk ins Gerede, der sich offiziell gern als ein „Ort der Vielfalt“ bezeichnet.

Ob der Bezirk ein Ort von Rassismus ist, ließe sich schnell und einfach mit der Berliner Polizeistatistik beantworten. Danach wurden in Marzahn-Hellersdorf in diesem Jahr zwei Anzeigen zu Straftaten mit rassistischem Hintergrund gestellt. Ein tätlicher Angriff war nicht dabei. In Mitte, dem traurigen Berliner Spitzenreiter, waren es bisher 20 Anzeigen.

Das erfreuliche Bild von Marzahn-Hellersdorf wird jedoch getrübt, wenn man die Zahlen von Polis, der bezirklichen Koordinierungsstelle zur Entwicklung der Demokratie, zur Hand nimmt. Diese wertet regelmäßig die Meldungen im Berliner Register zu rechtsextremen und diskriminierenden Vorfällen aus. Danach wurden in diesem Jahr bisher 140 solcher Vorfälle im Bezirk dokumentiert. Darunter waren acht tätliche Angriffe und 26 Bedrohungen und Beleidigungen wegen anderer Hautfarbe oder Rasse. Bei den meisten Vorfällen handelte es sich um Propaganda wie Demonstrationen oder das Verteilen von Flyern.

Laut der bezirklichen Koordinierungsstelle nahm die Zahl rechtsextremer und diskriminierender Vorfälle in den zurückliegenden zehn Jahren zu. Bisheriger Höhepunkt war 2016. Zumeist geschehen sie im öffentlichen Nahverkehr und belebten Plätzen. Schwerpunkte sind die Großsiedlungen, besonders Marzahn-Nord und Hellersdorf-Nord. Auch an Flüchtlingsunterkünften häufen sie sich.

Die Unterschiede zwischen den Zahlen der Polizei und des Registers erklären sich unter anderem dadurch, dass im Register auch nicht überprüfte, teilweise sogar anonyme Meldungen aufgenommen werden.

Anna-Sarah Schiferaw (35) ist stellvertretende Vorsitzende des Integrationsbeirates des Bezirksamtes. Sie ist die Tochter von Mekonnen Schiferaw, dem Leiter des Hauses Babylon. Als Tochter eines Äthiopiers ist sie durch ihre Hautfarbe leicht als Mensch mit Migrationshintergrund zu erkennen. „Marzahn ist meine Heimat, aber als Kind habe ich in der Schule einige unschöne Erfahrungen mit Rassismus gemacht“, sagt sie.

Das Stadtbild habe sich jedoch in den zurückliegenden Jahrzehnten erheblich geändert. Dunkelhäutige Menschen fielen nicht mehr so auf. „Angst vor körperlichen Attacken habe ich im Bezirk nicht, aber man wird oft anders angeguckt“, sagt sie. „Wo Rassismus auftritt darf man nicht wegsehen. Sonst ändert sich nichts.“

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