Drei Mal Erinnerung an Ernst Litfaß im Bezirk
Werbesäulen unter Denkmalschutz

Die Litfaßsäule in Höhe der Kopenhagener Straße bleibt stehen.
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  • Die Litfaßsäule in Höhe der Kopenhagener Straße bleibt stehen.
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Sie sind nicht unbedingt Schönheiten, aber sie sind spezielle Zeugnisse Berliner Geschichte: Im Bezirk stehen ab sofort drei Litfaßsäulen unter Denkmalschutz.

Von den einst 2548 Litfaßsäulen in der deutschen Hauptstadt hat das Landesdenkmalamt 24 unter Denkmalschutz gestellt. Drei davon stehen in Reinickendorf. Der Abbau von mehr als 2500 Litfaß-Säulen hat mit einem Betreiberwechsel der Außenwerbung in Berlin zu tun. Bei einer Ausschreibung zog das bisher hier tätige Unternehmen Wall den Kürzeren, zum Zuge kam die Ilg-Außenwerbung aus Stuttgart. Wall musste die alten Säulen beseitigen, Ilg-Außenwerbung errichtet eigene Säulen.

Eigentlich hatte ja Ernst Litfaß auffallende Werbung im Sinn. Der Buchdrucker und Verleger stellte 1855 seine erste „Anschlagsäule“ an der Münzstraße in Mitte auf. Auf den von ihm erfundenen Säulen wurde für Veranstaltungen ebenso geworben wie für Lebensmittel oder Waschpulver.

Unscheinbar
und dennoch schützenswert

Die Säule in Höhe der Kopenhagener Straße 10 scheint sich dagegen dem suchenden Blick entziehen zu wollen. Ihr Grau mischt sich mit dem Grau der Fassade hinter ihr. Erst wenn man sich ihr von weitem von den höheren Hausnummern nähert, nimmt man sie richtig wahr. Ohne aufgeklebte Werbung ist sie völlig unscheinbar. Dennoch soll sie erhalten bleiben. Der Grund dafür – diesen teilt sie mit den anderen schützenswerten Säulen – ist, dass sie in Zusammenhang zu einem denkmalgeschützten Ensemble steht.

Die Denkmalschützer sehen die Säule an der Kopenhagener Straße als Teil der Siedlung Paddenpuhl. Und zwar jenes Teiles der Siedlung, der von der damaligen städtischen Wohnungsbaugesellschaft GSW in den Jahren 1951 und 1952 errichtet wurde. Damals war das schnörkellose Errichten von Gebäuden im Bauhaus-Stil nicht nur Mode, sondern Nachkriegsnotwendigkeit. Es galt nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs schnell Wohnraum zu errichten mit den Mitteln, die noch oder wieder verfügbar waren.

Deutsche Wohnen für Sanierung
des Paddenpuhls ausgezeichnet

Wer der Säule den Rücken zukehrt und nach links in die Klemkestraße einbiegt, erlebt einen anderen Paddenpuhl. Hier hatte in den 1920er und 1930er Jahren die Heimstättengesellschaft Primus 557 Wohnungen bis hin zum Breitkopfbecken errichten lassen. Das Breitkopfbecken als Regenwasserauffangbecken gab damals als Paddenpuhl der Siedlung ihren Namen. Architekt Fritz Beyer hatte mit mehrfarbig gestalteten Fenstern einen bis heute wirkenden expressionistischen Eindruck geschaffen. Das Unternehmen Deutsche Wohnen hat übrigens für die flächendeckende Sanierung im vergangenen Jahr eine Belobigung beim Reinickendorfer Bauherrenpreis in der Kategorie „Denkmalgeschützte Gesamtanlagen – Wohnen“ erhalten. Vielleicht wird künftig auch die graue Säule an der Kopenhagener Straße ja wieder mit Werbung so bunt wie der entferntere Teil des Paddenpuhls.

Die beiden anderen Litfaßsäulen stehen an der Septimerstraße, jeweils kurz vor der Einmündung in die Holländerstraße. Die Gebäude an diesen Straßen stammen aus dem sogenannten zweiten Demonstrativprogramm von Bund und Senat. Sie entstanden zwischen 1959 und 1964. Es galt, trotz schwieriger innerstädtischer Bodenverhältnisse an die Großsiedlungen der Weimarer Republik anzuknüpfen, mit hellen Wohnungen und viel umgebenden Grün. Insgesamt 1033 Wohnungen entstanden hier, in 26 größeren Gebäuden und in 94 Eigenheimen, die meisten davon als Reihenhäuser mit eigenem Garten. Letztere gruppieren sich vor allem um die Septimerstraße, die quasi als Bogen von der Holländerstraße abzweigt und wieder dort einmündet. Die kleinen Häuser strahlen eine Vorstadtidylle aus, die aber alle paar Minuten unterbrochen wird – immer dann, wenn wieder ein Flugzeug Richtung Flughafen Tegel sie überfliegt.

Die Verbeugung vor Ernst Litfaß ist für Reinickendorf übrigens Ehrensache. An der Cyclopstraße 1-5 in Wittenau trägt das Oberstufenzentrum Mediengestaltung und Medientechnologie seinen Namen.

Autor:

Christian Schindler aus Reinickendorf

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