Ein letzter Anlaufpunkt
Erinnerung an die Synagoge in der Münchener Straße

An der Stelle des Denkmals stand früher das Wohnhaus, das zur rückwärtig gelegenen Synagoge gehörte.
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Ein Blick 75 Jahre zurück: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Berlin ist zerstört. Bomben der Alliierten haben auch in Schöneberg tiefe Wunden geschlagen. In der Münchener Straße aber steht auf wundersame Weise ein Gebäude, beschädigt zwar, aber es steht – noch: die Synagoge.

Das jüdische Gotteshaus wurde erst 1956 abgerissen. Es habe „seine Funktion verloren“, wie es damals zur Begründung hieß. Auf dem Grundstück liegt heute der Hof der Löcknitz-Grundschule. Zur Erinnerung ist mit Pfeilern und Zeichen der Grundriss des Gotteshauses markiert.

Vor den Bombennächten hatte die Synagoge den Pogrom der Nazis am 9. November 1938 überstanden; zu dicht standen „arische“ Wohnhäuser. Einst war das Gotteshaus Mittelpunkt der jüdischen Nachbarn im Bayerischen Viertel. Die vornehme Wohngegend war ab 1900 entstanden. „Entwickler“, wie man heute sagen würde, war Salomon Haberland, ein ehemaliger Tuchproduzent, der in die lukrative Immobilienbranche gewechselt war. 1890 hatte er die Berlinische Boden-Gesellschaft gegründet.

Der Synagogenverein Schöneberg erwarb von Haberlands Gesellschaft das Grundstück Münchener Straße 37 und beauftragte den Architekten Max Fraenkel (1856-1926) 1909 mit dem Entwurf für die Synagoge. Schon 1910 konnte Einweihung gefeiert werden. Von 1911 bis zu seinem Tod 1935 war Arthur Levy Gemeinderabbiner. Zum Synagogenkomplex gehörte ein viergeschossiges Wohnhaus. Es beherbergte Wohnräume, Schulräume, eine Bibliothek, einen Hort, das Rabbinerzimmer und einen Wochentagsbetsaal. Im Hinterhaus befand sich die eigentliche Synagoge, ein zweigeschossiges Gebäude ganz aus Eisenbeton mit Kuppel. Darin hatten 836 Menschen Platz, 388 Frauen und 448 Männer.

1924, die Not war groß in der Stadt, wurde eine Mittelstandsküche eingerichtet. Hier erhielten Bedürftige eine warme Mahlzeit. Im Jahr darauf übernahm die Jüdische Gemeinde zu Berlin die Synagoge samt Wohnhaus.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begann die Entrechtung und Verfolgung der Juden. Die Synagoge sei zu einem letzten Anlaufpunkt für die jüdischen Menschen im Bayerischen Viertel geworden, weiß Stadtführerin und Autorin Gudrun Blankenburg.

Im Krieg richtete man im Gebäude eine Zweigstelle des Jüdischen Wohlfahrts- und Jugendamts ein. Bedeutend für die notleidenden jüdischen Menschen wurde dessen Kleiderkammer. Freiwillige sammelten im Rahmen einer „Pfundspende“ Kartoffeln oder Mehl. Juden erhielten im Vergleich zur nichtjüdischen Bevölkerung für ihre Lebensmittelkarten, mit denen sie in nur für sie bestimmten Läden einkaufen durften, deutlich weniger Kalorien zugeteilt. In der Synagoge mussten die Juden aus dem Bayerischen Viertel auch den „Judenstern“ kaufen. Ab 19. September 1941 war jeder Jude ab dem sechsten Lebensjahr gezwungen, einen gelben Stern gut sichtbar auf seiner Kleidung zu tragen.

1943 galt das Bayerische Viertel als „judenfrei“. In das Wohnhaus der Synagoge zogen SS-Offiziere des Reichssicherheitshauptamts V (Reichskriminalpolizei) mit ihren Familien ein. Es wurde in der Nacht zum 23. November 1943 durch Brandbomben zerstört.

Mehr als 6000 jüdische Nachbarn wurden aus dem Bayerischen Viertel deportiert. Allein aus der Münchener Straße sind 178 Deportierte bekannt. Im Haus Nummer 18a wohnte bis zu ihrem Zwangsumzug in ein „Judenhaus“ in der Speyerer Straße Gertrud Chodziesner. Ein Stolperstein erinnert an die 1943 verschleppte und in Auschwitz Ermordete, die sich als Dichterin Gertud Kolmar nannte. Am 26. Oktober 1941 hatte sie an ihre Schwester, die sich in der Schweiz ins Sicherheit bringen konnte, geschrieben: „Glaube mir, dass ich, was auch kommen mang, nicht unglücklich, nicht verzweifelt sein werde, weil ich weiß, dass ich den Weg gehe, der mir von innen her bestimmt ist. (…) Ich habe bisher nie so wie heute gewusst, wie stark ich bin, und dieses Wissen erfreut mich.“

Autor:

Karen Noetzel aus Schöneberg

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