Jobcenter - Ein Beispiel für Bürokratie in Deutschland

Man beachte die Angabe der E-Mail-Adresse!
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  • hochgeladen von Sabine Töpker

Seit vier Monaten erhalte ich zu wenig Geld vom Jobcenter. Ich bekomme einen Betrag ausgezahlt, der dem Status eines Minijobbers/einer Minijobberin entspricht. Dabei habe ich bereits vor Wochen den Nachweis erbracht, dass ich diesen Minijob seit Februar dieses Jahres nicht mehr ausübe. Das Jobcenter hüllt sich in Schweigen. Auch auf offiziell eingelegten Widerspruch erhielt ich lediglich die angeforderte Empfangsbestätigung. Weitere eingereichte Nachweise blieben bislang unkommentiert/unbeantwortet. Ich erhielt auch keine weitere Nachricht gegebenenfalls noch zu erbringender weiterer Nachweise.

Aufgrund dieser Situation häufen sich inzwischen Mahnungen und Mitteilungen über Lastschriftrückgaben in meinem Briefkasten bzw. auf meinem Schreibtisch. Sowohl für die Mahnungen als auch für Lastschriftrückgaben werden Gebühren fällig. Es handelt sich inzwischen (berücksichtigt alle Beträge bis einschließlich 25.04.2016) um einen Gesamtbetrag von ca. 90€, den ich, wie ich dem Jobcenter bereits mitteilte, nicht bereit bin selbst zu tragen, da ich selbst die Frist zur rechtzeitigen Auszahlung der vollen Leistungen eingehalten habe.

Zudem entsteht ein völlig überflüssiger Arbeitsaufwand. Neben dem kostenpflichtigen Mehraufwand seitens der Gläubiger geht selbstverständlich auch ein großer Teil meiner Energie für Schriftverkehr bezüglich nicht bezahlter Rechnungen drauf. Und nicht zuletzt das Jobcenter selbst muss ja letztendlich ebenfalls den entstandenen Mehraufwand prüfen, um die entstandenen Kosten zu begleichen.

Somit werden wertvolle Ressourcen für administrativen Aufwand verbraucht, der – wie bereits angemerkt - vollkommen überflüssig ist. Abstrahiert man diese Situation, fördert das Jobcenter statt meiner Integration in den Arbeitsmarkt das Mahnwesen anderer Unternehmen.

Demgegenüber steht die vermutliche Erwartungshaltung des Jobcenters, dass ich mich trotz dieser „Beschäftigungstherapie“ mit vollem Einsatz weiterhin um meine Existenzgründung (Bewerbung für ein EXIST-Gründerstipendium) und die Bewerbung um einen sozialversichersicherungspflichtigen Arbeitsplatz zu kümmern habe.

Am 13. April erhielt ich den Hinweis, ich könne mich mit Kontoauszügen beim Jobcenter einfinden, welche belegen, dass ich mittellos bin. In diesem Fall würde ich umgehend Geld erhalten.

Hierzu ist anzumerken, dass ich mit dieser „Technik“ bereits Erfahrung sammeln durfte. Im Jahr 2012 musste ich zum ersten Mal in meinem Leben ALGII beantragen. Damals war ich ohne Job nach Berlin gekommen. Ich fand eine Unterkunft zur Zwischenmiete in Neukölln. Als ich dann den Vertrag für meine Wohnung im Wedding unterzeichnete, versagte man mir im Jobcenter Neukölln die Auszahlung von Leistungen, da ich den Wechsel der Unterkunft hätte genehmigen lassen müssen. Paragraphen wurden falsch zitiert. Denn nach dem SGBII ist es eine Soll-(keine Muss-)Bedingung, eine solche Genehmigung einzuholen, wenn wie in meinem Fall die Obdachlosigkeit droht und die Mietkosten den Regelsatz nicht überschreiten. Ich verbrachte Tage damit, meine Leistungen auf die beschriebene Art einzufordern. Dabei wurde ich vom Jobcenter Neukölln zum Jobcenter Berlin Mitte geschickt und andersherum. Einmal verbrachte ich einen ganzen Tag von früh morgens bis spät abends im Jobcenter Neukölln ohne irgendetwas zu erreichen. Schlussendlich geriet ich an eine Dame, Frau F. - sie trug damals pink gefärbte Haare -, die sich aus meinem Belegstapel eine Rechnung griff, die ich ein halbes Jahr zuvor der RWTH Aachen gestellt hatte (Ich habe dort über Werkvertrag gearbeitet). Die Rechnung belief sich auf mehrere tausend Euro und bestärkte die Frau darin, ihre mangelnde Kompetenz und Arbeitsunwilligkeit damit zu kompensieren, bei mir ein Schamgefühl gleich einer stinkreichen Bettlerin hervorzurufen. Scheinbar reichte der Verstand der Frau nicht aus, um zu begreifen, dass ein Freiberufler/eine Freiberuflerin auch Ausgaben zu tragen hat (die ebenfalls vorliegenden Belege ignorierte sie mit ihrer Geste jedenfalls) und sich die Einnahme zudem noch auf mehrere Monate verteilte. Ich hätte bereits einen Monat zuvor, noch vor meinem Umzug nach Berlin ALGII beantragen können. Aufgrund einer ebenfalls menschenunwürdigen Behandlung im Jobcenter Aachen und der angekündigten Bürokratie eines solchen Unterfangens unterließ ich dies jedoch. Es ist schon erstaunlich, dass einigen Jobcenter-Mitarbeitern scheinbar nicht bewusst ist, dass jeder in Deutschland lebende Bürger alleine schon durch sein Konsumverhalten zum Steuereinkommen der Bundesrepublik beiträgt. Ich verheimliche nicht, dass auch ich mit meinem Konsumverhalten in zurückliegenden Jahren einiger Maßen hierzu beigetragen habe.

Leider gibt es einige Menschen, die aufgrund schlechter Behandlung in den Jobcentern auf die ihnen zustehenden Leistungen verzichten und ein ärmlicheres Dasein führen anstatt eine gesicherte Existenz führen zu können.
Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele: Wenn Menschen trotz ALGII-Bezugs mehrfach im Jahr mehrwöchige Urlaubsreisen unternehmen oder zu Silvester mehrere tausend Euro für Böller hinlegen können, fragt man sich natürlich schon nach der Bedürftigkeit.

Letzten Endes hatte ich damals Glück. Ich geriet auf mein notgedrungenes Insistieren an einen Jobcenter-Mitarbeiter der Führungsebene, der mir unbürokratisch weiterhalf. Es war dies ein Mann mit türkischem Migrationshintergrund (So viel einmal mehr zum Thema ‚Vorurteile‘.). Glücklicherweise verfüge ich über ein gutes Gedächtnis und kann mir insbesondere gut merken, wenn Menschen mich schlecht behandeln.
Aufgrund dieser entwürdigenden Erfahrungen habe ich mich dazu entschlossen, in diesem Jahr alternativ vorzugehen. Nein, ich arbeite nicht schwarz und schon gar nicht als Prostituierte ;-) Ich helfe Menschen beim Reinigen ihrer Wohnung oder unterstütze sie in ihrer künstlerischen Arbeit und erhalte dafür die eine oder andere Mahlzeit und hin und wieder auch Zigaretten oder Tabak. Dies erachte ich als sinnvoller, als mich stundenlang im Jobcenter aufzuhalten und mich dort schlecht behandeln zu lassen. Es ist daher hilfreich, wenn Menschen in meiner Situation über ein gutes soziales Netzwerk vor Ort verfügen. Glücklicherweise gibt es in Berlin auch andere Menschen als jene, die ich in meinem Artikel über die Barfusstraße beschrieb. Da ist mein Freund Heribert. Er hat vor wenigen Monaten seine Frau verloren und muss nun neben der Trauerbewältigung den Haushalt alleine führen. Ein anderer Freund ist u.a. an Narkolepsie erkrankt und findet bislang keine Heilung. Amadeus, ein Bekannter und Freund von Heribert unterstützt Freunde und Bekannte im Kampf gegen das Bürokratiewesen der deutschen „Beamtenwirtschaft“. Auch er hat die eine oder andere Anekdote parat: So sei es einer Mitarbeiterin des Jobcenters nicht möglich gewesen, ein Formular auszudrucken, da sie mit ihrer ausgeprägten Oberweite die Tastatur blockierte. Der körperliche Umstand dieses Missgeschicks lag wohl in ihrer dreifachen Mutterschaft begründet. Die Fotos ihrer Kinder hingen gut sichtbar hinter ihr an der Wand. Bezüglich Kompetenz und Effizienz des Jobcenters - die Mitarbeiterin wunderte sich, warum der Drucker nicht funktionierte – ist auch dies leider eher ein trauriges Beispiel.

Autor:

Sabine Töpker aus Wedding

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