Zwangsarbeiterlager für das Bezirksamt Wilmersdorf in der Wilhelmsaue

Kein Mitgefühl gegenüber den wenigen noch lebenden Zwangsarbeitern? Warum verzögern Bezirksbürgermeister und Gedenktafelkommission die Erinnerung an ihr Leiden in eine ferne Zukunft? Will das Bezirksamt vergessen lassen, daß es Zwangsarbeiter beschäftigte?

Der Senioren-Bezirksversammlung am 13. April lag dieser Antrag vor:
„Die Senioren-BV fordert das Bezirksamt auf, nunmehr seine historische Verantwortung wahrzunehmen und am Ort des Zwangsarbeiterlagers seiner Vorgänger in der Wilhelmsaue 40 noch vor Ablauf der Wahlperiode im September 2016 für ein Gedenken zu sorgen.“

Der Bezirksbürgermeister (SPD) nahm dazu Stellung unter dem Motto „Seriosität vor Schnelligkeit“ (1): Um der Seriosität willen werde das Bezirksamt an das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit der Stiftung Topographie des Terrors oder an die Geschichtswerkstatt Schöneberg den Auftrag erteilen, die Zwangsarbeit in Wilmersdorf und Charlottenburg „umfassend zu erforschen“. Erst dann solle das Gedenken im einzelnen geplant und realisiert werden. Und im übrigen habe man sich „parteiübergreifend“ darauf verständigt, dass „die Gedenktafelkommission federführend“ sei; daher werde das Bezirksamt am Zwangsarbeiterlager seiner Vorgänger in der Wilhelmsaue 40 nicht von sich aus aktiv werden.

Es ist zu begrüßen, dass die Bezirksgremien nunmehr die Beschäftigung mit Zwangsarbeit als ihre Aufgabe erkannt haben – aber warum erst 1 ¼ Jahre nach dem ersten Anstoß?
Ebenfalls zu begrüßen ist, dass das Bezirksamt sich endlich an die Wehrmachtsauskunftsstelle (WASt) gewandt hat, um bestimmte Dokumente zur Wilhelmsaue 40 einsehen zu können (zwecks nochmaliger Bestätigung von Lage und Insassen) – aber warum erst 2 Monate nach der Auftragserteilung im Februar?

Nur:

--- Jedem einzelnen Mitglied von Bezirksamt und Gedenktafelkommission liegt längst – seit dem 10. März – eine Email vor mit einer Kopie aus diesen WASt-Dokumenten. Haben denn der Bezirksbürgermeister und die anderen den Anhang nicht gelesen? Oder behagt ihnen nicht, dass dadurch erneut die Forschungsergebnisse bestätigt wurden?
--- Und warum desavouiert der Bezirksbürgermeister schon im voraus die zukünftigen Partner Dokumentationszentrum und Geschichtswerkstatt? Beide unterstützen nämlich die Forschungsergebnisse zu Wilhelmsaue 40 – Ort des Zwangsarbeitslagers des Bezirksamtes Wilmersdorf. Der Vorwurf der mangelnden Seriosität trifft somit notwendigerweise auch diese beiden renommierten Institutionen.
Und weiter: Im November 2015, lehnte der Bezirksbürgermeister ein zugesagtes Gespräch, an dem die Leiterin des Dokumentationszentrums teilnehmen wollte, in Absprache mit seiner Partei ab. Ist das Dokumentationszentrum für ihn erst jetzt seriös genug, oder gibt es andere Gründe für seinen Schwenk?
Zum Schluss noch grundsätzlich zur ‚mangelnden Seriosität‘: War dem Bezirksbürgermeister diese von ihm nicht bewiesene Behauptung vielleicht aus mangelnder Sachkenntnis herausgerutscht; oder war es einfach Teil der bei Politikern „parteiübergreifend“ nicht unüblichen Routine, wenn es gilt, Bürger mit ihren Anliegen kaltzustellen?

Das führt zu weiteren Fragen:

--- Die Dokumente zum Zwangsarbeiterlager des Bezirksamtes stammen vom Landesarchiv Berlin, dem Archiv des Bezirksmuseums und der WASt. Sind die nicht seriös?
--- Da Dokumentationszentrum und Geschichtswerkstatt durch eigene Aufgaben völlig ausgelastet sind und folglich keine Kapazitäten für einen Forschungsauftrag haben, müssten sie ihn an einen Dritten zur Bearbeitung weitergeben. Ist das Bezirksamt überhaupt bereit, die dabei anfallenden Kosten zu tragen?
--- Aber selbst bei Bezahlung oder kostenloser Forschung: Erst gedenken zu wollen, nachdem die Zwangsarbeit im Bezirk „umfassend erforscht“ ist, bedeutet bei 64 Fremdarbeiterlagern, die es 1942 in Wilmersdorf und Charlottenburg gab, eine langfristige Verschiebung (zum Kriegsende waren es sogar über 100!). Womit ist diese Verschiebung sachlich zu rechtfertigen, wenn schon jetzt eindeutig belegt ist (2), dass sich in der Wilhelmsaue 40 ein Zwangsarbeiterlager des Bezirksamtes Wilmersdorf befand?
--- Warum also sträuben sich der Bezirksbürgermeister und die anderen Gremien mit allen Mitteln gegen die sofort mögliche und dringend gebotene Erinnerung an die Zwangsarbeiter des Bezirksamtes?

Mittel der Verschleppung

Um diese Frage besser beantworten zu können, lassen wir die lange Geschichte dieses Anliegens ganz kurz Revue passieren: Erst die Anfrage, ob sich dort denn wirklich ein Zwangsarbeiterlager befand; dann Zweifel, ob es die Hausnummer 40 überhaupt gab; weiter, ob das denn nicht eher ein Lager der Stadt gewesen sei – alles Punkte, die natürlich geklärt werden müssen, deren Klärung aber nie diskutiert wurde, sondern jedes Mal ein neues Bedenken nach sich zog.
Dann noch zur Entscheidung über die grundsätzliche Verfahrensweise: Ohne jegliche öffentliche Diskussion wurde „parteiübergreifend“ bestimmt, die Zwangsarbeit im Bezirk müsse erst einmal „umfassend erforscht“ werden, bevor man über die Form der Erinnerung entscheide. Das steht in krassem Widerspruch zum Wort des Bezirksbürgermeisters, das Gedenken an die Zwangsarbeiter sei „überfällig“. Denn dieses Gedenken wird dadurch weit in die Zukunft verschoben, und das Wort des Bezirksbürgermeister erweist sich als nicht ernsthaft.
Dies alles zeigt einen enormen Mangel an Mitgefühl gegenüber den wenigen noch lebenden Zwangsarbeitern, denen mit einem ersten Gedenken in der Wilhelmsaue ein wenn auch sehr spätes Zeichen der Anerkennung ihres Leidens gegeben würde.

Es drängt sich ein Eindruck auf:

Passt ein Gedenken des Bezirksamtes an die Zwangsarbeiter seiner Vorgänger vielleicht nicht in die Pläne der Bezirkspolitiker? Aber warum?

> Ist es Gleichgültigkeit gegenüber den Leiden der Zwangsarbeiter?
> Oder Angst, etwas falsch zu machen? Muss vielleicht erst wieder – wie schon bei der vor einem Jahr enthüllten Gedenktafel für ermordete Deserteure in der Uhlandstraße – ein Professor ihnen sagen, dass das seine Richtigkeit hat?
> Will man damit zeigen, dass man sich nicht von Bürgern „vorschreiben“ lässt, was man als „gewählter Volksvertreter“ tun soll?
> Oder will man – trotz Lippenbekenntnissen – gar das Gedenken verhindern durch eine politisch korrekte Verschleppung unter dem Deckmantel der „Seriosität“?

Die einfachste Antwort auf all diese Fragen wäre ein sofortiger Beschluss für das Gedenken in der Wilhelmsaue und seine direkte Umsetzung!

Michael Roeder

(1) Alle Satzteile in Anführungszeichen sind wörtliche Zitate des Bezirksbürgermeisters.
(2) Siehe den Abschnitt Wilhelmsaue 40 und folgende.

Autor:

Michael Roeder aus Wilmersdorf

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