Harmonisches Miteinander im Kiez
Bürgerinitiative schafft seit 30 Jahren Austausch zwischen den Kulturen

Bettina Grotewohl und Uta Jankowsky sind beide fast von Anfang an dabei.
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  • Bettina Grotewohl und Uta Jankowsky sind beide fast von Anfang an dabei.
  • Foto: Luise Giggel
  • hochgeladen von Josephine Macfoy

Die „Bürgerinitiative Ausländische MitbürgerInnen“ besteht seit nunmehr dreißig Jahren. Als sich Bettina Grotewohl am 3. März 1990 zum ersten Mal mit etwa 40 weiteren Mitstreitern in der Anne-Frank-Bibliothek in Alt-Hohenschönhausen traf, ahnte sie noch nicht, dass das der Beginn einer langen Vereinsgeschichte werden würde. Damals gab es im Stadtteil große Vertragsarbeiterwohnheime, in denen Menschen aus Vietnam und Mosambik lebten. Zur Wendezeit war deren Bleibeperspektive ungewiss.

Das erklärte Ziel der frisch gegründeten Initiative war es, sich politisch für diese Mitbürger einzusetzen und ein harmonisches Miteinander im Kiez zu fördern. In Kooperation mit der Volkshochschule wurden Deutschkurse geschaffen, man nahm regelmäßig an Demonstrationen für das Bleiberecht teil und plädierte der Politik gegenüber für einen Ausländerbeauftragten. Da habe sich die Gruppe an West-Deutschland orientiert, berichtet Bettina Grotewohl.

Obwohl damals keiner sich mit Vereinsgründungen auskannte, wurde die Bürgerinitiative bereits im Oktober 1990 ein eingetragener Verein mit rund 25 Mitgliedern. Damit konnten auch Fördergelder beantragt werden, denn man habe schnell festgestellt, dass allein das ehrenamtliche Engagement nicht ausreiche.

Aus dem ersten Büro im Vertragsarbeiterwohnheim in der Gehrenseestraße wurde die Arbeit des Vereins auf drei Säulen gestellt: Deutschkenntnisse vermitteln, Beratung anbieten und sich in der Politik einsetzen. Um möglichst niedrigschwellig die verschiedenen Anwohnergruppen in Alt-Hohenschönhausen zusammenzubringen, wurden bald Feste organisiert. Berührungsängste schwanden so. Mit der Zeit wurden feierliche Anlässe auch gemeinsam mit anderen ansässigen Vereinen wie dem Interkulturellen Garten oder den umliegenden Jugendclubs begangen – man kennt sich im Stadtteil und arbeitet zusammen. 

Konfliktreiche Welt treibt Menschen zur Flucht

Die seit 2006 in der Neustrelitzer Straße ansässige Bürgerinitiative hat sich über die Jahre mit dem Stadtteil und der Klientel verändert: Die damaligen Vertragsarbeiterwohnheime sind nur noch Ruinen, die bald einem neuen Stadtquartier weichen sollen. Durch mehr Wohnraum seien junge Familien dazu gekommen, derzeit fehle es an Kita- und Schulplätzen. Menschen, die Angebote des Vereins nutzen, sind gealtert. So kommen etwa Fragen um Rente und Pflege auf. Viele Themen und Probleme hätten sich über die Jahre aber auch wiederholt: Nach den Vertragsarbeitern aus Vietnam kamen Geflüchtete aus dem ehemaligen Jugoslawien, später aus Afghanistan, Syrien und vielen anderen Ländern. „Wenn man auf die weltpolitische Situation schaut, wird das auch immer weitergehen“, prognostiziert Bettina Grotewohl. Das Ziel für die Vereinsarbeit sei aber immer gleich geblieben: ein harmonisches Miteinander fördern.

Derzeit wird die Bürgerinitiative Ausländische MitbürgerInnen sowohl vom Senat als auch vom Bezirksamt gefördert. Aus dem anfänglichen Deutschkurs ist inzwischen der vom BAMF geforderte Integrationskurs geworden, Beratungen werden in verschiedenen Sprachen angeboten. Zudem gibt es Familien- und Kieztreffs für alle Altersgruppen. „In der Außenwahrnehmung sind wir manchmal nicht ganz klar einzuordnen“, räumt Uta Jankowsky, der zweite Kopf der Vereins, ein.

Vor allem bei der Unterstützung durch die Politik werde der Verein dann auch mal übersehen, da es keine eindeutige Zielgruppe gibt. „Wir selbst sehen uns als Ort der Begegnung zwischen alteingesessenen Hohenschönhausern und neuen Mitbürgern. Das wollen wir auch gar nicht weiter einschränken, weil so der Raum für Entwicklung bleibt“, erklärt die gelernte Finanzkauffrau. Aber auch im Stadtteil Alt-Hohenschönhausen habe man das Gefühl, von der Politik vergessen zu werden. Die meisten Mittel flössen nach Lichtenberg oder Neu-Hohenschönhausen. Hier sei mehr Unterstützung seitens des Bezirks wünschenswert, da die Trägerstruktur bei der Entwicklung des Stadtteils überhaupt nicht mithalten könne. Beispielhaft dafür stehen die Räumlichkeiten der Initiative, die als DDR-Altstoff-Annahmestelle gar nicht für eine dauerhafte Nutzung ausgelegt waren. „Unsere Heizungen sind so antik, dass Vattenfall hierher Ausflüge für die Mitarbeiter macht“, lacht Jankowsky.

Hohenschönhausen braucht einen Festsaal

Generell gäbe es hier auch keine Kapazitäten für weitere Angebote, obwohl die gebraucht würden. Viele Anwohner wünschen sich einen Festsaal für Veranstaltungen, die man sich auch mit „kleinem Geldbeutel“ leisten könne. So einen würden Grotewohl und Jankowsky am liebsten in einem neuen Haus, das als Nachbarschaftstreff dient, sehen – mit Café und Räumen für die Beratungen, Sport- und Kochkurse. „Wir brauchen hier keine Hochkultur, aber eine Möglichkeit, wo sich die Nachbarn treffen können“, fasst Uta Jankowsky die aktuellen Bedarfe in Alt-Hohenschönhausen zusammen.

Bevor aber weiter Utopien für die Zeit in 20 Jahren aufgestellt werden, schwelgen Jankowsky und Grotewohl noch in Erinnerungen aus der zurückliegenden Vereinsarbeit und die Freundschaften, die hier zwischen verschiedenen Kulturen entstanden sind. Am 11. März gibt es ab 11 Uhr einen Jubiläumsempfang in der Neustrelitzer Straße 63. Wer teilnehmen möchte, kann sich noch bis zum 6. März per E-Mail (info@bi-berlin.org) oder telefonisch unter 981 45 46 dafür anmelden. Später im Sommer gibt es dann auch noch ein großes Fest.

Autor:

Luise Giggel aus Wedding

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