Göttliche Lage

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Geplantes Wohnquartier Westkreuz – Lärm und soziale Schieflage

Der Grunewalder Immobilienhändler, Investor und Projektentwickler Christian Gérôme plant ein großes Wohnquartier am S-Bahnhof Westkreuz.
Auserkoren dafür ist das bislang verwilderte, einstige Bahngelände zwischen den Gleisen nahe der Rönnestraße. Lärmumspült von dichtem Bahnverkehr reicht das Baugelände von der Unterführung Holtzendorffstraße bis nahe an den S-Bhf Westkreuz heran.
Die rot-grüne Zählgemeinschaftsvereinbarung vom 14.11.2016 hat dem Investor vorerst einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eine Entwicklung des Geländes als Wohnungsbau- oder Gewerbestandort wird abgelehnt. Ein Park soll es werden. Trotzdem wird Druck im Kessel bleiben zur Realisierung des Projekts. Dafür wird allein schon der Investor sorgen.
Wie gewohnt, zetern bereits CDU und FDP in dessen Interesse. Schließlich wollen mehr als 100 Millionen Euro rentierlich investiert werden. 900 Wohnungen sollen entstehen, darunter ein Teil als Sozialwohnungen. Architektenentwürfe liegen vor.
Nach Angaben des Tagesspiegel vom 16.11.2016 lassen sich achtstöckige Häuser, zwei 20-stöckige Kopfbauten und drei Häuser mit 16 Etagen erkennen, ferner ein Radweg, ein Teich und ein Park, der öffentlich zugänglich sein soll.
Doch das Gesamtprojekt ist ein Musterbeispiel für fehlgeleiteten Wohnungsbau. Am Standort bündeln sich Probleme. Sie reichen von sozialer Schieflage und Lärm über mögliche Verkehrsbehinderungen an der Holtzendorffstraße, eine behinderte Frischluftzufuhr aus dem Grunewald (Sperrriegel durch zu hohe Häuser) für das engere und weitere Gebiet um den Stuttgarter Platz herum bis hin zu Elektrosmog durch Bahnstrom. In diesem Beitrag geht es aber nur um die an erster Stelle genannten und besonders drückenden Probleme.

Wohlhabende bleiben unter sich

Dem Beitrag des Tagesspiegel ist nicht zu entnehmen, ob die Sozialwohnungen Bestandteil der einzelnen Wohnhäuser sein sollen, damit eine sinnvolle und sozial verträgliche Durchmischung gut und weniger gut verdienender HausbewohnerInnen ermöglicht werden kann. Sie ist für ein gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben und menschliches Miteinander unverzichtbar.
Schaut man sich die aktuellen Architektenpläne an, dann ist das nicht der Fall! Die hochpreisigen Wohnungen für Wohlhabende liegen getrennt von den kostengünstigen Sozialwohnungen mit 6 Euro/qm Kaltmiete. Sie liegen am Rande zum Bahnhof Westkreuz hin, von der teuren Wohnlage scheinbar nur von einem Boulevard getrennt. In Wirklichkeit aber liegt die einfache Wohnlage, wo mehrere hundert Menschen wohnen sollen, eingeklemmt zwischen Bahngleisen der Fernbahn und drei S-Bahnlinien. Zudem fehlt außer einer vorgesehenen Kita fehlt jegliche Infrastruktur.
Wenige Wege führen aus der isolierten Lage hinaus, so zum S-Bahnhof Westkreuz oder praktischerweise gleich zu den günstigen Einkaufsmöglichkeiten Aldi, Getränke Hoffmann und Fressnapf (Tierfutter) an der Heilbronner Straße. Eine weitere Möglichkeit bietet der geplante Radweg entlang der teuren Wohnanlagen zur Autoauffahrt an der Holtzendorffstr. Die Konzeption der Gesamtanlage mit ihrer räumlichen Trennung in arm und reich ist ein getreues Abbild unserer Klassengesellschaft und zeigt die soziale Spaltung unserer Gesellschaft.

Hinter Glitzerfassaden entsteht der nächste soziale Brennpunkt

Anfangs waren in den Planungen 200 von 900 Wohnungen im „sozialen“ Angebot. Dann waren es 220. Das aber nicht freiwillig, denn der Senat forderte in Berlin einen Anteil von Wohnungen mit Mietpreis- und Belegungsbindung von 25 Prozent der Wohnfläche. In der rot-rot-grünen Koalitionsvereinbarung ist es inzwischen ein Anteil von 30 bis 50 Prozent. Das wären dann am Ende der Brache bis zu 450 von 900 Wohnungen. Der Wohnsilo wäre von acht auf 16 bis 20 Etagen aufzustocken, je nachdem wie groß die Wohnungen ausfallen würden, ganz sicher aber so, dass noch Wohngeld fließt. Statt in die Höhe könnte auch in die Breite gebaut werden, doch das wird nicht möglich sein, denn da stößt der Investor auf Gleise oder aber die Kleingärtner.
Es ist bekannt, was passiert, wenn viele Menschen, die wenig verdienen oder gar arbeitslos sind, dicht gedrängt zusammenleben müssen. Harte, nervenaufreibende und schlecht bezahlte Jobs, wenig oder kaum Aufstiegschancen, immer wieder bedroht von Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung, viele ihrer Kinder von vornherein mit wenig Chancen auf eine gute Zukunft und ein gutes Leben. Damit wird das Zusammenleben nicht freundlicher und einander zugewandter, egal ob es sich um Deutsche oder Ausländer handelt. Zusammengepresst auf engem Raum, können dann kulturelle Unterschiede und unterschiedliche Lebenspraxen zwischen Deutschen und anderen Nationalitäten leicht in Hass und Hader untereinander einmünden. Das schafft keine Voraussetzungen, Fremdenfeindlichkeit abzubauen. Integration ist so von vornherein zum Scheitern verurteilt. Was werden sich die Kleingärtner freuen, die heute noch das Wohnprojekt Westkreuz begrüßen, wenn sie mit oft arbeitslosen deutschen und nichtdeutschen, rebellischen Jugendlichen auf engstem Raum konfrontiert werden.

Mehr Lärm für die mit wenig Geld

Das gesamte Wohnprojekt ist Tag und Nacht von Bahnlärm umspült. Nach Berechnungen aus den Jahren 2003/2004 für den Berliner Umweltsenat ist es links und rechts der Bahntrassen tagsüber zwischen 66 und 70 Dezibel und nachts zwischen 62 bis 66 Dezibel laut. Solche andauernd hohen Lärmbelastungen sind gefährlich für die Gesundheit der für die Bewohner der Wohnanlage. Nur wird der Krach die Bewohner mit wenig Geld mehr treffen.
Warum? Die teuren Wohnhäuser können über die inzwischen üblichen Schallschutzfenster hinaus insgesamt aufwendiger und schalldämmender gebaut werden. Das wird man für die vorgesehenen kostengünstigen Sozialwohnungen nicht machen. Es wäre schlichtweg zu teuer.
Dennoch bleiben auch mit mehr oder weniger Schallschutz für die Ruhe in den Gebäuden noch weitere Probleme bestehen. Draußen bleibt es weiter laut, Lärmschutzwände versprechen auch nur ein begrenztes Mehr an Ruhe. Auf den Balkonen sich gemütlich hinzusetzen oder mit FreundInnen zu plaudern, dürfte den meisten vergehen. Insgesamt ist die Lärmbelastung aber gerade für Kinder untragbar, ob sie nun aus gut, weniger gut oder schlecht verdienenden Elternhäusern kommen. Schließlich wollen und sollen sie draußen spielen und herumtollen. Der Bahnlärm wird schon früh ihrer Gesundheit schaden. Kinder aus wohlhabenden Elternhäusern sind aber auch dann noch besser dran, weil die Eltern mehr Geld haben, um andernorts für Freizeitmöglichkeiten zu sorgen.

Warum Lärm krank macht

Lärm ist ein krankmachender Stressfaktor. Und davon hat die Stadt mehr als genug. Iris Hauth, Ärztin und Direktorin der größten Berliner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Weißensee weist in einem Interview mit der Berliner Zeitung am 22.11.2016 genau auf diesen Punkt hin.
Die "Reaktion auf externen Stress bei der Stadtbevölkerung ist größer ist und sie reagiert gereizter. Dadurch häufen sich Stressattacken und können auch chronisch werden". Das genau fällt der Allgemeinheit dann mit steigenden Gesundheitskosten auf die Füße.
Lärm führt – um nur die wichtigsten Auswirkungen zu nennen – zu Schlafstörungen, höheren Risiken für Bluthochdruck und Herzinfarkte. Die WHO fordert schon seit vielen Jahren, dass nachts die Menschen nur einem mittleren Geräuschpegel von 40 Dezibel ausgesetzt sind. Bei diesem Wert werden bislang keine signifikant erhöhten und schädigenden Befunde beobachtet. Darüber beginnen die Schädigungen. Zwischen 45 und 54 Dezibel steigt der Prozentsatz stark Belästigter an. Ab 55 Dezibel wird die Abwehr von gesundheitlichen Gefahren notwendig.
Mancher wird sich hier fragen, wie es sein kann, das nur fünf Dezibel mehr gleich zu einer solchen Zunahme von Gefährdungen führt. Das ist ganz einfach. Die Dezibel-Messskala verläuft nicht linear, sondern logarithmisch. Das aber kann man sich schlechter vorstellen, weil man im Alltag daran gewöhnt ist, linear zu denken. Steigt also die Lautstärke von 40 Dezibel auf 50 Dezibel, mithin um 10 Dezibel, dann ist es doppelt so laut, also 100 Prozent mehr und nicht nur 25 Prozent, wie man mit „linearer Denke“ und Dreisatz meinen könnte.
Eine Steigerung von 40 Dezibel auf 60 Dezibel bedeutet eine Vervierfachung des Lärms. Kurz gesagt, die Angabe von Lärm in Dezibel ist zwar wissenschaftlich korrekt, aber zugleich auch eine einfache Verschleierung, um große Lärmbelastungen für den Unkundigen klein zu reden.
Gesundheitliche Gefährdungen durch Feinstaub und Elektrosmog können sich mit denen durch Lärm zu einer Gesamtbelastung aufbauen und die Gesundheit noch weiter schädigen. Darauf soll aber an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden.

Lärmschutz – Stiefkind des Umweltschutzes

Vor diesem Hintergrund sei bemerkt, dass der Lärmschutz seit den siebziger Jahren ein Stiefkind des Umweltschutzes geblieben ist. Dafür haben politische und wirtschaftliche Interessen gesorgt. So ist auch die seit 1990 geltende und immer mal wieder novellierte Verkehrslärmschutzverordnung ein ziemlich zahnloser Tiger geblieben. Sie gilt nur für den Bau neuer oder die wesentliche Änderung von öffentlichen Straßen sowie von Schienenwegen.
Damit fällt Entscheidendes flach, nämlich alle Maßnahmen zur Eindämmung von Lärm an vorhandenen Strecken im Bestand. Damit kann auch im Falle des geplanten Westparkprojekts nichts rechtswirksam und breitflächig durchgesetzt werden. Es bleiben nur einzelfallbezogene Klagen von An- und Bewohnern, meist langwierig und mit unsicherem Ausgang. Noch dazu sind die Dezibel-Grenzwerte nicht an den schon lange bekannten medizinischen Kenntnisstand angepasst und strenger gefasst worden. Im Gegenteil. Vor kurzem sind die Dezibel-Grenzwerte für urbane Gebiete sogar noch heraufgesetzt worden, damit Investoreninteressen besser bedient werden können und der Staat sich um aufwendige finanzielle Maßnahmen für mehr Lärmschutz drücken kann.
Verfasser:
Dr. Detlef Bimboes, Mitglied der Ökologischen Plattform bei der Partei DIE LINKE
Joachim Neu, Mitglied der Bürgerbewegung Charlottenburg

Autor:

Joachim Neu aus Charlottenburg

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