Vermessen, pflegen, informieren
Was die Mauerstiftung an der East Side Gallery vorhat

Kani Alavi, Axel Klausmeier und Klaus Lederer (von links) bei der Präsentation des East-Side-Gallery-Konzepts.
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Am 1. November ist die East Side Gallery samt ihrer Grundstücke in die Verantwortung der Stiftung Berliner Mauer übergegangen. Die Stiftung war dort aber schon zuvor nicht untätig.

Darauf deutet die erste Bestandsaufnahme hin, die ihr Direktor Professor Axel Klausmeier bei einem Vor-Ort-Termin am 21. November abgab. Jeder der jeweils 3,80 Meter langen und 1,20 Meter breiten Betonblöcke entlang der Mühlenstraße wäre, wie das Gelände insgesamt, vermessen worden. Auch was sich noch im Untergrund befindet, wird einer näheren Betrachtung unterzogen. An einer Stelle soll es Ausgrabungen geben, weil dort das Fundament eines Wachturms vermutet wird.

Bei der East Side Gallery handelt es sich zunächst um das längste noch erhaltene Stück der Berliner Mauer. Genauer gesagt um rund 1,2 Kilometer Hinterlandmauer parallel zur Spree. Dass sie nach der friedlichen Revolution von 1989 nicht ebenfalls abgetragen wurde, ist Künstlern aus aller Welt zu verdanken, die den Wall Anfang 1990 bemalten. Daraus entstand die East Side Gallery, die heute wohl auch international bekannteste Freiluft-Galerie.

Touren in neun Sprachen

Das große Interesse, ausgedrückt an jährlich rund drei Millionen Besuchern, stand bisher im Kontrast zur lange Zeit eher stiefmütterlichen Behandlung durch die öffentliche Hand. Die Übergabe an die Mauerstiftung soll das auch sichtbar ändern. Sie erhält für diese Aufgabe vom Land Berlin zusätzliche Mittel in Höhe von jährlich 250 000 Euro.

Ungewöhnlich sei schon gewesen, dass die Gäste kaum Informationen bekommen hätten, sagt Axel Klausmeier. Weder zur Geschichte des Orts, noch zu den Kunstwerken und den Künstlern. Die wird es jetzt geben. Zunächst durch öffentliche Überblicksführungen, die ab sofort an jedem Sonnabend stattfinden. Um 10.30 Uhr startet eine Tour in englischer Sprache, um 11 Uhr in Deutsch. Sie dauert jeweils eine Stunde. Treffpunkt ist an der Mühlenstraße 73, schräg gegenüber der Tamara-Danz-Straße. Erwachsene bezahlen 3,50, ermäßigt 2,50 Euro, für Schülerinnen und Schüler ist die Teilnahme kostenfrei. Nötig ist eine vorherige Anmeldung immer bis spätestens Freitag unter der Telefonnummer 467 98 66 23. Des Weiteren werden Gruppenführungen zu bestimmten Themen angeboten. Sie können in insgesamt neun Sprachen gebucht werden und beschäftigen sich mit der Historie oder der Kunst an der East Side Gallery. Auch ein spezieller Rundgang für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren gehört dazu. Und ab Februar 2019 folgen noch zwei Touren in leichter Sprache. Alle Hinweise sowie Online-Anmeldung unter www.eastsidegalleryberlin.de.

Weiter in die Ferne gehen Pläne für eine Ausstellung auf dem Gelände. Laut Axel Klausmeier soll sie bis Ende 2022 eingerichtet werden. Wobei die Vorbereitungen bereits jetzt beginnen. Sie beinhalten auch eine Befragung der Besucher im kommenden Jahr. Für sie soll ab nächstem Frühjahr außerdem ein Container als temporäre Anlaufstelle und Service Point eingerichtet werden.

Kampf gegen Müll und Graffiti

Zu den Aufgaben der Mauerstiftung gehört auch die Pflege und insgesamt der Erhalt der East Side Gallery. Gerade was diese Punkte betrifft, gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Anlass zur Klage, Stichworte Müll und Graffiti. Seit Anfang November wurde der Reinigungsrhythmus auf der Grünfläche auf drei Einsätze pro Woche erhöht. Schmierereien an den Bildern sollen in der Regel nach spätestens 14 Tagen verschwinden.

An der East Side Gallery kommen viele Facetten der jüngeren Vergangenheit zusammen. Sie bleibt sichtbarer Ausdruck für die einst geteilte Stadt, einschließlich zahlreicher Toter an dieser Stelle. Sie steht für das Überwinden von Mauern und das künstlerische Aneignen, das sich auch auf diese Vorgeschichte bezieht. Und das alles soll nicht zuletzt den Menschen vermittelt werden, die nach 1989 geboren sind. Er sei überzeugt, dass die East Side Gallery nun dem gerecht werde, was sie sein soll, erklärte Kultursenator Klaus Lederer (Linke). "Ein authentischer Geschichtsort, Ort für Vermittlung, Freiluftgalerie und Raum für temporäre Kunst und Kultur, die mit der Erinnerungsarbeit gut korrespondieren kann."

Kritik: Mauerstiftung überfordert

Kritik kommt dagegen von der Initiative "East Side Gallery – A Living Monument to Joy", bei der auch einige der einstigen Mauerkünstler mitmachen. Sie fordert, "den Ruf des Epochenjahres 1989 nach Frieden, Freiheit und Demokratie mit Hilfe eines zukunftsweisenden Bildungskonzepts im Hier und Jetzt zu reflektieren." Damit sei die Mauerstiftung nach ihrer Ansicht "offensichtlich überfordert."

Ganz anders sieht das wiederum Kani Alavi, Sprecher des Vereins East Side Gallery. Er und seine Mitstreiter hatten sich in den vergangenen Jahren häufig im Alleingang für den Erhalt und eine gesicherte Zukunft der Mauerreste eingesetzt. Die Übergabe an die Mauerstiftung sei dabei schon lange als Ziel verfolgt worden, betonte Alavi. Er hoffe jetzt, dass an dem Denkmal weniger "herumgefummelt" werde und bezog das nicht zuletzt auf das Heraustrennen von bemalten Mauerstücken wegen Neubauten auf dem ehemaligen Todesstreifen. Die Verantwortung dafür sah Kani Alavi beim Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Ein weiteres Durchlöchen der East Side Gallery werde es nicht mehr geben, versprach Axel Klausmeier. Davor schütze bereits die Stiftung als Eigentümer des Areals. Außerdem seien keine weiteren Bauanträge anhängig.

Kani Alavi, Axel Klausmeier und Klaus Lederer (von links) bei der Präsentation des East-Side-Gallery-Konzepts.
Die Parkseite der Mauer soll wieder weiß werden und weiß bleiben.

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