Tragische Mauerflucht im Juni 1962
Gedenktafel für verurteilten Mörder enthüllt

Sichtlich bewegt: Rudolf Müller vor der Gedenktafel, die an den Fluchttunnel und die tragische Flucht seiner Familie erinnert.
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Welche dramatischen Ereignisse der Mauerbau im August 1961 nach sich zog, zeigen die vielen Fluchtgeschichten. Eine besonders dramatische und propagandistisch ausgeschlachtete ist der Tod des DDR-Grenzunteroffiziers Reinhold Huhn. Doch ist der Fluchthelfer Rudolf Müller, der ihn erschossen hat, ein Mörder?

An die spektakuläre und tragische Flucht im Sommer 1962 erinnert jetzt eine Gedenktafel auf dem Gehweg der Zimmerstraße Ecke Jerusalemer Straße, die der Berliner Unterwelten-Verein mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur am 18. September eingeweiht hat. Senat, Bezirk und die Mauerstiftung stehen hinter der Ehrung und Erinnerung. Zeitgleich ist im Christoph Links Verlag das Buch „Kein Licht am Ende des Tunnels“ erschienen, das die „tragische Flucht einer Familie“ detailliert beschreibt und mit bisher unveröffentlichten Dokumenten sowohl der Grenztruppen, der Polizei als auch der DDR-Staatssicherheit auf etliche Unstimmigkeiten hinweist. Autor Dietmar Arnold, Chef des Berliner Unterwelten-Vereins, hat das Buch mit Rudolf Müller geschrieben.

Fest steht, dass Müller an jenem 18. Juni auf den Grenzsoldaten Reinhold Huhn geschossen hat. Müller, damals 31 Jahre alt, hatte von der damaligen Springer-Baustelle einen Tunnel zu einem toten Keller in der Zimmerstraße gegraben. Durch ihn kroch er in den Osten, um seine Frau und Kinder vom Dönhoff-Platz abzuholen und zum Fluchttunnel zu bringen. Doch plötzlich stand der Grenzer Reinhold Huhn vor ihnen, mit angehobener Waffe. Die Familie rannte los in den Tunnel, Rudolf Müller schoss mit einer Pistole einmal auf Huhn. Aus Angst, selbst erschossen zu werden. Huhn starb und wurde in der DDR zum Märtyrer und Helden stilisiert. Die Schützenstraße hieß in der DDR Reinhold-Huhn-Straße, viele Schulen und Organisationen wurden nach ihm benannt.

Die Flucht der Familie Müller war zwar geglückt, aber in den folgenden Jahren fraß sich die Geschichte wie Gift durch ihr Leben. Der Titel „Kein Licht am Ende des Tunnels“ soll die Tragik dieser erfolgreichen Flucht ausdrücken. Doch ist Rudolf Müller ein Mörder, wie der Bundesgerichtshof 2000 im Revisionsverfahren urteilte? Zuvor war Müller 1999 vom Landgericht Berlin wegen Totschlags zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof änderte das Urteil auf Mord, beließ es aber bei der Strafhöhe. Bewährung für Mord? Ein einmaliger Fall in der deutschen Rechtsprechung, der viele Fragen offen lässt.

„Es ist ein politisches Urteil, es gab keine definitiven Beweise, dass Rudolf Müller ein Mörder ist“, sagt Autor Dietmar Arnold. Und auch Müller beteuert, dass der Schuss Notwehr war. Was genau passiert ist, wird auch zukünftig Historiker beschäftigen. Warum stand der Postenführer Fritz Hoffmann 40 Meter hinter Huhn auf dem Wachturm und nicht neben ihm? Warum zeigt eine Aufnahme von Huhns Leiche im Volkspolizei-Krankenhaus zwei Einschüsse, wenn Müller, wie behauptet, nur einen Schuss abgegeben hat? Haben die eigenen Leute auch geschossen? Wurde da etwas vertuscht? Aus den bisher unveröffentlichten Unterlagen „wird deutlich, wie seinerzeit bei den Ermittlungen getrickst und geschlampt, wie Wahrheiten verdreht wurden“, heißt es in dem Klappentext des Buches. Arnold will mit dem Buch „dem Gericht Fehler in der Recherche nachweisen“. So seien die Zeitzeugen nicht richtig befragt worden und die Ostzeugen bevorteilt, so der Autor. „Es wurde auf beiden Seiten, damals wie heute, bei den Ermittlungsarbeiten geschludert“, so Arnold. Das Buch zeige „in besonderem Maße, in welch perfide, tragische und brutale Situation allein die schiere Existenz der Mauer die Menschen brachte“, sagte Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, bei der Einweihung der Gedenktafel. Er ist sicher, dass die Forschung weiter geht und zog den Hut vor den Zeitzeugen, die sich mit dem Buch der Situation stellen.

Auf der Gedenkplatte steht ein mit dem Kulturausschuss der Bezirksverordnetenversammlung abgestimmter Text zu dieser dramatischen Fluchtgeschichte: „Unter dieser Straße gelangte am 18. Juni 1962 eine Ost-Berliner Familien in die Freiheit. Aufgrund tragischer Umstände ist dabei der Grenzsoldat Reinhold Paul Huhn von einem Fluchthelfer erschossen worden.“ Dass dies der heute 87-jährige Rudolf Müller – 1993 ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande – war, steht da nicht.

Auf einer weiteren Gedenktafel über einen spektakulären Fluchttunnel, die ebenfalls am 18. September enthüllt wurde, stehen hingegen die Namen der Flüchtlinge. Die Brüder Manfred und Peter Höer buddelten sich gemeinsam mit ihrem Kumpel Peter Schöpf wenige Meter vom Checkpoint Charlie entfernt im Winter 19971/72 durch den Todesstreifen. Am 9. Januar gelang ihnen die Flucht in die Freiheit. Zu dieser bisher kaum bekannten Tunnelflucht ist soeben das Buch „Der Tunnel am Checkpoint Charlie“ erschienen.

Autor:

Dirk Jericho aus Mitte

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