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Nach 600 Jahren kam die Abrissbirne: Mitte: Vor dem Roten Rathaus stand bis 1955 das letzte mittelalterliche Wohnhaus

Ein Foto von 1932: Das knapp 600 Jahre alte Patrizierhaus Wins vor dem Roten Rathaus wurde 1955 abgerissen.
Ein Foto von 1932: Das knapp 600 Jahre alte Patrizierhaus Wins vor dem Roten Rathaus wurde 1955 abgerissen. (Foto: www.berlin-mitte-archiv.de)

von Dirk Jericho

In ihrer Ausstellung „Verborgene Pracht. Adelspalais und Bürgerhäuser im Berliner Stadtkern“ haben sich Lutz Mauersberger und Benedikt Goebel 2017 mit der Geschichte der 36 Stadtpaläste beschäftigt, die einmal im Berliner Stadtkern standen.

In der Stadtdebatte „Alte Mitte – neue Liebe“ des Senats wurde 2015 und 2016 darüber debattiert, ob das Areal zwischen Fernsehturm und Spree sowie zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche wieder auf altem Stadtgrundriss rekonstruiert wird. Wird es nicht, so das in den Bürgerleitlinien beschlossene Ergebnis.

Auf dem Areal gab es bis zur Zerstörung im Zeiten Weltkrieg und dem Abriss der Gebäude ein dicht bebautes Quartier. Wo heute die Bauzäune der U5-Baustelle stehen, stand bis 1955 an der nordöstlichen Ecke des Rathauses am Hohen Steinweg 15, der verlängerten Jüdenstraße, das Patrizierhaus Wins. Das 1378/1390 erbaute Gebäude ist Teil der Ausstellung „Verborgene Pracht“, in der die Kuratoren Mauersberger und Goebel erstmals zehn prächtige Bürgerhäuser und Adelspalais vorgestellt haben. Sie wollen mit der Ausstellung „einen Beitrag zur umfassenden Information über die wichtigsten verlorenen bau-, kunst- und sozialgeschichtlich wertvollen Gebäude leisten.“

Von den 36 Stadtpalästen aus der Zeit vom 13. Jahrhundert bis 1780 sind lediglich fünf erhalten. Einer Abrisswelle im ausgehenden 19. Jahrhundert fielen unter anderem das Blankenfelde Haus und das Palais Wartenberg von Andreas Schlüter zum Opfer. Die Masse der Palais’ ist jedoch im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Die fünf erhaltenen Palais (Podewils, Schwerin, Glasenapp, Schönebeck und Happe) stammen aus der Zeit des Barock und liegen erstaunlicherweise in der ehemaligen Altstadt. „An den ehemaligen Stadtpalast-Standorten Wins, Blankenfelde, Derfflinger, Grumbkow, Kreutz und Splitgerber wird gegenwärtig um die künftige Gestaltung des Ortes gestritten“, heißt es in der Ausstellung.

Das Patrizierhaus Wins am Hohen Steinweg 15 musste trotz weniger Kriegsschäden 1955 weg; die junge DDR hatte andere Pläne. Weil der Magistrat nordwestlich des Rathauses entweder das Zentrale Partei-Hochhaus oder das FIAPP-Denkmal für die Internationale Vereinigung der Antifaschisten errichten wollte, wurde am 13. September 1950 der Abriss des „letzten mittelalterlichen Wohnhauses“, wie es der Denkmalpfleger und Baugeschichtler Julius Kohte 1905 in einem Artikel zum Haus Hoher Steinweg nannte, beschlossen. Innerhalb der Ost-Berliner Denkmalpflege gab es heftige Auseinandersetzungen. Der sich gegen den Abriss engagierende Denkmalschützer Dr. Ulrich Müther konstatierte im Mai 1955, der Denkmalswert des Hauses „übersteige den des Roten Rathauses bei weitem“. Am 16. Mai 1955 begann der Abriss des Hauses. Kein Hochhaus oder Denkmal wurde errichtet, sondern eine Rasenfläche mit Parkplätzen angelegt.

Die Baugeschichte dieses letzten mittelalterlichen Berliner Profangebäudes, das nur wenig jünger war als das alte Berliner Rathaus und aus der gleichen Bauphase stammt wie das Hohe Haus der Kurfürsten an der Klosterstraße und das Blankenfelde Haus an der Spandauer Straße, liegt im Dunkeln. Der durch den Bauforscher Willy Nitschke wissenschaftlich begleitete Abbruch 1955-1956 und die Auswertung der erhaltenen Spolien (wiederverwendete Bauteile des alten Hauses) durch Peter Knüvener 2006 ermöglichte einige Schlüsse zur frühen Geschichte des Hauses. Die Wappen Wins und Buchholz auf den Gewölbe-Schlusssteinen des Hauses legen die Vermutung nahe, dass es sich um das Patrizierhaus einer der beiden Familien handelt.

Alle Angaben basieren auf Texten von Benedikt Goebel, www.stadtforschung.berlin, und Lutz Mauersberger, www.berlin-mitte-archiv.com.

Heute stehen vor dem Roten Rathaus Bauzäune der BVG-U-Bahnbaustelle. Das Rathausforum soll nicht wieder bebaut werden.

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