300 Jahre Zeitenbrüche an der Großen Hamburger
Am 30. Oktober geht es mit Bernd S. Meyer in die Spandauer Vorstadt

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Bei meinem nächsten Stadtspaziergang führe ich Sie in die Spandauer Vorstadt rund um die Große Hamburger Straße in Mitte.

In der Sophienstraße fällt die Fassade des Hauses Nummer 18 auf, die mit einem aufwendigen Terrakottaportal geschmückt ist. Dort war das Handwerkervereinshaus, eine von Berlins traditionellen Versammlungsstätten. Rings um den Hof gibt es mehrere Säle, der größte fasste einst bis zu 3000 Besucher. Heute ist dort das Theaterprojekt Sophiensäle beheimatet. Gegenüber findet sich die Sophien-, einst Spandauische Kirche. Sie besitzt Berlins einzigen Barockkirchturm, der die Zeiten überstanden hat.

Im Friedhofspark drumherum gibt es noch Grabstätten wie die der wackeren Dichterin Anna Louise Karsch und des gelernten Maurermeisters und Chefs der Singakademie Carl Friedrich Zelter. Beide genossen Goethes Aufmerksamkeit. Nach der Karschin, die in der Gegend ein Haus an der damaligen Spandauer Brücke über den Zwirngraben bewohnte, ist vor 20 Jahren eine nahe gelegene Straße benannt worden. Zelter hatte seine schon vor 111 Jahren bekommen – in Prenzlauer Berg.

Wenige Schritte weiter stehen vor einem massiven Metallzaun die Figuren einer bronzenen Frauen- und Kindergruppe des Bildhauers Will Lammert zum Gedenken an die Zehntausenden vom NS-Regime ermordeten jüdischen Bürger Berlins. Das Gebäude des jüdischen Altersheims an der Straße war vor der Zerstörung als Sammelort für die Transporte nach Theresienstadt und Auschwitz missbraucht worden. Hinter dem Zaun breitet sich jene wild überwucherte Grünfläche aus, die von 1672 bis zu seiner gezielten Verwüstung 1943 der älteste Begräbnisplatz der Berliner Jüdischen Gemeinde war. Moses Mendelssohns immer wieder erneuerter Gedenkstein steht noch heute dort. Der berühmte Aufklärer gründete die jüdische Knabenschule, in deren Nachfolge das moderne Jüdische Gymnasium auf dem Nachbargrundstück steht. Wussten Sie, dass Moses Mendelssohn das Vorbild für die Titelfigur des Stückes "Nathan der Weise" seines Freundes Ephraim Lessing gewesen ist?

Auf der anderen Straßenseite wird im katholischen St. Hedwig-Krankenhaus in diesem Jahr der 175.Geburtstag mit den Trierer Borromäerinnen gefeiert. Das hochmoderne Krankenhaus wird heute von den Alexianern geführt. Mit seinen unterschiedlichen Klinkerbauten, den verschachtelten Innenhöfen samt kleiner Grünoasen wirkt es wie eine langsam gewachsene Miniaturstadt mitten in der Stadt. Nach einem Gelübde von 1943 an die Schutzheilige Agatha, die das Haus vor Bomben schützen sollte, was sich weitgehend erfüllte, ist im Jubiläumsjahr 1996 im ersten Hof zum Dank der blau geflieste St. Agatha-Brunnen eingeweiht worden, als modernes Zeichen katholischer Religiosität.

Über die Grundstücksgrenze leuchtet ganz nahe hoch oben die goldene Kuppel der Neuen Synagoge herüber, die als Centrum Judaicum ab 1988 wieder aufgebaut wurde. Von dort kann man deutlich sehen, dass die einstige Synagoge auch Mahnmal ist – ein abgebrochener Bau als offene Wunde. Der einstige Hauptsaal mit seinen mehr als 3000 Plätzen ist als Bodendenkmal geblieben. Die Berliner nannten die Große Hamburger seit Königs- und Kaiserzeiten wegen der engen Nachbarschaft der Religionen gern Toleranzstraße. In schlimmen Zeiten ist das auch Hoffnung gewesen.

Der Spaziergang beginnt am 30. Oktober um 11 Uhr. Treffpunkt ist die Ecke Sophien- und Große Hamburger Straße. Übrigens wiederhole ich den Spaziergang rund um die Große Hamburger in meinem Programm „Meyers Stadtgänge“ am 6. November um 14 Uhr. Der Treffpunkt ist derselbe, die Teilnahme kostet sieben Euro. Anmeldungen dafür unter Tel. 442 32 31. Weitere Informationen auf www.stadtgaenge.de.

Die Führung ist für Leser der Berliner Woche kostenlos. Allerdings ist eine vorherige Anmeldung erforderlich: Am Dienstag, 26. Oktober, in der Zeit von 10 bis 12 Uhr anrufen unter Tel. 887 27 71 00.

Autor:

Bernd S. Meyer aus Mitte

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