Schwimmen im „verkeimten Kanal“
Trotz Badeverbot und Gesundheitsgefahren startet der Flussbad-Pokal am 25. August

Schwimmer beim vierten Berliner Flussbad-Pokal 2018 vor dem Lustgarten.
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  • Schwimmer beim vierten Berliner Flussbad-Pokal 2018 vor dem Lustgarten.
  • Foto: Annette Hausschild
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Über 600 Schwimmer wollen am 25. August beim fünften Flussbad-Pokal wieder von der Monbijoubrücke in den Spreekanal springen. Eine pensionierte Chemikerin hält das für hoch gesundheitsgefährdend. Und auch die Behörden bestätigen das Schwimmverbot.

Parasiten, Viren, Phagen, Cyanotoxine, pathogene und antibiotikaresistenten Keime, Medikamentenrückstände, Hormone, Rattengift und noch mehr: Dr. rer. nat. Heide Ellerbrock kämpft dagegen, dass die Leute am 25. August erneut ihre Gesundheit riskieren. „Es ist unverantwortlich, die da hinein hüpfen zu lassen“, sagt die pensionierte Chemikerin, die sich vor dem Flussbad-Pokal an den Senat, das Bezirksamt und verschiedene Behörden gewandt hat.

Ellerbrock wohnt nicht weit entfernt vom „verkeimten Kanal“. Seit vergangenem Jahr versucht sie das Schwimmfest im Spreekanal zu verhindern. Das Landesamt für Gesundheit, das Gesundheitsamt Mitte und die Wasserbehörde beim Senat weisen den Verein Flussbad auch auf das Badeverbot und die damit verbundenen „erheblichen Gesundheitsgefahren“ (Wasserbehörde) hin. „Eine Sondergenehmigung wurde nie erteilt. Aber niemand schreitet behördlich ein“, ärgert sich die frühere Chemielehrerin und jahrelange Leiterin eines Labors in der Krebsforschung.

Teilnahme auf eigenes Risiko

Die Veranstalter vom Flussbad-Verein selbst schließen ein gesundheitliches Risiko beim Schwimmen im Spreekanal nicht aus. Jeder Teilnehmer muss deshalb einen Haftungsausschluss unterzeichnen, dass er auf eigenes Risiko teilnimmt. Vor den Flussbad-Pokalen werden Wasserproben genommen. Doch der hygienische Zustand wird lediglich auf E-Coli-Bakterien und Enterokokken gecheckt. Diese Untersuchung nach EU-Richtlinien für Badegewässer „kann nicht auf ein innerstädtisches Gewässer angewendet werden, weil es kein Badegewässer ist“, sagt Ellerbrock. Das Problem: Weil es in Berlin eine Mischkanalisation gibt, werden bei Starkregen Abwässer mit Fäkalien aus den Haushalten direkt durch die elf Notauslässe in diesem Bereich in den Spreekanal geleitet. Das heißt, die Brühe aus den Klos landet direkt im Fluss – und damit möglicherweise pathogene Keime, Viren oder ausgeschiedene Medikamente. Außerdem würden Ratten im Fluss alles verkoten, so Ellerbrock.

Der Flussbad-Pokal im Juni wurde „wegen regenbedingter Verunreinigung der Spree“ abgesagt, heißt es auf der Projektseite „Alles im Fluss“ vom Flussbad Berlin. Bereits 2017 wurde die Schwimmparty wegen Überläufen aus der Kanalisation abgesagt. Der Termin am 25. August ist nun der Ausweichtermin. „Wir drücken die Daumen, dass diesmal keine störenden Wettereskapaden dazwischen kommen“, heißt es. Nach den Wettkämpfen zwischen Bodemuseum und Schlossbrücke können alle in den Kupfergraben springen.

Pflanzenfilter reichen nicht aus

Wie berichtet, will der Flussbad-Verein den ungenutzten Spreekanal zu einem Ökoschwimmbad im Herzen Berlins machen und wirbt mit dem Flussbad-Pokal für die neue City-Badewanne. Der Senat unterstützt das Projekt; der Verein hat bereits rund acht Millionen Euro Fördergelder bekommen. Um das Spreewasser auf Badequalität zu bringen, tüfteln die Macher seit längerem an komplexen Filtersystemen. Das Testschiff liegt vor dem Auswärtigen Amt. Der Ingenieure und Biologen experimentieren, wie man das Spreewasser natürlich reinigen und auf Badewasserqualität bringen kann.

Heide Ellerbrock hat sich durch den vorläufigen Endbericht der vom Flussbad Berlin beauftragten Firma Akutpartner aus Potsdam gewühlt und zieht nach der Lektüre folgendes Fazit: „Die Pflanzenfilter und der Muschelreaktor funktionieren nicht ausreichend. Viel zu viele Fragen wie die variierende Durchflussgeschwindigkeit sind in dem Gutachten ungeklärt“, sagt die Chemikerin. Laut Ellerbrock müsste die Stadt für ein Flussbad erst folgende Maßnahmen umsetzen: „Nachrüstungen von Kläranlagen und Klärwerken, Vermeidung von ungeklärten Mischwasserüberläufen aus Haushalten mit ihren Toiletten, Minderung von weiteren Schadstoffeinträgen“. Diese Aufgaben könne ein wie auch immer gearteter Pflanzenfilter „bei all den ungelösten anderen Problemen nicht übernehmen und auch nicht leisten“, so die Chemikerin. Sie hat jetzt privat Labore beauftragt, das Spreewasser ausführlicher zu analysieren. Bis dahin kämpft sie weiter für ein Badeverbot im „verkeimten Kanal“.

Das Gesundheitsamt Mitte hatte ihr im Mai auf Anfrage mitgeteilt, dass ein Badeverbot in der Spree bestehe, das die Wasserbehörde durchsetzen müsse. Der Mitarbeiter bezweifelt in der Mail aber, ob die Durchsetzung mit Polizeigewalt verhältnismäßig und in öffentlichem Interesse wäre. „Man muss ja nicht mit Polizei anrücken. Ein Verbotsschreiben hätte gereicht“, sagt Heide Ellerbrock dazu.

Flussbad-Initiator Jan Edler, der mit seinem Bruder die Vision vom Badefluss entwickelt und dafür schon mehrere internationale Preise abgeräumt hat, ist „total genervt von dem persönlichen Feldzug“ von Ellerbrock, der „mit Fakten nichts zu tun hat“. Vor jedem Schwimmen würden Untersuchungen nach den EU-Richtlinien für Badegewässer gemacht. Dies sei völlig ausreichend. Eine Gesundheitsgefährdung kann Edler für die Schwimmer nicht ausschließen. „Berlin hat eine Mischkanalisation, da kommen alle möglichen Stoffe in den Fluss“, weiß auch er. Zum behördlichen Badeverbot im Spreekanal sagt der Chef des Flussbad-Vereins: „Die Veranstaltung wird geduldet. Wir holen alle Genehmigungen ein, die wir bekommen können“. Welche das genau sind, konnte er ad hoc nicht sagen.

Schwimmer beim vierten Berliner Flussbad-Pokal 2018 vor dem Lustgarten.
Auf dem Laborschiff „Hans-Wilhelm“ werden verschiedene Filtertechnologien zur Klärung des Spreewassers erforscht.
Autor:

Dirk Jericho aus Mitte

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