Gefängnistheater spielt „Glaube Liebe Hoffnung“ in der St. Johannis-Kirche

Plakat zum diesjährigen "Außenprojekt" des Gefängnistheaters "Aufbruch".
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Moabit. Wahrlich kein zimperliches Stück, so der Dramaturg von „Aufbruch“. Das Gefängnistheater gastiert noch bis zum 6. August mit „Glaube Liebe Hoffnung“ nach Ödon von Horváth in der St. Johannis-Kirche.

Horváths 1936 in Wien uraufgeführtes Theaterstück um die junge Elisabeth, die wegen eines fehlenden Gewerbescheins und einer daraus entstehenden Kettenreaktion in einer unbarmherzigen Gesellschaft am Ende zugrunde geht, ist für Regisseur Peter Atanassow und Dramaturg Hans-Dieter Schütt nur Ausgangspunkt und Kern der Inszenierung, Mittelstück einer „Collage“. „Es ist ein Charakteristikum des künstlerischen Arbeitens von Aufbruch und speziell von Peter Atanassow, Stücke als Anlass zu nehmen, um das Stückgerüst selbst aufzureißen mit Kommentaren und szenischen Zusätzen zu versehen, um aus dem Spiel einen philosophischen Essay zu machen, der über Grundfragen der Zeit nachdenkt“, fasst Schütt zusammen.

Und so werden nur einige Szenen aus „Glaube Liebe Hoffnung“ des österreichisch-ungarischen Autors hergenommen und mit anderen literarisch-dramatischen Zutaten ergänzt, die thematisch mit dem Stoff in einem Zusammenhang stehen. Ein Chor rezitiert den Ersten Brief des Paulus an die Korinther, der für Horváth Anlass für sein Drama war: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe“, so der Schlusssatz.

Es folgen krude Szenen aus Roswitha von Gandersheims mittelalterlicher Tragödie „Das Leiden der heiligen Jungfrauen Fides, Spes und Caritas“ aus dem 10. Jahrhundert, in der Gandersheims Frauenfiguren Heldinnen sind und nicht ihre damals übliche untergeordnete Rolle spielen wollen. In Horváth hineingestrickt werden Passagen aus Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ – die Biberkopf-Fabel vom Scheitern eines einfachen Arbeiters, dem übel mitgespielt wird, als Parallele zu Elisabeths Schicksal –, ein fiktives Gespräch zwischen Pontius Pilatus und Jesus vor dessen Hinrichtung auf Golgatha aus Tschingis Aitmatows Roman „Die Richtstatt“, Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ und zu guter Letzt noch Elfriede Jelineks RAF-Diskurs „Ulrike Maria Stuart“. Dazwischen erklingen zum Klavier passende Lieder der ernsten und Unterhaltungsmusik.

Schon seit 1997 macht „Aufbruch“ Theater in Berliner Gefängnissen: mit Gefangenen und auf professionellem Niveau. Seit 2009 suchte sich das Knasttheater einmal im Jahr „draußen“ Orte, die möglichst wenig mit Theater zu tun haben. Weil „Glaube Liebe Hoffnung“ eine Nähe zur christlichen Moralvorstellung habe, sagt der aus Dresden stammende Regisseur, wollte man in einer Kirche spielen. Pfarrer Gisbert Mangliers von der evangelischen Kirchengemeinde Tiergarten kannte den Verein zuvor nicht, fand das Projekt aber „toll“, mit Ex-Gefangenen, Freigängern, Schauspielern und Bürgern ein Stück zu erarbeiten.

Sieben Wochen, fünf bis sechs Tage in der Woche, sechs Stunden am Tag wurde in St. Johannis geprobt. Das 28-köpfige Ensemble samt Regie sah sich einigen Herausforderungen gegenüber: der große Kirchenraum mit starkem Hall sowie Altar und Kruzifix, die unterschiedlichen Vorstellungen in dieser heterogenen Gruppe von Arbeit, Disziplin und dem Umgang miteinander und die Aufgabe, ein Ensemble zu bilden. „Bis man diesen Haufen zusammenhat, das ist nervenaufreibend“, so Produktionsleiterin Sibylle Arndt. Das Ergebnis ist ein hochkonzentriertes, beeindruckendes Spiel aller Akteure, das man nach zwei Stunden ohne Pause gewiss als ein anderer verlässt. KEN

Die Vorstellungen beginnen um 20 Uhr. Karten für 14, ermäßigt neun Euro gibt es im Vorverkauf unter shop.gefaengnistheater.de oder an der Abendkasse an den Aufführungstagen ab 19 Uhr.
Plakat zum diesjährigen "Außenprojekt" des Gefängnistheaters "Aufbruch".
Regisseur Peter Atanassow und Dramaturg Hans-Dieter Schütt machten aus dem Horváth-Stück „Glaube Liebe Hoffnung“ einen philosophischen Essay.
Autor:

Karen Noetzel aus Schöneberg

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