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Judenretterin Hedwig Porschütz und ihre späte Anerkennung

Wo: Schöneberger Terrassen, Feurigstraße 43, 10827 Berlin auf Karte anzeigen
An der Stelle, an der ihr Wohnhaus früher stand, wird seit 2012 an Hedwig Porschütz erinnert.
An der Stelle, an der ihr Wohnhaus früher stand, wird seit 2012 an Hedwig Porschütz erinnert. (Foto: KEN)

„Deine Taten leben in uns fort“, sagte Inge Deutschkron im November 2012 bei der Enthüllung einer Gedenktafel für Hedwig Porschütz im Innenhof der heutigen „Schöneberger Terrassen“.

Erinnert wird dort an eine unangepasste Frau, von der kein Foto überliefert ist, die seit dem Jahr 2000 kein Grab mehr hat und die zu Lebzeiten nie Anerkennung erhielt für ihren lebensgefährlichen Einsatz für die Rettung von Juden. Inge Deutschkron, die jüdische Publizistin und Zeitzeugin, die die Naziherrschaft auch dank „Hede“ Porschütz überlebte, hatte gemeinsam dem damaligen Kulturstaatssekretär André Schmitz die Anbringung der Tafel initiiert.

Erst im Juni 2011 hatte die Staatsanwaltschaft Berlin auf Antrag des Fördervereins „Blindes Vertrauen“ ein Gerichtsurteil gegen Hedwig Porschütz aufgehoben – 67 Jahre, nachdem es gefällt worden war. Davon hatte Hedwig Porschütz, Tochter eines Brauers in der Schöneberger Schlossbrauerei, nichts mehr. 1977 war sie 77-jährig in einem Altersheim in der Hauptstraße 125 gestorben.

Hedwig Porschütz war im Herbst 1944 wegen „Hortung von Lebensmitteln“ zu anderthalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Die Geschäfte betrieb sie nicht zur eigenen Bereicherung. Hedwig Porschütz beteiligte sich an den Hilfsaktionen des Bürstenfabrikanten Otto Weidt, versteckte Juden in ihrer winzigen Mansardenwohnung in der Alexanderstraße 5, besorgte ihnen Lebensmittel und falsche Papiere. Nach ihrer Freilassung am 7. Mai 1945 schlug sich Hedwig Porschütz nach Berlin durch. Ihre alte Wohnung existierte nicht mehr. Mit ihrem Mann, der im Krieg gewesen war, lebte sie in bedrückenden Verhältnissen in der Feurigstraße 43.

Mitte der 50er-Jahre bemühte sich die stille Heldin um Anerkennung als politisch Verfolgte beim Berliner Entschädigungsamt. Ihr Antrag wurde abgelehnt, weil die Hilfe für verfolgte Juden damals nicht als Akt des Widerstands gegen das Naziregime gewertet wurde. Ebenso zurückgewiesen wurde ihr Gesuch um Beihilfe aus dem Fonds „Unbesungene Helden“ für Judenretter beim Westberliner Innensenator Joachim Lipschitz. Nach wie vor war Hedwig Porschütz als Kriminelle rechtskräftig verurteilt. Die "Kriegswirtschaftsverordnung" aus der Nazizeit gilt übrigens noch immer. Hinzu kamen die Moralvorstellungen in der jungen Bundesrepublik. Hedwig Porschütz hatte als Prostituierte gearbeitet: „Begleitumstände“, die für die Behörden „auf ein derart niedriges sittliches und moralisches Niveau der Frau Porschütz schließen lassen“ und das „Ehrendokument“ einer Anerkennung als politisch oder rassisch Verfolgte wie auch die „Ehrung“ als "unbesungene Heldin"“ unmöglich machten.

2010 hat Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, ein Büchlein über Hedwig Porschütz, ihre Hilfsaktionen und ihre Diffamierung geschrieben. Seit 2012 ist sie in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern aufgenommen. Und zu Jahresbeginn hat der Kulturausschuss der BVV Mitte vorgeschlagen, eine Straße im Neubaugebiet an der Heidestraße nach Hedwig Porschütz zu benennen.

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