Ein Argentinier in Schöneberg mit Musik im Blut
Wenn Jorge nicht Briefe austrägt, spielt er Klavier

„An einem neuen Lebensort muss man besser sein als der Durchschnitt“, meint  Jorge Francisco Idelsohn Garcia.
  • „An einem neuen Lebensort muss man besser sein als der Durchschnitt“, meint Jorge Francisco Idelsohn Garcia.
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Tagsüber, wenn er auf seinem grünen Fahrrad durch Tempelhof fährt, kennt man ihn als Briefträger. Abends verwandelt sich Jorge Francisco Idelsohn Garcia in den kongenialen Klavierpartner der Sängerin Lola Bolze. Gemeinsam sind sie das Duo „Pianlola“. Jorge kann eine ganz außergewöhnliche Geschichte erzählen.

Nach Europa habe er schon immer gewollt, erzählt der heute 60-jährige Argentinier, der in seiner Heimatstadt Buenos Aires Klavier, Komposition und Dirigieren studiert hat. „Aber nicht, um zu bleiben.“ Zu Beginn des Jahrtausends wagt er den Sprung über den Ozean. Er lebt und arbeitet zuerst in Italien, dann, wegen der Sprache naheliegend, in Spanien, auf Mallorca und in Barcelona und zuletzt in Jávea an der Costa Blanca; dort sogar in fester Anstellung in einer Musikschule.

Aber irgendwie ist es nicht das, was sich Jorge Idelsohn unter dem Leben eines kreativen Pianisten vorstellt. Nach Barcelona will Jorge Idelson nicht zurück. „Ich hatte ein paar Kontakte nach Berlin“, erzählt der Künstler. Also geht er im April 2011 nach Berlin. Heute wohnt er in der Nähe des Innsbrucker Platzes.

Einige Deutschkenntnisse hat er noch aus seiner Schulzeit. Jorge Idelsohn hat eine deutsche Schule besucht. Deutsch hört er auch von seiner ersten Klavierlehrerin. Hilde Heinitz-Weil stammt aus Berlin. Wegen ihrer jüdischen Wurzeln floh sie in den 30er-Jahren vor den Nazis nach Südamerika.

„Trotzdem war es am Anfang schwer in Berlin“, gesteht Jorge Idelsohn. „An einem neuen Lebensort muss man besser sein als der Durchschnitt.“. Aber für den Klavierunterricht reicht sein Deutsch zunächst aus. Jorge unterrichtet drei Monate an einer Waldorfschule im Bezirk Mitte, begleitet Sänger am Klavier. Er wirkt an einem kleinen Mozartopernprojekt mit. Er ist auch für die Musikschule Tempelhof-Schöneberg tätig.

Um über die Runden zu kommen, ist er seit Sommer 2012 Mitarbeiter eines privaten Berliner Briefzustellers. Seine Arbeitszeiten sind flexibel. Das sei wichtig, damit er sich ihr, an der sein ganzes Herz hängt, der Musik, ganz widmen kann.

Jorge Idelsohn ist gerade zwei Wochen in Berlin, als er über die Anzeige der Neuköllner Sängerin Lola Bolze stolpert: „Suche Pianist mit schauspielerischen Ambitionen!“ Jorge Idelsohn meldet sich umgehend, obwohl er keinen Tango im Blut habe, wie landläufig von jedem Argentinier angenommen werde, schmunzelt er. „Tango habe ich erst in Barcelona gespielt.“

Es hat funktioniert. Gemeinsam sind sie das Chansontheater-Duo „Pianlola“. Berliner Schnauze trifft auf Tangomusik. „Wir sind ein tolles Team“, sagt Lola Bolze über ihren Bühnenpartner. „Wir sind beste Freunde“, ergänzt Jorge Idelsohn. Das sei wichtig, um ein Programm zu entwickeln und auf Tournee zu gehen.

Vor drei Jahren hat der Pianist begonnen, seine Geschichte und die von „Pianlola“ aufzuschreiben. „Wir wurden in Interviews immer gefragt, wie alles begonnen hat.“ Jorge schreibt sein Buch auf Spanisch. Den Text schickt er zum Übersetzen in die alte Heimat, an eine alte Lehrerin von früher. Das Buch ist fast fertig.

Infos unter www.pianlola.de.

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