Bürgerdialog bei Siemens / Arbeiter bangen um Jobs
Wettbewerb läuft bis November

Gut drei Stunden dauerte der Bürgerdialog bei Siemens. Die meisten blieben bis zum Schluss.
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Der „städtebauliche Wettbewerb Siemensstadt 2.0“ ist in vollem Gange. Welche Ideen es für das neue Stadtviertel gibt, das bis 2030 entlang der Siemensbahn entstehen soll, erfuhren die Spandauer kürzlich beim „Bürgerdialog“ mit Siemens. Viele Mitarbeiter bangen derweil weiter um ihre Arbeitsplätze.

Die Mosaikhalle war voll besetzt. Etwa 150 Leute saßen vor dem Podium oder drängten sich um die Stehtische. Alle trugen ein Bändchen am Handgelenk. Siemens nahm es ernst mit der Sicherheit in seinem Verwaltungssitz am Rohrdamm. Dorthin waren die Spandauer gekommen, um mehr über den städtebaulichen Wettbewerb zu erfahren – und die Ideen für die „Siemensstadt 2.0“.

Weil die nicht alle in einen Vortrag passten und der Bürger beim „Bürgerdialog“ ja mitreden soll, hatte Siemens vier Thementische vorbereitet: „Arbeiten und Wohnen“, Urbanes Leben“, „Öffentlicher Raum“ sowie „Verkehr und Erreichbarkeit“.

100 Fußballfelder große Fläche

Alles spannender Stoff, aber zuerst führten Jens Niemann, Sachverständiger bei Siemens, und die zwei Preisrichter Stefan Behnisch und Christian Bohme ins Thema ein. Wozu ein städtebaulicher Wettbewerb? Architekten oder Planungsbüros liefern ihre Entwürfe zum neuen Stadtviertel. Wie groß ist das Wettbewerbsgebiet? 70 Hektar, also gut 100 Fußballfelder. Wie viele Wohnungen kommen? Etwa 2800. Was passiert mit den Bestandsgebäuden? Das Verwaltungsgebäude, das Wernerwerk-Hochhaus und das Dynamowerk sollen laut Siemens stehenbleiben. Aus dem alten Schaltwerk will Siemens Teile der Produktion in die neuen Werkshallen und ins Dynamowerk verlagern. Ob das Schaltwerk abgerissen wird, wollte Siemens auf Nachfrage – auch aus dem Publikum – nicht bestätigen. Man werde sehen, was die Wettbewerbsbeiträge für das Werksgebäude vorsehen. „Siemens geht hier nicht weg, das ist unser weltweit größter Produktionsstandort“, sagte Jens Niemann. Allerdings habe Siemens hier viele Flächen, die man „wiederbeleben“ wolle. Wann endet der Wettbewerb? Im November. Bis Januar 2020 sitzt dann eine Jury aus 16 Fach- und Sachpreisrichtern und über 50 Sachverständigen zusammen und kürt den Siegerentwurf. Im März folgt eine Ausstellung, und ab Februar 2020 startet der Hochbauwettbewerb. Der plant, wie die Gebäude einmal tatsächlich aussehen sollen. Mit dem B-Plan, der das Baurecht schafft, rechnet Siemens in etwa zwei Jahren. 2022 soll es dann losgehen.

Nach so viel geballter Information wechselten alle an die vier Thementische. Dort standen die Planer einer übersichtlichen Runde Rede und Antwort, an zwei Tischen waren Senatsvertreter dabei. Nach etwa 20 Minuten ertönte ein Gong und die „Kojen“ wurden getauscht. So konnte jeder nachfragen, ein Statement abgeben oder seine Wünsche an die Pinnwand heften.

Zwei Kitas und eine Europa-Grundschule

Im Fazit hier das Wichtigste: Ins Wernerwerk-Hochhaus könnten Start-Ups einziehen, temporäres Wohnen ist unter anderem in Hotels angedacht, auch ein Siemens-Ausbildungszentrum soll es geben. Wohnungen, Wege und Arbeitsplätze werden barrierefrei. Zwei Kitas für 300 Kinder und eine Europa-Grundschule mit 580 Plätzen soll das neue Stadtquartier haben. Dazu Quartierszentren, einen Seniorenklub, öffentliche Bibliothek, Galerie, Jugendfreizeitstätte und Räume für das Jugendamt. So will es das Bezirksamt.

Beim Thema Verkehr waren die Infos noch recht dürftig, denn hier muss der Senat ran. Geplant ist aber, die Paulsternstraße bis zum Spandauer Damm zu verlängern und eine zusätzliche Verbindung zwischen Daumstraße und Gartenfelder Straße zu bauen. Die Reaktivierung der Siemensbahn ist ja bereits fest verabredet. Laut Senat soll die Trasse bis zur Insel Gartenfeld unterirdisch verlängert werden. Der Campus soll möglichst autofrei sein, Parkhäuser werden an den Rand verdrängt. Mobilitätshubs, Bushaltestellen, Car-Sharing, Radwege und Grünanlagen sind ebenfalls geplant.

Und was wünschten sich die Spandauer so? Ein Kino, Wochenmarkt, Skaterpark, Spielplätze, Dachbegrünung, flächendeckendes WLAN, eine beleuchtete Joggingstrecke, Wasserflächen, viel Flora und Fauna. Die Online-Ideen-Plattform www.siemens.com/siemensstadt/dialog ist noch bis zum 24. September geschaltet.

Kaum zur Sprache kam beim Bürgerdialog die Sorge vor steigenden Mieten im Kiez. Dafür treibt viele Siemens-Mitarbeiter die Angst um, mit dem neuen Stadtquartier die Arbeit zu verlieren. Die Ängste sind nicht unbegründet. Seit Jahresmitte ist bekannt, dass auch im Siemens-Schaltwerk Arbeitsplätze gestrichen werden sollen, mindestens 470. Betroffen ist der Bereich Hochspannung, der zum Konzernbereich Power und Gas gehört, den Siemens zum Jahresbeginn 2020 ausgliedern will. Darum zogen hunderte Siemens-Mitarbeiter am 19. September mit Trillerpfeifen und Plakaten über den Siemensdamm zum Jakob-Kaiser-Platz. Die IG Metall hatte zum Protest aufgerufen.

Autor:

Ulrike Kiefert aus Mitte

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