Frevel an einem Juwel deutscher Architekturgeschichte?
Die Geschichte des Hauses Baensch, seines Besitzers und seines Bauherren

Der Baustellentorso am Höhenweg.
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  • Der Baustellentorso am Höhenweg.
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Die Bauarbeiten auf dem Grundstück von „Haus Baensch“ am Höhenweg 9 auf der Haveldüne ruhen. Wie es scheint, hätten sie an dem Juwel deutscher Architekturgeschichte, so gar nicht stattfinden dürfen.

Das Haus entstand 1934/35 nach Plänen des Baumeisters Hans Scharoun (1893-1972). Drei damals ebenfalls renommierte Gartengestalter waren für den Außenbereich verantwortlich. Inzwischen sei das Gesamtkunstwerk durch Umbauten schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, formulieren mit „Sorge“ oder „Empörung“ die Akademie der Künste und der Landesdenkmalrat. Was mittlerweile auch die Spandauer Baubehörde so sieht. Im Oktober ließ es die Baustelle versiegeln.

Der Fall entwickelte sich zu einem Politikum. Zur Frage, wie umgehen mit einem nicht nur architekturhistorischen Erbe. Der wahrscheinlich beste Kenner in diesem Zusammenhang ist Dimitri Suchin, der zweite Vorsitzende der Scharoun-Gesellschaft. Er kennt auch manche unbekannte Details zu diesem Haus.

Ein privates Bauvorhaben

Hans Scharoun war schon früh ein erfolgreicher Architekt. Maßgeblich beteiligt beim Wohnungsbau der Siemensstadt in den 1920er-Jahren. Die Krönung seines Schaffens war später wahrscheinlich der Entwurf für die Berliner Philharmonie, eröffnet 1963. In der Nazizeit galt seine Idee eines organischen Bauens als verpönte Stilrichtung. Er verlor seine Ämter, erhielt keine öffentlichen Aufträge. Es blieben ihm noch einige private Bauvorhaben. Wie das am Höhenweg.

Was zu dessen Baugeschichte und zum Bauherrn führt. In der aktuellen Auseinandersetzung ist ständig vom "Haus Dr. Felix Baensch" die Rede. Über den Mann selbst ist aber nur wenig bekannt.

Felix Baensch promovierte als Jurist

Dimitri Suchin kann zumindest einige Lücken schließen. Zwar kennt auch er das Geburts- und Sterbedatum nicht, hat aber herausgefunden, dass Felix Baensch 1902 als Jurist promoviert hat. Er arbeitete als Rechtsanwalt und Notar, wirkte vor allem als Syndikus des Elektrokonzerns AEG. Vieles deute darauf hin, dass er im "Dritten Reich" Parteimitglied gewesen sei, sagt Dimitri Suchin. Ansonsten hätte er sich wahrscheinlich gar nicht als Anwalt halten können. Seine Kanzlei betrieb er zwischen 1935 und 1937 sowie von 1940 bis 1945 in seinem neuen Wohnhaus. Dazwischen in einem Büro in der Spandauer Altstadt.

Wie kam der Mann mit Hans Scharoun zusammen? Das lief über die drei beauftragten Gartenarchitekten, erklärt Dimitri Suchin. Karl Foerster (1874-1970), Hermann Mattern (1902-1971) und Herta Hamacher (1900-1985) gehörten zu den Koryphäen der Freiraumplanung jener Zeit. Herta Hamacher und Hermann Mattern waren einige Jahre verheiratet, ihr Haus in Potsdam hat ebenfalls Hans Scharoun gebaut. Kennengelernt hatten sie den Architekten Anfang der 1930er-Jahre bei dem gemeinsamen Bauauftrag für das "Haus Schminke" im sächsischen Löbau.

Reicher Bauherr

Felix Baensch habe zunächst die Gartenarchitekten für sein Bauvorhaben an Land gezogen, sagt Dimiri Suchin. Das deute darauf hin, dass er finanziell sehr gut gepolstert gewesen sei. Ursprünglich hatte er vor, auf dem Grundstück einen Bungalow zu errichten. Pläne dafür hätten bereits existiert. Wer sie erstellte, sei unbekannt. Der Bau wurde nicht realisiert, vielmehr Hans Scharoun durch Fürsprache ins Spiel gekommen.

Das Gebäude, das er entwarf, könne als eine Art Camouflage angesehen werden. Es trägt entlang der Straßenseite der Bauideologie der Nazis Rechnung, sieht auf den ersten Blick aus wie ein normales Einfamilienhaus. Etwa mit "deutschem" Giebeldach. Auf der Gartenseite und im Innern dominiert Großzügigkeit. Helle Räume. Eine lange Fensterfront mit Blick auf das Havelpanorama. Eine Weite im Privaten, als es außerhalb immer enger wurde. Viel Symbolik, die vor allem aus der Zeit zu verstehen ist.

Ohne Schlaf- und Kinderzimmer

Felix Baensch war verheiratet, hatte aber, nach allem was bekannt ist, keine Kinder. Dafür spreche schon, dass das Haus mit zwei Schlaf- aber keinem Kinderzimmer geplant wurde.
Nach dem Tod des Ehepaares ging die Immobilie 1965 an einen Radiologen. Dessen Kinder wiederum verkauften es 30 Jahre später. Das Haus stand zeitweise leer, erinnert sich Dimitri Suchin. 2011 sei es wohl in den Besitz der heutigen Eigentümerin gekommen.

Die hat vor kurzem in einem Gespräch mit der Berliner Morgenpost zwar Fehler eingeräumt, gleichzeitig einigen Vorwürfen widersprochen. Anders als behauptet, wären die Arbeiten nach dem zweiten verhängten Baustopp eingestellt worden. Nach ihren Aussagen habe sie inzwischen einen in Denkmalschutz erfahrenen Architekten mit dem Erstellen eines Denkmalpflegeplans beauftragt. Haus und Garten würden wiederhergestellt.

Baustellentorso stellt Gefahr dar

Dimitri Suchin reagiert darauf eher zurückhaltend. Das bisherige Agieren der Besitzerin habe einen anderen Eindruck vermittelt, lässt er durchblicken. Sorge macht ihm außerdem, dass es wegen des aktuellen Baustellentorsos zu weiteren Schäden kommen könnte.

Dabei sei gerade der Scharoun-Gesellschaft daran gelegen, dass das Haus bewohnt sei. "Wir wollen kein Museum. Aber wer dort lebt, sollte sich der besonderen Bedeutung bewusst sein."

Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

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