Martin Schmidt hilft als Nachbar in der Corona-Krise
"Wir brauchen einen Plan B"

Unter Nachbarn: Martin Schmidt und Olaf Gregor engagieren sich jeder auf seine Weise in der Corona-Nothilfe.
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Corona- Unternehmens-Ticker

Unkomplizierte Hilfe unter Nachbarn: Martin Schmidt hat mit dem Gemeinwesenverein Heerstraße Nord die Corona-Nothilfe aufgebaut. Rund 30 Helfer sind inzwischen dabei.

Martin Schmidt stellt gleich als Erstes klar: „Wir sind keine Erbsenzählergruppe“. Was genau er damit meint, erklärt er später. Erst mal will er rüber zu Olaf Gregor. Der wohnt ein paar Hochhaustüren weiter und engagiert sich wie er in der Nachbarschaftshilfe. „Ich steh’ nicht gern im Vordergrund“, sagt Schmidt bescheiden. Und doch, man merkt es gleich, der Mann ist mit Kopf und großem Herzen dabei.

Martin Schmidt kennt jeder im Kiez

Zwei Jahre erst lebt der 63-Jährige in seiner Balkonwohnung an der Obstallee. Trotzdem kennen ihn fast alle im Kiez. Denn Martin Schmidt hat sich für seine Nachbarn schon immer interessiert. Er weiß, wem es nicht gut geht, wer krank oder allein ist. Dann kam das Coronavirus und brachte schlimme Nachrichten mit. Massenhaft Infizierte in China, hohe Ansteckungsgefahr, tausende Todesfälle, Impfstoff frühestens 2021. Martin Schmidt war erschrocken. „Das wird übel und lange dauern.“ Er wollte und musste etwas tun, vor allem für die alten Leute. Aber wie? „Ich habe mich dann mit Tom Liebelt vom Gemeinwesenverein zusammengesetzt und gesagt, wir brauchen einen Plan B.“ So war die Idee der „Corona-Nothilfe“ geboren. Unbürokratisch und lokal sollte sie sein, ein Selbstläufer, bei dem möglichst viele freiwillig mitmachen. „Die Leute sollten sich gegenseitig helfen, was im Kiez gut geht, denn kein Weg ist hier länger als zehn Minuten, egal, ob zur Apotheke, zur Bank oder zum Supermarkt“, sagt Schmidt und erklärt, was er mit der Erbsenzählerei meint. „Wir führen nicht Buch und brauchen auch keine Leistungsnachweise. Unser Engagement ist rein privat.“

Unterstützung durch Staakener JuMIs

Von der lokalen Nachbarschaftshilfe mussten die rund 18.000 Bewohner der Rudolf-Wissell-Siedlung aber erst mal erfahren. Also wurden Flyer gedruckt, in mehrere Sprachen übersetzt und in fast allen Häusern sowie Arztpraxen ausgehängt. Wer Zeit hat und helfen kann, trägt sich dort in eine Liste ein. Beim Verteilen halfen die Staakener JuMI-Lotsen, das sind die jungen Migranten im Kiez. Der Gemeinwesenverein wiederum stellte ein Startkonto bereit. Die ersten Nachbarschaftshelfer bekamen Hygienehinweise, besorgten sich Masken und Handschuhe. Dann kamen über die mobile Nothilfe-Nummer die ersten Anrufe rein. Bis heute sind es mehrheitlich Senioren oder Leute mit einer Vorerkrankung, die sich melden, sagt Martin Schmidt. Weil er selbst nicht kerngesund ist, engagiert sich der Frührentner in der lokalen Nachbarschaftshilfe vor allem digital. Er hat eine Website aufgebaut, auf der jeder in einem Formular angeben kann, wofür er Hilfe braucht: Einkauf, Mittagessen, Arzt, Apotheke, Fahrdienst, Bank, Hund oder Sonstiges.

Zwei Betreuungsfälle
vom Sozialamt übernommen

Olaf Gregor, einer der inzwischen 30 Helfer, geht zum Beispiel zwei Mal in der Woche für eine 75 Jahre alte Frau aus der Maulbeerallee einkaufen. „Sie gibt mir eine Liste und ich ziehe los.“ Das Geld streckt er vor, bekommt es dann aber vom Gemeinwesenverein rücküberwiesen. Oder die Leute zahlen gleich bar. Neulich hat er ein Rezept abgeholt und Batterien besorgt. Auch kleinere Reparaturen im Haushalt übernehmen die Helfer hin und wieder. Inzwischen haben sich auch einige Seniorenwohnheime bei der Nachbarschaftshilfe gemeldet. „Und wir haben sogar vom Sozialamt zwei Betreuungsfälle übernommen“, sagt Martin Schmidt. Das sei doch eine schöne Anerkennung.

Wenn Corona vorbei ist,
feiern wir ein großes Fest

Und trotzdem: „Wir hatten anfangs befürchtet, überrollt zu werden. Das ist nicht passiert.“ Martin Schmidt glaubt auch zu wissen, warum. „Es wird privat viel geholfen, über Verwandte oder die Kinder.“ Das sei auch gut so. Die lokale Nachbarschaftshilfe wird deshalb aber nicht eingestellt, jedenfalls nicht, solange das Coronavirus in der Welt ist. Bis dahin wollen die Helfer alles tun, um möglichst viele Schutzbedürftige von der Straße zu holen. „Sie sollen lieber mit dem Nachbarn spazieren gehen, als sich im Supermarkt an der Kasse zu drängeln“, sagt Martin Schmidt. Und wenn dann doch endlich alles vorbei ist? „Dann werden wir ein großes Fest feiern und es richtig krachen lassen.“

Kontakt zur Corona-Nothilfe Heerstraße Nord unter 0151/ 22 42 90 52. Formular: www.geosfiles.de/corona-hilfe-heerstraße-nord/.

Unter Nachbarn: Martin Schmidt und Olaf Gregor engagieren sich jeder auf seine Weise in der Corona-Nothilfe.
Ein Helfer bringt einer Nachbarin die Einkäufe vorbei.
Autor:

Ulrike Kiefert aus Spandau

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