Kabuffe wo früher ein Zirkus stand
Muntere Zugvögel in der Malzfabrik

Zugvögel

„Was soll ich denn machen? Sag es mir doch“ beklagt sich Kilian, der seine Träume längst abgelegt hat, bei Johanna, einer ehemalige Hochseilartistin eines von Neubauten verdrängten und in die Jahre gekommenen Zirkus, die frisch in einer Wohngemeinschaft eingezogen ist und neugierig umherpickt. Um seine Schulden zu tilgen vermietet der fast kontaktscheue und sich abgrenzende Kilian hier möblierte Zimmer, wie er behauptet, tatsächlich sind diese leer und durchlässig. Olaf Meier spielt diesen wirkungsvoll scheinheilig, selbstironisch und zurückhaltend anmaßend. Tamara Lieber stellt die Johanna mal als anzügliche Gans und mal als ungeduldigen Süßschnabel dar. Sie trifft auf Tomasz, wortbetont gezeigt von Hubert Chojniak, einen Zuhälter mit gelber Mangahaube, der ihr die große Welt verspricht oder auf Leopold (Armin Schiller), dessen Körper zur Last wird und den Boden ständig unter den Füssen verliert. „Zugvögel“ von Mirau dreht sich nicht nur um diese „schrägen Vögel“, die immer kleiner werdende „Nester“ der Großstadt aufgeben müssen und sich nach Heimat oder Zuflucht sehnen. Da bleibt für Beziehungen und ausführliche Vorstellung keine Zeit. Schnelllebig, hellhörig und kontaktlos. Nicht nur coronabedingt aktuell, abstandsbewusst und temporeich, trotz vieler raumnehmender Monologe inszeniert. Das Werk greift auch die Beziehung von Nikolas und Jonathan auf. Beide kämpfen miteinander und um Johanna oder um Marie, die verlorene und einseitige Liebe. Aus Verlustangst ist die Verschwundene längst ein Teil von Nikolas geworden und wirft ihn in die gemeinsame Zirkusvergangenheit zurück. Maximilian Wenning belebt den Jonathan als einen desorientierten multilingualen Schwärmer, der nach Erlösung sucht und schließlich den Inhalt Mariechens Brief enttäuscht verliest. Es überrascht, wer der Vater eines unbekannten Kindes ist, das nicht in eintöniger und kalter Manege, sondern im warmen Süden aufwachsen sollte. Jonas Fässler zeigt den Nikolas sowohl melancholisch als auch mit Pathos und ironisch. Sprung gewaltig spielt Luca Wefes den Tizian. „So ein Kind will ich nicht haben“, äußert Johanna, die zugleich entzückt ist. Das gekonnt bewegliche Spiel von Wefes macht Spaß, nicht nur wenn er seinen Ball beherrscht, und schafft berührende Nähe bei durchgehaltener und aktuell notwendiger Ferne. Was wäre da ohne coronabedingte Beschränkungen möglich? Cedrik mit wilder Perücke. Ein in die 60er Jahre entrückter Vagabund, der im Plastik wohnen muss, etwas „im Hals“ hat, das nicht heraus will, und sich mit Nikolas entblößt, wird pointiert gespielt von Ralf Blank, der auch Regie führt. Blank führt die entrückten Figuren in der Berliner Malzfabrik bewusst zusammen und vereint sie mit Musik, ob klassisch vom Band oder mit Jonathans Schlagzeug. Das Bühnenbild dreht sich, verschiebt sich, verdeckt und gibt den Blick auf Aktuelles und Nostalgisches voller Wehmut frei. Das Beleuchtungskonzept von Wilde setzt Akzente. Das wohl fünfte Projekt des Theater shortvivant überzeugt und spürt (auf).

Nächste Einschätzungen zu Berliner Bühnen bald hier.

Autor:

Sabine Teucher aus Tempelhof

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