Warum Georg Heinrichs „Schlange“ heute wieder modern ist

Sie können nur Gutes sagen: Wolf Bertelsmann, die Mieterinnen Christine Wußmann-Nergiz und Sonja Scholz und Dietrich Worbs im Hof des imposanten Gebäudes.
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Wilmersdorf. Zum 90. Geburtstag des Architekten Georg Heinrichs würdigten Mieter sein Werk. Und obwohl der Jubilar selbst nicht zugegen sein konnte, war seine Baukunst in aller Munde. Und man fragt sich: Wäre es in Zeiten der Wohnungsknappheit nicht Zeit für eine neue „Schlange?“

Auf Spielzeuggröße geschrumpft, auch dann zeigt sich die Meisterklasse eines der ungewöhnlichsten Wohngebäude Deutschlands. Die Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße wirkt im Stadtbild noch länger als ihr Name auf Papier. Doch erst die Miniatur der „Schlange“ erlaubt eine Draufsicht, die Begutachtung der Vielgliedrigkeit von oben, den leichten Schwung der Autobahn, die sich durch den Baukörper mit 1056 Wohnungen presst.

Den Lärm einfangen

Andächtig berührt Wolf Bertelsmann die Miniatur. Er war der technische Verantwortliche für die Erbauung jenes Wohnblocks, den heute über 4000 Menschen (im Hauptgebäude und Randbauten) ihr Zuhause nennen. Georg Heinrichs, der Architekt für die ästhetischen Fragen, lässt sich zu seinem 90. Geburtstag entschuldigen. Und so spricht Bertelsmann nun für sich selbst und für ihn. „Eigentlich hatten wir in den 70er-Jahren von der Firma Mosch den Auftrag bekommen für die Randbebauung an der Autobahn. Doch es stellte sich heraus, dass ein derartiges Vorhaben jede Art von Wohnen ausschließt.“ Also hieß es Umdenken. „Den Lärm einfangen“, das war die verblüffende Lösung. Man führte die Autobahn durch das Haus hindurch statt daran vorbei. Und als die Firma Mosch aufgeben musste, erklärte sich die Wohnungsgesellschaft Degewo zur Umsetzung bereit, so dass Anfang der 80er die ersten Mieter eine neue Form des Wohnens entdeckten. Bertelsmann, heute 75 Jahre alt, verkündet mit sachlicher Freude: „Es ist bis heute tatsächlich das einzige Gebäude dieser Art.“ Und das nicht ohne Grund, galt es doch heikle technische Schwierigkeiten zu meistern. Man nehme nur die Autobahnröhre: Sie dehnt sich innerhalb des Hauses durch Sommerhitze um acht Zentimeter, um im Winter wieder auf Normalmaß zu schrumpfen.

Interesse aus Japan

Dass die Mieter und Anrainer der Schlangenbader Straße um Sonja Scholz am 10. Juni ihr Zuhause feierten, rührt Bertelsmann. Zugleich verwundert ihn der neue Kult um die 1980 fertiggestellte Autobahnüberbauung nicht mehr, seitdem er weiß: Auch Japaner interessieren sich für dieses Bauwerk. Architekturkenner und Großunternehmer aus Fernost empfehlen die Schlange einander als Stätte der Inspiration. Ob denn eine Überlagerung von Straßen mit Behausungen in Zeiten des Wohnraummangels wieder eine Alternative ist? „In verdichteten Innenstädten nehmen Verkehrsflächen manchmal 50 Prozent des Platzes ein“, antwortet der Experte zögernd. Er weiß, dass ein solches Projekt heute noch mehr verschlingen würde als die 400 Millionen Mark von damals. Wohnungsbau auf Schienentrassen oder Bahnhöfen wäre wohl am ehesten realistisch. „In Hochlage wurde eine Verkehrsfläche nirgends überbaut – nur bei uns.“

Das ist auch dafür ursächlich, dass man im Bezirksamt Denkmalschutz erwirken will. Dietrich Worbs, Mitglied des Denkmalbeirats und entschiedener Befürworter des Schutztitels, nennt die einmalige Verbindung von Verkehrs- und Wohnnutzung als wichtigstes Argument. Auch die baukünstlerische Umsetzung unter den Erfordernissen des sozialen Wohnungsbaus sei herausragend gelungen. Derzeit prüft das Landesdenkmalamt, inwiefern diese Annahmen zur Auszeichnung berechtigt.

„So lange ich lebe"

Fans der „Schlange“ wollen auf das Ergebnis nicht warten. Trotz Stilllegung der Müllabsauganlage hat der Komplex ein derartiges Prestige erreicht, dass Architekturliebhaber sich gezielt um Wohnungen bewerben. Menschen wie Erika Barth zum Beispiel. „Ich bin Urberlinerin und bin in meinem Leben 13-mal umgezogen“, erzählt sie. Barth zog aus Reinickendorf in die „Schlange“, nachdem sie zweieinhalb Jahre auf eine optimale Bleibe in diesem Hause gewartet hatte. Einen 14. Umzug soll es nicht geben: „So lange ich lebe, möchte ich hier wohnen.“ tsc

Autor:

Thomas Schubert aus Charlottenburg

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