NS-Verfolgter und U-Bahn-Visionär
Informationsstele am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte erinnert an Richard Draemert

Nahmen an der Enthüllung der Informationsstele teil: (von links) Gerd Huwe von der BVG, Kulturstadtrat Frank Mükisch (CDU), Ingrid Reimann, Enkelin von Richard Draemert und Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin.
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  • Nahmen an der Enthüllung der Informationsstele teil: (von links) Gerd Huwe von der BVG, Kulturstadtrat Frank Mükisch (CDU), Ingrid Reimann, Enkelin von Richard Draemert und Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin.
  • Foto: BA Steglitz-Zehlendorf
  • hochgeladen von Ulrike Martin

Am 22. Dezember 1929 gingen die U-Bahnstationen Oskar-Helene-Heim, Onkel Toms Hütte und Krumme Lanke in Betrieb. Fast auf den Tag genau 90 Jahre später, am 20. Dezember 2019, wurde eine Informationstele auf dem Vorplatz des U-Bahnhofs Onkel Toms Hütte enthüllt. Sie erinnert an Richard Draemert, Stadtältester von Berlin und Bezirksverordneter von Zehlendorf. Er war wesentlich verantwortlich für den Weiterbau der U-Bahn ab Thielplatz.

Der Weg bis zur Enthüllung der Stele war lang und mühsam, dabei ist sie eigentlich „nur“ Plan B. Ursprünglich sollte der U-Bahnhof-Vorplatz an der Onkel-Tom-Straße nach Draemert benannt werden. So war es zumindest der Wunsch der Enkeln Ingrid Reimann, die sich seit Jahren dafür einsetzte. Offene Ohren fand sie in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Sie fasste seit 2013 mehrere Beschlüsse, die eine Benennung unterstützten.

Aber die Tücken liegen oft da, wo keiner sie vermutet. Ein neuer Name für den Platz kam nicht in Frage, da er schon einen hatte. Das Areal gehört zum Vermögen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Das Vorschlagsrecht für eine Benennung lag bei der damaligen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, die sich nach dem Berliner Straßengesetz richtete und mitteilte, dass der Platz offiziell „Onkel-Tom-Straßenbrücke“ heißt. Die Endung „-brücke“ muss verwendet werden, wenn eine Fläche wie im vorliegenden Fall Teil einer Brückenkonstruktion ist, die über U-Bahngleise führt. Wiederholt verwies Baustadträtin Maren Schellenberg (B’90/Grüne) auf diesen Umstand.

Um Richard Draemert überhaupt ehren zu können, stellte die SPD-Fraktion dann im März 2018 den Antrag, eine Stele zu errichten.

„Ich bin etwas traurig darüber, dass es mit der Platzbenennung nicht geklappt hat, freue mich aber sehr, dass Richard Draemert mit der Stele gewürdigt wird“, sagt Ingrid Reimann. Sie erinnert sich gern an ihren Großvater. „Die Haft im KZ Sachsenhausen hatte seine Gesundheit ruiniert, er konnte in seinen letzten Lebensjahren die Wohnung nur noch für kurze Spaziergänge verlassen.“ Die Enkelin begleitete ihn gerne. „Er sollte nicht mehr rauchen, deshalb hatte er immer Malzbonbons in der Tasche, die er an mich und Kinder, die ihm begegneten, verteilte.“

Als seine „hervorragendste Leistung“ bezeichnet Reimann den Einsatz Draemerts für den Weiterbau der U-Bahn. „Durch sein Verhandlungsgeschick gelang es ihm, die damaligen erheblichen Widerstände zu überwinden.“ Damit sei für den Berliner Stadtrat für Verkehr, Ernst Reuter, der Weg für die Verlängerung der U-Bahn bis Krumme Lanke frei gewesen. Im Berlin der 1920er-Jahre wuchs die Bevölkerung, neue Wohnquartiere entstanden, gute Verkehrsverbindungen waren notwendig. Ingrid Reimann: „Ohne Richard Draemert hätten wir heute weder die Taut-Siedlung noch die U-Bahnstrecke bis Krumme Lanke.“

Richard Draemert wurde am 24. Juni 1880 in Berlin geboren. Er erlernte den Beruf des Speditionskaufmanns und arbeitete sich bis zum leitenden Angestellten im Verlags- und Druckereigewerbe hoch. Draemert trat 1918 in die SPD ein. Stadtverordneter von Berlin und Bezirksverordneter von Zehlendorf war er von 1921 bis 1933. Die SPD-Wochenzeitschrift „Die Welt am Montag“ leitete er bis zu seiner Inhaftierung in Plötzensee 1933. Seine politischen Mandate wurden ihm entzogen, er erhielt Berufsverbot.

Unterschlupf für Verfolgte des NS-Regimes

Nach der Haftentlassung eröffnete Draemert 1934 am U-Bahnhof Krumme Lanke eine Eis- und Getränkediele um sich und seine siebenköpfige Familie zu ernähren. Die Einnahmen blieben gering. Die kleine Baude war Treffpunkt von Regimekritikern. Draemert bot Verfolgten kurzfristig Unterschlupf im Warenlager im Keller. Damit brachte er sich in Lebensgefahr, denn er stand nach wie vor unter Beobachtung. „Aber das war sein Verständnis von Solidarität“, sagt Reimann. Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat 1944 wurde Draemert im KZ Sachsenhausen inhaftiert und nach wenigen Wochen schwerkrank entlassen.

Seit 1916 wohnte die Familie in Dahlem, ab 1926 im Waldhüterpfad 66 in der Onkel-Tom-Siedlung. Nach 1947 lebte das Ehepaar in der Riemeisterstraße 162. Bis 1949 arbeitete Richard Draemert als Kaufmännischer Direktor bei der Wohnungsbaugesellschaft DeGeWo. Bis 1954 gehörte er erneut der BVV Zehlendorf an. Dort war er Vorsitzender der Wohnungsbaukommission und konnte Pläne, in Zehlendorf Hochhäuser zu errichten, verhindern. Zu seinem 75. Geburtstag wurde er für seine langjährigen Verdienste für Berlin und seine Standhaftigkeit gegenüber dem NS-Regime zum Stadtältesten ernannt.

Draemert starb am 5. August 1957 an den Spätfolgen seiner Inhaftierung. Er hat ein Ehrengrab auf dem St. Annen-Friedhof in Dahlem.

Nahmen an der Enthüllung der Informationsstele teil: (von links) Gerd Huwe von der BVG, Kulturstadtrat Frank Mükisch (CDU), Ingrid Reimann, Enkelin von Richard Draemert und Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin.
Ein Ausschnitt er Informationsstele für Richard Draemert.
Autor:

Ulrike Martin aus Zehlendorf

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