Forschungsprojekt soll Berlin zum Hotspot machen

Über 100 Internet-Hotspots sollen in Berlin und Potsdam bis zum Sommer installiert werden. Der Selbsttest zeigt: Das klappt nicht wirklich gut.
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Berlin. Seit vergangenem Herbst kann man an öffentlichen Plätzen kostenlos ins Internet. Das Modellprojekt "Public Wifi Berlin" wird 2013 auf über 100 Hotspots erweitert. Es bleibt jedoch auf Orte begrenzt, die bereits gut vernetzt sind.

Heute will ich draußen arbeiten. Ich packe Notebook und Smartphone ein und mache mich auf den Weg zum Alex. Dank "Public Wifi Berlin", dem neuen stadteigenen WLAN-Netz, soll man ja schließlich jetzt auch draußen auf öffentlichen Plätzen Internetzugang haben. Angekommen, ausgepackt, den Coffe to go auf der Parkbank platziert, erlebe ich jedoch eine Enttäuschung. "Nicht verbunden" zeigt der Bildschirm meines Notebooks trotz mehrerer Versuchen an. Auch das Handy streikt und ich packe alles wieder ein, um mich auf die Suche nach dem nächsten Hotspot zu machen. Über 50 davon haben die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) und der Netzanbieter Kabel Deutschland in den Innenstadtbezirken verteilt. In kleinen, kaum sichtbaren Aufbauten auf den grauen Verteilerkästen am Straßenrand sind sie versteckt und sollen internetaffine Berliner und Berlinbesucher 30 Minuten lang mit Gratis-WLAN versorgen. Unterwegs immer und überall im Internet surfen zu können, ist für die meisten heutzutage normal. Dabei steigt das Volumen des digitalen Datenverkehrs rasant an und Übertragungsnetzexperten tüfteln ständig an neuen Techniken. Berlin will da als Standort der digitalen Wirtschaft, der stetig wächst, nicht nachstehen und hat im Herbst vergangenen Jahres das zweijährige Modellprojekt "Public Wifi Berlin" gestartet, um zu testen, wie im öffentlichen Raum ein stabiles kabelloses Internet aufgebaut werden kann. Stück für Stück werden deshalb Orte mit besonders viel Publikumsverkehr in den Innenstadtbezirken mit WLAN-Hotspots ausgerüstet. Schon im Sommer sollen es in Berlin und Potsdam zusammen über 100 sein.

Kostenlose App

Blöderweise finde ich nicht einmal einen davon. Ich habe mir die kostenlose App von "Public Wifi Berlin" heruntergeladen, die Nutzungsbedingungen akzeptiert und bin losmarschiert. Dann plötzlich ploppen sie wie kleine Pilze auf der digitalen Straßenkarte meines Handys auf. Als ich vor dem grauen Kasten stehe, geht alles ganz schnell: WLAN aktivieren, Netz wählen und schon bin ich drin.

Da das Netz allerdings nicht von den unzähligen anderen gestört werden soll, die hier aus Cafés und Kneipen funken, muss ich an der Straße stehen bleiben. Nichts mit Füße hoch und arbeiten im Park - zumindest nicht mit "Public Wifi Berlin". Als ich mich auf die Wiese am Fernsehturm setze, bin ich mit meiner Idee nicht allein. Neben mir tippt ein Typ in Trägertop und Sonnenbrille wie wild auf seinem Notebook herum. An der Seite des Geräts blinkt ein kleiner Internetstick und verbindet ihn so mit dem World Wide Web.

Ständig laufen Leute vorbei, die statt in den herrlichen Frühlingshimmel lieber auf das Touchpad ihres Smartphones starren. Flatrates sei Dank sind viele Handynutzer und mobile Surfer mit ihren Tablets und Notebooks dauernd online und ich wundere mich, dass das Modellprojekt des neuen Berliner Netzes laut mabb und Kabel Deutschland so gut angenommen wird. Seit November vergangenen Jahres haben sie über eine Viertel Million Nutzer verzeichnet.

Ganz pragmatisch

"Und das trotz des langen Winters, wenn kaum einer lange draußen bleiben will", sagt Eva Flecken, die Projektleiterin bei der mabb, für die "Public Wifi Berlin" vor allem ein Forschungsprojekt ist. "Wir wollen neue Übertragungswege testen und herausfinden, welche Medien überhaupt mobil genutzt werden", sagt sie. Nötig ist das ihrer Meinung nach auch deshalb, weil die Fernsehübertragung per DVB T auf der Kippe stehe und man deshalb jetzt erforschen wolle, was die Internetverbindungen leisten können. Dass dabei nur in der mit allerlei Netzen gut ausgerüsteten Innenstadt getestet wird, sieht sie ganz pragmatisch: "Die Forschungsgelder sind eben begrenzt."

317 000 Euro trägt die mabb selbst, den Rest der Kosten von rund zwei Millionen Euro für die Ausstattung der grauen Verteilerkästen am Straßenrand mit zusätzlichen WLAN-Verteilern übernimmt Kabel Deutschland. Auch hier sieht man es nicht kritisch, dass die Außenbezirke kein Gratis-WLAN abbekommen. "Nach dem Projektende werden wir sehen, ob das Angebot bestehen bleibt und ob es ausgeweitet werden kann", sagt Klaus Rosenkranz, Sprecher des Unternehmens, das gerade dabei ist, verschiedene Bezahlmodelle auszuarbeiten, die sich an die 30 Gratis-Minuten anschließen könnten. Auch er sieht in "Public Wifi Berlin" ein wichtiges Forschungsprojekt, da sich unsere Mediennutzung in Zukunft noch weiter in Richtung mobiles Internet verlagern wird.

Innovativer Standort

"Ein Netz allein kann diese Datenvolumen dann wahrscheinlich nicht mehr tragen", sagt der Experte. So müssten sich zukünftig Handynetz, WLAN und andere Übertragungstechniken ergänzen. Um das alles zu testen, wird Berlin also für die nächsten Monate ein großes Internet-Testlabor. Die Hauptstadt präsentiere sich mit solchen Angeboten als innovativer und dienstleistungsorientierter Standort, sagte Cornelia Yzer, Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung, als "Public Wifi Berlin" der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Dienstleistungsorientiert? Ich versuche es nochmals und lande wieder an der Straße, diesmal vor der Neuen Nationalgalerie. Da die Hotspots nicht mit Schildern oder anderen Hinweisen markiert sind, kann man unterwegs nur über das Smartphone suchen. Beim Versuch, mich eingeloggt etwas weiter entfernt auf die Mauer zu setzen, bricht das Netz wieder ab. Ich bleibe skeptisch, ob "Public Wifi Berlin" wirklich so eine Medienrevolution ist. Wer surft schon gerne am Straßenrand? Außerdem gibt es in der Innenstadt zahllose Alternativen. Viele Cafés, Bibliotheken und sogar Bürgerämter bieten einen kostenlosen Zugang an. Anders könnte es in den Außenbezirken aussehen, die nicht so gut ausgestattet sind.

Nutzen zweifelhaft

Öffentliches WLAN eher für Touristen interessant

Eine knappe Mehrheit der Umfrageteilnehmer zu unserer Reportage aus der vergangenen Woche ist der Meinung, dass Berlin kein öffentliches WLAN braucht. Ein Hotspot nach dem anderen für ein öffentlich zugängliches WLAN auf Straßen und öffentlichen Plätzen wird in Berlin seit Herbst 2012 aufgebaut. Eine halbe Stunde können alle Handy- und Laptopbesitzer damit kostenlos ins Internet, wenn sie sich in der Nähe eines solchen Knotenpunkts aufhalten und sich dort einloggen. Was erst einmal praktisch klingt, finden viele Berliner allerdings überflüssig und so sprach sich auch eine knappe Mehrheit der Leser auf die Frage "Braucht Berlin ein öffentliches WLAN-Netz?" ablehnend aus. 48 Prozent antworteten mit Ja. Ähnlich sieht es der Berliner FDP-Politiker Martin Dickopp. Er hatte sich schon vor dem Start des Projekts kritisch über die Pläne geäußert und sagt nun: "Der Nutzen erscheint angesichts der stark wachsenden Verbreitung von internetfähigen Mobilfunkgeräten zweifelhaft." Aus seiner Sicht besteht auch das Risiko, dass viele Nutzer die datenschutzrechtlichen Konsequenzen nicht kennen. Sobald man sich bei "Public Wifi Berlin" einloggt, wird erfasst, welche Online-Medien genutzt werden. Dickopp weist darauf hin, dass das Projekt eher etwas für Touristen als für Berliner ist, da bevorzugt in der Innenstadt Standorte entsprechend ausgestattet werden.

So funktioniert Public Wifi Berlin

Das Modellprojekt "Public Wifi Berlin" der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) und des Netzanbieters Kabel Deutschland für ein frei zugängliches WLAN-Netz wird seitdem schrittweise ausgebaut. Bislang können die Berliner und Berlinbesucher an 55 Hotspots in Charlottenburg, Mitte, Prenzlauer Berg, Schöneberg, Tiergarten und Wilmersdorf 30 Minuten lang kostenlos im Internet surfen. Seit dem Start verzeichnete das Netz über eine Viertel Million Zugriffe. Bis zum Sommer sollen noch 50 weitere öffentliche Hotspots in Innenstadtbezirken eingerichtet werden. Wer "Public Wifi Berlin" nutzen möchte, kann sich über den Hotspotfinder auf www.hotspot.kabeldeutschland.de Orte in der Nähe anzeigen lassen, an denen es einen freien Zugang gibt. Nach einer Registrierung steht dieser dann für 30 Minuten kostenlos zur Verfügung. Ab Mitte des Jahres soll eine kostenpflichtige Verlängerung möglich sein. Wer das Netz über das Smartphone nutzen möchte, kann die dazugehörige App verwenden.

Neben dem Zugang über "Public Wifi Berlin" kann man aber auch in vielen Berliner Cafés kostenlos ins Internet. Das Hauptstadtportal www.berlin.de hat eine Liste der freien WLAN-Hotspots zusammengestellt.

Jana Tashina Wörrle / jtw
Über 100 Internet-Hotspots sollen in Berlin und Potsdam bis zum Sommer installiert werden. Der Selbsttest zeigt: Das klappt nicht wirklich gut.
Viele Cafés und Bäckereien bieten mittlerweile eine freie Internetnutzung an.
Autor:

Jana Tashina Wörrle aus Charlottenburg

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