Armutsbeauftragter Thomas de Vachro
„Armut dauert zwölf Monate im Jahr“

Thomas de Vachroi: "Wer keine Visionen mehr hat, hat verloren."
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Thomas de Vachroi ist Armutsbeauftragter der gemeinnützigen Gesellschaft Diakoniewerk Simeon, außerdem Sozialbeauftragter der Neuköllner CDU und Leiter des Diakonie-Hauses Britz. Unsere Reporterin Susanne Schilp sprach mit ihm.

Herr de Vachroi, meines Wissens sind Sie der einzige Armutsbeauftragte bundesweit. Wie sind Sie 2017 zu der Aufgabe gekommen?

Thomas de Vachroi: Mein Arbeitgeber, das Diakoniewerk Simeon, hat den Posten so benannt, ich bin froh darüber. Ich will eine Stimme für die Armen sein, für die Alten, Kinder, Behinderten, Obdachlosen. Sie haben keine Lobby, ich kann gar nicht anders, als mich für sie einzusetzen. Das sehe ich auch als ureigene Aufgabe unserer evangelischen Kirche.

Was sind Ihre Aufgaben als Armutsbeauftragter?

Thomas de Vachroi: Ich habe Kontakte zur Politik, zu Vereinen, Organisationen. Ich versuche, mit ihnen ein starkes Fundament zu schaffen, auf dem andere nach mir weitermachen können. Mit Sponsoring oder Fundraising für einzelne Projekte ist es nicht mehr getan. Wichtig ist, die Arbeit, die in Einrichtungen bereits läuft, zu sichern, sie braucht Beständigkeit.

Sie entwickeln auch neue Ideen in Sachen Obdachlosigkeit. Welche sind das?

Thomas de Vachroi: Niemand sollte auf der Straße, in Parks, U-Bahn-Schächten oder unter der Brücke schlafen müssen. Doch mit der Wohnungsknappheit wird die Situation immer schlimmer. Ich fände es gut, Obdachlosen anbieten zu können, vorübergehend in ehemaligen Flüchtlingsunterkünften zu leben. Da würden sie Ansprechpartner finden, die sie zum Beispiel auch zu Behördengängen begleiten. Sie ahnen gar nicht, wie viele Menschen davor Angst haben.

Die Diakonie betreibt auch die Tee- und Wärmestube an der Weisestraße 34.

Thomas de Vachroi: Sie ist leider die einzige Einrichtung dieser Art in Neukölln. Hier gibt es Sozialarbeiter und Ehrenamtliche, die die Menschen mit Kleidung und Nahrung versorgen, und medizinische Betreuung. Es wird gekocht, beraten und gemeinsam etwas Schönes unternommen – nicht nur im Winter. Armut dauert schließlich zwölf Monate im Jahr.

Auch die mangelnde Gesundheitsversorgung ist Ihnen ein Dorn im Auge?

Thomas de Vachroi: Es gibt Ärzte, die halten Obdachlose für nicht „praxistauglich“. Sie sind schmutzig, sie stinken, heißt es. Aber wo sollen sie sich waschen, wo die Kleidung wechseln oder ihre Notdurft verrichten? Die 50 Cent, die in öffentlichen Toiletten verlangt werden, können die meisten nicht zahlen. Warum nicht Dusch- und Toilettenwagen aufstellen und die Standorte regelmäßig bekanntgeben? Das würde sich schnell herumsprechen.

Stimmt es, dass Sie die Petition an Ernährungsministerin Julia Klöckner losgetreten haben? Darin wird gefordert, dass Supermärkte überschüssige Lebensmittel an Bedürftige abgeben müssen.

Thomas de Vachroi: Ja, so ist es. Frankreich und Tschechien machen es vor. Es kann nicht so weitergehen, dass Millionen Tonnen Nahrung weggeworfen werden. Die Märkte sollen Verträge mit Einrichtungen schließen und die Lebensmittel dorthin bringen. Im Gegenzug sparen sie Entsorgungskosten – und die sind nicht niedrig.

Im Jahr 2017 haben Sie viel Lob geerntet, weil sie im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf eine vorbildliche Flüchtlingsunterkunft aufgebaut haben. Haben Sie noch Kontakt zu Geflüchteten?

Thomas de Vachroi: Sicher, das Thema berührt mich weiter. Flüchtlinge kommen zu uns, haben nichts und müssen ins Asylverfahren. Die Aufgabe des Staates ist es, sich um sie zu kümmern. Aber jetzt haben wir vor allem mit Obdachlosen aus Osteuropa zu tun, die hier gestrandet sind, ohne ein Recht auf deutsche Sozialleistungen.

Was kann für sie getan werden?

Thomas de Vachroi: Entweder wir sorgen dafür, dass sie würdevoll in ihr Heimatland zurückkehren können oder wir versorgen sie mit Nahrungsmitteln, Kleidung und medizinischer Hilfe. Es müssen mehr Verträge mit Botschaften, aber auch auf EU-Ebene abgeschlossen werden, damit zumindest Sozialarbeiter oder Sprachmittler aus der Heimat der Menschen kommen, mit ihnen reden und mit uns zusammen erst einmal herausfinden, wo die Schwierigkeiten des Einzelnen liegen.

 Auf Vorschlag der Neuköllner CDU werden Sie bald als stellvertretender Bürgerdeputierter in den Ausschuss für Integration berufen.

Thomas de Vachroi: Ja, ich freue mich auf die Aufgabe und über das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird. Ich denke, ich kann eine ganze Menge zum Thema beitragen.

Glauben Sie, dass Sie der einzige Armutsbeauftragte bleiben?

Thomas de Vachroi: Ich hoffe nicht. Vielleicht gibt es ja bald Kollegen auf Landes- und Bundesebene. Was wir wirklich brauchen, ist ein überparteilicher, nationaler Rat, der sich um Armut kümmert und sie bekämpft.

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