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Erinnerung wendet sich zum Guten: Ruth Winkelmann spricht über den Holocaust

Peter Rode von der Abeitsgemeinschaft Stolpersteine begleitet oft Ruth Winkelmann bei ihren Schulbesuchen.
Peter Rode von der Abeitsgemeinschaft Stolpersteine begleitet oft Ruth Winkelmann bei ihren Schulbesuchen. (Foto: Christian Schindler)

Mit Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“, 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, kam die Erinnerung an den Holocaust als Hauptimpuls der europäischen Einigung als Thema in die aktuelle Literatur. Sehr konkret lebt Ruth Winkelmann diese Erinnerung.

Wer die 459 „Die Hauptstadt“-Seiten des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse liest, erlebt auf eine heitere bis komische Weise das Scheitern eines Projektes in der europäischen Hauptstadt Brüssel, das eigentlich gar nicht Gegenstand einer humorvollen literarischen Schilderung sein dürfte: Die Erinnerung an den Holocaust. Wer zu einer Veranstaltung mit Ruth Winkelmann geht, darf sich auch auf heitere Momente freuen in einer Beschäftigung mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte.

Die Reinickendorferin Ruth Winkelmann und der Wiener Robert Menasse haben auf unterschiedliche Weise ähnliches persönliches Glück gehabt. Der heute 87-jährige jüdisch-stämmige Vater von Robert Menasse konnte nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland mit einem Kindertransport nach England das Reich verlassen und überleben und die Geschichte seiner Familie fortschreiben. Später wurde etwa Hans Menasse österreichischer Fußball-Nationalspieler. Ohne die Rettung jüdischer Kinder durch Hilfsorganisationen hätte es weder Hans Menasse noch dessen Sohn Robert gegeben.

Ohne die Hilfe anderer Menschen würde es heute auch Ruth Winkelmann nicht geben. Die noch heute aktive Schwimmerin des Jahrgangs 1928 überlebte als jüdisches Kind und Jugendliche den Holocaust, weil andere Menschen sie vor dem Zugriff der Nationalsozialisten beschützten. Ihre Kindheit war behütet, sie wuchs in einem bürgerlichen Umfeld in Hohen Neuendorf auf. Die Familie besaß ein gut gehendes Abbruchunternehmen.

Die unbeschwerte Kindheit wurde erst leise überschattet, als die Familie bei einem Urlaub an der Ostsee auf junge Leute traf, die sich mit „Heil Hitler“ grüßten. Ernst wurde es in der sechsten Klasse, als jüdischen Kindern der Schulbesuch verwehrt wurde. Der Staat erzwang eine Scheidung der nicht-jüdischen Mutter vom Vater, der später in Auschwitz ermordet wurde.

Mutter und Kind überlebten, weil auch Mitglieder der NSDAP sie vor dem Zugriff ihrer Parteigenossen schützten. So sieht Ruth Winkelmann sehr differenziert auf die Menschen. Sie hegt keine Rachegefühle, sieht im Zweifel lieber auf die guten Eigenschaften ihrer Mitmenschen als auf die auch vorhandenen bösen.

Im Gespräch mit Schülern der Paul-Löbe-Schule und des Friedrich-Engels-Gymnasiums, die sich gerade auf eine Fahrt ins ehemalige Konzentrationslager Auschwitz vorbereiten, erzählt Ruth Winkelmann aber auch, dass sie lange nicht über ihre Geschichte sprechen konnte. Erst über die Zusammenarbeit mit der Autorin Claudia Johanna Bauer fürs biographische Schreiben entstand das Buch „Plötzlich hieß ich Sara – Erinnerungen einer jüdischen Berlinerin 1933 – 1945“. Danach kam auch die Bereitschaft, in Schulklassen über ihr Schicksal zu sprechen. Die Frau, deren regulärer Schulbesuch mit der sechsten Klasse abbrach und die es trotzdem zur Damenschneiderin und später Filialleiterin brachte, empfiehlt dann gerne ihren jungen Zuhörern, die Chancen, die sie heute in Schule und Gesellschaft haben, zu nutzen.

Da ist dann auch wieder die Parallele zu Menasses klug konstruiertem Buch: Die Erinnerung an den Holocaust als großes Jubiläumsprojekt speziell für die Europäische Kommission scheitert zwar, weil ausgerechnet Rechtspopulisten die Mühlen der übernationalen Bürokratie geschickt zum langsamen Sterben desselben nutzen. Doch die Brüsseler Bürokraten sind gleichwohl so sehr vom Prinzip des „Nie wieder Auschwitz“ beseelt, dass der Leser an ein Scheitern des europäischen Projektes nicht glauben kann – und das sogar, obwohl der Auschwitz-Überlebende, den der Autor durch den Roman hindurch auf dem Weg ins Altersheim begleitet, am Ende bei einem islamistischen Anschlag ums Leben kommt. Das Böse ist immer da, aber das Gute scheint stärker zu sein – wie in den Biographien von Ruth Winkelmann und Robert Menasse.

Ruth Winkelmanns „Und plötzlich hieß ich Sara“ (ISBN 978-3-89773-664-1), 144 Seiten, ist in zweiter Auflage im Jaron-Verlag, Berlin, erschienen und kostet acht Euro. Robert Menasses „Die Hauptstadt“ (ISBN 978-3-518-42758-3), 459 Seiten, ist im Suhrkamp Verlag Berlin erschienen und kostet 24 Euro.
Peter Rode von der Abeitsgemeinschaft Stolpersteine begleitet oft Ruth Winkelmann bei ihren Schulbesuchen.
Peter Rode von der Arbeitsgemeisnchaft Stolpersteine mit Ruth Winkelmann und Schülern in der Paul-Löbe-Schule.
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