Schöneberg war Vorreiter
Festakt zu 100 Jahren Frauenwahlrecht

Festrednerin Claudia von Gélieu (links) und Bürgermeisterin Angelika Schöttler beim Festakt im Louise-Schroeder-Saal.
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Am 8. November 1918 rief Kurt Eisner in München den Freistaat Bayern aus und führte das Frauenwahlrecht ein. Vier Tage später tat es ihm in Berlin für die ganze neue Republik der Rat der Volksbeauftragten gleich. Zum Jubiläum fand im Rathaus Schöneberg ein Festakt statt.

„100 Jahre Frauenwahlrecht bedeutet, Frauen sichtbar zu machen“, sagte Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD). „Es gibt eine Vielzahl an Frauen, die sich in das politische Geschehen eingebracht haben.“ Das Jubiläum gebe aber auch Anlass, die gegenwärtigen gleichstellungspolitischen Herausforderungen zu diskutieren. Die Bürgermeisterin nannte die me too-Debatte, die geschlechtergerechte Schreibweise („Gender-Gap: Lehrer_innen) und das Absinken des Frauenanteils bei Bürgermeistern in deutschen Städten von rund 22 auf heute acht Prozent.

Festrednerin Claudia von Gélieu zitierte zu Beginn die Sozialdemokratin Marie Juchacz (1879-1956), die als eine von 37 Frauen 1919 in den ersten Reichstag der Weimarer Republik gewählt wurde: „Meine Herren und Damen!“ – das Protokoll verzeichnet „Heiterkeit“ –. „Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.“

Marie Juchacz Einschätzung teile sie, sagte die Politikwissenschaftlerin und Frauengeschichtsforscherin und gab einen historischen Abriss des Frauenwahlrechts, wobei sie immer wieder die frühere unabhängige Stadtgemeinde Schöneberg in den Mittelpunkt rückte. Diese nahm 1919 unter deutschen Kommunen eine Sonderstellung ein. Ihre Stadtverordnetenversammlung zählte neun gewählte Frauen, was weit über dem Zehn-Prozent-Durchschnitt lag.

„Über die meisten müsste man lange recherchieren“, so die Forscherin. Sie seien heute völlig vergessen und in der Versenkung verschwunden. Eine, die vor und nach 1919 Karriere gemacht habe, sei Margarete Ehlert (1886-1962).

1912 wurde Ehlert in Schöneberg Leiterin der Frauenabteilung beim städtischen Arbeitsamt, 1920 Regierungsrätin in der Reicharbeitsvermittlung, nach der Eingemeindung nach Groß-Berlin im selben Jahr Stadtverordnete. Dieses Amt bekleidete sie bis 1925. Nach 1933 von den Nazis aus der Verwaltung entlassen, arbeitete Ehlert im Katholischen Deutschen Frauenbund und in dessen Wohlfahrtsverband, der Caritas. Nach dem Krieg gehörte sie zu den Mitbegründern der CDU. Nach Stationen als Stadträtin für Sozialwesen und Arbeit bis zur Spaltung Berlins 1948 gehörte Margarete Ehlert von 1952 bis 1958 dem West-Berliner Abgeordnetenhaus an, das im Rathaus Schöneberg seine neue Niederlassung gefunden hatte.

Neben Marie Juchacz gehörte Louise Schroeder zu den 1919 in die Nationalversammlung gewählten Frauen. Nach ihr ist ein Saal im Rathaus benannt. Leer ausgegangen, weil sie auf eine Kampfkandidatur um den zweiten Listenplatz bei der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) verzichtet hatte, war Elly Heuss-Knapp (1881-1952) aus Friedenau, die Ehefrau des späteren ersten Bundespräsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg, Theodor Heuss.

Zum Abschluss ihrer Geschichte des Frauenwahlrechts zeigte Claudia von Gélieu auf, welche Vorurteile gegenüber Frauen in der Politik bis heute wirken: Frauen gehören ins Haus. Frauen interessieren sich gar nicht für Politik. Frauen verstehen nichts von Politik. Zur Ermutigung gab sie den Gästen ein Zitat der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm mit auf den Weg: „Glaube nicht, es muss so sein, weil es immer so war. Unmöglichkeiten sind Auswüchse steriler Gehirne. Schaffe Möglichkeiten.“

Festrednerin Claudia von Gélieu (links) und Bürgermeisterin Angelika Schöttler beim Festakt im Louise-Schroeder-Saal.
Lange und zäh mussten Frauen für ihr Wahlrecht kämpfen. Ein Plakat der Frauenbewegung von Karl Maria Stadler zum Frauentag am 8. März 1914.

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