„Mir begegnete oft wohlwollende Ignoranz“
Heike Gerstenberger übergab nach 30 Jahren den Staffelstab als Gleichstellungsbeauftragte

Heike Gerstenberger war 30 Jahre lang Frauen- beziehungsweise Gleichstellungsbeauftragte in Pankow.
  • Heike Gerstenberger war 30 Jahre lang Frauen- beziehungsweise Gleichstellungsbeauftragte in Pankow.
  • Foto: Bernd Wähner
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Das Thema Gleichstellung war in den vergangenen 30 Jahren in Pankow vor allem mit einem Namen verbunden: Heike Gerstenberger.

Zum Jahreswechsel übergab die langjährige Gleichstellungsbeauftragte ihr Amt an ihre Nachfolgerin Stephanie Wittenburg. Aber bis Ende dieses Monats unterstützt sie sie noch bei der Einarbeitung und vor allem bei der Veranstaltungsreihe „Pankower Frauen*März 2021“. Eine Veranstaltungsreihe war es auch, mit der Heike Gerstenberger Anfang der 90er-Jahre das Thema Gleichstellung in den Fokus der Pankower Öffentlichkeit rückte. Unter dem Motto „Wie kam ich nur in dieses fremde Kleid“ organisierte sie mit Partnerinnen eine Mädchen und Frauenwoche, was seinerzeit ein Novum war.

In der Wendezeit war Heike Gerstenberger Aspirantin an der Akademie der Wissenschaften. Und Gleichstellung war das Thema der Dissertation, die sie schreiben wollte. „Aber Anfang der 90er-Jahre wusste niemand so richtig, was die Zukunft bringt“, erinnert sie sich. „Ich war seinerzeit bereits immer wieder im Frauenzentrum Paula Panke. Als man mir dort erzählte, dass das Bezirksamt die Stelle einer Frauenbeauftragten ausgeschrieben hatte, bewarb ich mich. Nach einem Vorstellungsgespräch wurde ich eingestellt.“

Die Zeit Anfang der 90er-Jahre war für viele Frauen im Osten Berlins eine schwierige Zeit. In der DDR war es üblich, dass fast alle Frauen arbeiten gingen. In der Wendezeit verloren viele von ihnen ihre Arbeit. Und beim damaligen Arbeitsamt bekamen manche zu hören, dass sie sich lieber um Haushalt und Familie kümmern sollten, statt auf einen neuen Job zu hoffen. Dass das Thema Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau damals zwar auf dem Papier stand, die Realität aber weit davon entfernt war, spürte Heike Gerstenberger sogar selbst. Offenbar aus falsch verstandener Fürsorgepflicht bekam sie irgendwann zu hören: Sie hätte doch beim Vorstellungsgespräch angeben müssen, dass sie drei Kinder habe. Ob sie denn ihre Arbeit schaffen würde? Ihre schlagfertige Gegenfrage: Hätten Sie denn einen Mann auch nach der Anzahl seiner Kinder gefragt?

Eine Sache des gesamten Bezirksamts

Inzwischen ist das glücklicherweise kein Thema mehr bei Vorstellungsgesprächen im Bezirksamt. „Aber die Verankerung des Themas Gleichstellung in den Köpfen aller Beschäftigten der Bezirksverwaltung ist ein langer Prozess“, schätzt Heike Gerstenberger ein. „Anfangs begegnete mir oft wohlwollende Ignoranz. Dann hieß es: Gleichstellung? Machen Sie mal! Und auch heute ist es nicht immer leicht zu vermitteln, dass das eine Sache des gesamten Bezirksamtes ist.“

Trotzdem schätzt Heike Gerstenberger ein, dass Pankow beim Thema Gleichstellung ein ganzes Stück vorangekommen ist. Daran hat sie mit ihrer umtriebigen Art und mit ihrer Fertigkeit, Netzwerke zu knüpfen, erheblichen Anteil. Eines der Beispiele dafür ist der heutige Verein unternehmerinnen plus. Auf ihre Initiative hin startete er zunächst als Stammtisch von Unternehmerinnen, Selbstständigen und Freiberuflerinnen, ehe aus ihm ein sehr gut vernetzter und rühriger Verein wurde. Außerdem unterstützte sie umtriebig den Pankower Frauenbeirat. Gemeinsam mit diesem initiierte sie einige Jahre lang die jährliche Suche nach dem familienfreundlichsten Betrieb im Bezirk. Außerdem gab sie gemeinsam mit ihm die Buchreihe „Spurensuche – Frauen in Pankow“ heraus. In deren Bänden werden Frauen aus der Geschichte des Bezirks vorgestellt, die Herausragendes leisteten. Als Gleichstellungsbeauftragte engagierte sich Heike Gerstenberger außerdem für den Abbau der Diskriminierung von Frauen. So organisierte sie zum Beispiel den Tag der Lohngerechtigkeit mit, den Equal Pay Day. Gemeinsam mit den Frauenprojekten des Bezirks unterstützte sie außerdem aktiv in jedem Herbst die Aktion „Gewalt kommt nicht in die Tüte“.

Sorge vor Erstarken des Rechtsextremismus

„Toll finde ich, dass sich in den zurückliegenden Jahren auch zahlreiche Migrant*innenvereine im Bezirk gründeten“, sagt Heike Gerstenberger. „Sie werden meist von engagierten Frauen geleitet und sind Mitglied im Arbeitskreis Pankower Frauenprojekte. Diese Vereine mache das Leben in Pankow bunter. Und ich persönlich habe viel von ihnen gelernt.“ Mit Sorge beobachtet die bisherige Gleichstellungsbeauftragte allerdings das Erstarken des Rechtsextremismus, auch in Pankow. „Rechtsextremismus ist auch immer mit Antifeminismus verbunden“, sagt sie. Deshalb engagiert sie auch bei den „Pankower Frauen* gegen Rechts“.

Auch wenn Heike Gerstenberger Ende März im Büro der Gleichstellungsbeauftragten keinen Arbeitsplatz mehr hat, wird sie sich weiter für das Thema Gleichstellung engagieren. Und auch auf Veranstaltungen wird sie immer wieder anzutreffen sein. So freut sie sich unter anderem 2021 darauf, dass im Mai erneut der „Pankower Frauenpreis“ verliehen wir, und für Juni ist eine Festveranstaltung zu „30 Jahre Gleichstellungsarbeit in Pankow“ geplant. Doch zunächst steht der „Pankower Frauen*März 2021“ in ihrem Fokus. Das komplette Programm findet sich auf www.berlin.de/ba-pankow/politik-und-verwaltung/beauftragte/gleichstellung/.

Autor:

Bernd Wähner aus Pankow

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