"Das ist unwiderstehlich!"
Christian Leonard lebt den Traum von einem Globe Theater

Die provisorische Freilichtbühne an der Sömmeringstraße ist der nächste Schritt auf dem Weg zum großen Traum von Christian Leonard: ein originales Globe Theater nach Shakespeare in der Hauptstadt.
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Für Christian Leonard ist die Prolog-Saison des Globe Berlin der nächste Schritt auf dem Weg, sich einen Lebenstraum zu erfüllen. Als großer Shakespeare-Anhänger fasste er vor 20 Jahren den Plan, Berlin eines Tages mit einem kugelrunden Holztheater nach originalem Vorbild zu segnen. 2020 dürfte es so weit sein.

Leonard würde nicht sagen, er jage einem Traum hinterher. Vielmehr habe sich die Realisierung eines spektakulären Globe Theaters nach den originären Vorstellungen von William Shakespeare in Berlin verselbstständigt. „Man sollte nicht so anmaßend sein zu glauben, dass man so etwas allein bewältigen kann. Ich bin lediglich Väterchen Schneeball in einer Lawine. Im Grunde genommen bin ich reich beschenkt mit so vielen Menschen, die das gemeinsam stemmen wollen. Und ich darf dabei sein“, sagt Leonard.

„Es wäre fatal, hier wie ein Ufo zu landen und loszulegen, ohne die Bürger mit ins Boot zu holen“

Im Januar 2018 hatte er mit Kulturstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD) eine Bauauschusssitzung gestürmt, fast in Guerilla-Marketing-Manier präsentierten die beiden das Projekt. Schmitt-Schmelz hatte damals schon einen passenden Standort für die Holzkonstruktion in modularer Bauweise im Gepäck: Sömmeringstraße 15, auf einer bezirklichen Lagerfläche zwischen dem Sportplatz und der Spree, dort sollte das außergewöhnliche Konstrukt stehen. Das Bebauungsplanverfahren läuft und bis es so weit ist, versucht Leonard, Anwohner und Kulturfreunde in der ganzen Stadt mit einer Übergangslösung für sich zu gewinnen. „Es wäre fatal, hier wie ein Ufo zu landen und loszulegen, ohne die Bürger mit ins Boot zu holen“, sagt er. Auch benachbarte Schulen und kulturelle Institutionen wie die Universität der Künste oder die Jugendkunstschule seien mit in die Entwicklung eingebunden, und mit dem Bezirk arbeite er ohnehin sehr eng zusammen.

Für einen symbolischen Preis hat er einst das Globe Theater erworben und in Schwäbisch Hall eingelagert, immer diese besondere Atmosphäre im Hinterkopf, die in der "Kugel" herrscht. Beim Shakespeare-Festival in Neuss wurden Leonards Arbeiten von Anfang an gespielt. „Dort passen 600 Leute ins Globe. Wenn eine Aufführung gut ist, trampelt das gesamte Publikum vor Begeisterung mit den Füßen, so dass das Theater wackelt. Das ist unwiderstehlich und auch deshalb wollte ich das eines Tages anbieten – und dabei unabhängig sein.“

Fürs gemeine Volk und den Adel

Der Clou eines Globe Theaters – in diesem Falle mit 26 Metern Durchmesser und 14 Meter Höhe dimensioniert – ist, dass die Bühne in das Rund hineinragt. Jeder Platz ist vom künstlerischen Geschehen gleich weit entfernt. Die Schauspieler befinden sich ständig mit den Zuschauern in Kontakt. „Man merkt, dass Shakespeares Werke dafür geschrieben sind“, sagt Leonard. In der originalen Open-Air-Arena des englischen Dramatikers standen vor 400 Jahren vor der Bühne die „Groundlings“, die sich nur einen Stehplatz für einen Penny leisten konnten. In den Logen saß der Adel. Wurden Witze über das gemeine Volk gemacht, wurde auf den besseren Plätzen gelacht und umgekehrt. „Man ist sich als Gesellschaft begegnet, Unterhaltung und Bildung fügten sich zusammen, die Stimmung war friedlich und sehr demokratisch.“ In der Charlottenburger Ausgabe des Globe werden die Besucher eine Ahnung bekommen, wie sich das damals anfühlte. „Wir werden uns textlich nah am Original bewegen, aber wir gehen auch auf das Zeitgeschehen ein und hier und da wird die heutige Politik sicher ihr Fett wegkriegen“, kündigt Leonard an.

Als Christian Leonard begann, die Weichen für die neue Spielstätte zu stellen, war er noch Teil der Shakespeare Company Berlin, die er gegründet hatte und die heute im Naturpark Schöneberger Südgelände einen festen Spielort hat. Ursprünglich wollte er das Ensemble auch mit auf die Mierendorff-Insel nehmen. Doch das habe nicht in einem „Intendanten geführten" Haus spielen wollen, sagt Leonard. „Wir gehen unterschiedliche Wege, nicht unbedingt getrennte. Das Angebot, dass die Shakespeare Company hier spielen kann, besteht nach wie vor.“

Die Vorbereitungen für die Prolog-Saison haben Kraft gekostet. Leonard stand täglich um 5.30 Uhr auf, fühlte sich für jeden Nagel verantwortlich, der irgendwo gefährlich aus dem Holz stand. „Von früh morgens bis zur Probe war ich Geschäftsführer, während der Probe Regisseur und anschließend allein erziehender Vater, zumindest in Teilzeit.“

Premiere gut gelaufen

Mittlerweile ist die Premiere rum. Am 1. Juni kam – wie sollte es anders sein – "Romeo & Julia" zur Aufführung. „Ausverkauft, prächtige Stimmung, gutes Wetter, es war super“, sagt Leonard. Er kann nun wieder etwas ruhiger schlafen und die Verantwortung seinen Mitarbeitern übertragen, sagt er. Bis Mitte September bespielt das Globe Berlin die provisorische Freilichtbühne, die bereits in etwa die Ausmaße und die Ausrichtung des Globes hat, unter dem Motto „Utopie & Illusion“ mit drei Theater-Premieren, Konzerten und Gastspielen – insgesamt sind es mehr als 80 Veranstaltungen. Die Kulturfreunde sollen einen Eindruck von der Bandbreite des künftigen Globe-Programms bekommen. „Wir wollen unbedingt Shakespeares Gesamtwerk auf Deutsch und Englisch herausbringen. 13 Stücke sind bereits übersetzt, 38 Dramen hat er geschrieben. Ich habe also genug zu tun“, sagt der Visionär. „Die Busfahrerin, der Bürgermeister, die Anwältin oder der Briefträger – alle sollen etwas mitnehmen. Weil die Darbietung einfach sinnlich, ästhetisch, unterhaltsam und niveauvoll ist.“ Allerdings sei das Globe Berlin viel weiter gefasst. „Wir machen Schauspiel, Wortkunst, Weltmusik, spielen auch andere Klassiker, arbeiten mit zeitgenössischen Dramatikern zusammen oder veranstalten Slam Poetries“, so Leonard. Baugenehmigung, Erbpachtvertrag und Betriebserlaubnis vorausgesetzt, kann der hölzerne Theaterbau voraussichtlich im Herbst 2019 aufgebaut und 2020 bespielt werden. Das Haus hat dann Platz für etwa 600 Besucher.

Weitere Informationen zu Globe Berlin und der Spielplan der Prolog-Saison finden sich im Internet auf der Homepage www.globe.berlin.

Autor:

Matthias Vogel aus Charlottenburg

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