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Als der Bürgermeister durch Straßen getrieben wurde: Erinnerung an den 10. März 1933 und an Carl Herz

Carl Herz (1877-1951).
Carl Herz (1877-1951). (Foto: Friedrichshain-Kreuzberg Museum)

Der SA-Trupp kam am Vormittag. Er überfiel das Rathaus und attackierte die Mitarbeiter. Besonders abgesehen hatten es die Schläger auf den Bürgermeister, Dr. Carl Herz.

Die Ereignisse vom 10. März 1933 markierten in Kreuzberg den Beginn der nationalsozialistischen Machtübernahme. Sie lief vor 85 Jahren an vielen Orten in Deutschland gewaltsam ab. Im Rathaus an der Yorckstraße und nicht nur dort, kam es zu einem Pogrom. Bezirksamtsmitglieder und Bezirksverordnete wurden auf die Straße getrieben und einer johlenden Menge preisgegeben. Ihr Weg führte zur Markthalle am Marheinekeplatz, wo sie Spießruten laufen mussten. Im Zentrum dabei Carl Herz, dem ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin eine Judensau" umgehängt wurde.

Der Bürgermeister wusste nicht erst seit diesem Tag, dass er zum speziellen Feindbild der Nazis taugte, denn er verkörperte so ziemlich alles, was sie bekämpften: Jude, Sozialdemokrat, Amtsträger, ihr früher Gegner.

Geboren wurde Carl Herz 1877 in Köthen. Nach seinem Jurastudium ließ er sich 1904 in Hamburg als Anwalt nieder. Zu dieser Zeit begann auch seine politische Betätigung. Er wurde Mitglied der SPD, die er aber während des Ersten Weltkriegs für einige Jahre verließ und sich der links davon entstandenen USPD anschloss. 1919 erfolgte die Rückkehr.

Schwerpunkt: Gesundheitspolitik

Sehr schnell profilierte er sich als Verwaltungs- und Sozialexperte. 1921 wurde Carl Herz Wirtschaftsdezernent und stellvertretender Bürgermeister in Spandau. 1926 erfolgte die Wahl zum Kreuzberger Rathauschef. Im dritten Wahlgang erhielt er dafür eine Mehrheit, die sich aus Stimmen der SPD, der kommunistischen KPD, dem katholischen Zentrum und der linksliberalen DDP zusammensetzte. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit lag in der Gesundheitspolitik. Sie bekam unter dem damaligen Kreuzberger Stadtarzt Curt Bejach Vorbildcharakter für ganz Berlin. Weitere wichtige Anliegen waren eine effiziente Sozialfürsorge und eine demokratische Verwaltung. Beides bedeutete ein Kampf gegen Windmühlen. In der Spätphase der Weimarer Republik war antidemokratischen Denken erneut auf dem Vormarsch. Und seit Beginn der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 verschärften sich die sozialen Spannungen. Vier Jahre später musste jeder vierte Kreuzberger aus Mitteln der Wohlfahrt unterstützt werden. Was ebenfalls zur weiteren Radikalisierung großer Bevölkerungsgruppen beitrug.

Carl Herz hat die kommenden Probleme anscheinend schon früh gespürt. Er fühle sich hier sehr wohl, schrieb er 1928 in einem Brief an den ehemaligen preußischen Ministerpräsidenten Paul Hirsch. "Über die objektive Entwicklung des Bezirks denke ich aber sehr pessimistisch."

Sündenbock für soziales Elend

Er wusste auch schon vor dem 10. März, dass den Mitarbeitern der Sozialfürsorge und ihm persönlich die Schuld an der elenden Lage vieler Menschen in Kreuzberg in die Schuhe geschoben werden sollte. Dass die Hetze auf fruchtbaren Boden gefallen war, zeigte dann der Mob auf der Straße und in der Markthalle.

Mehrere Opfer dieser Gewaltexzesse wurden danach in die ersten bereits eingerichteten Konzentrationslager im Columbia-Haus am Tempelhofer Flugfeld und an der Friedrichstraße eingesperrt und misshandelt. Carl Herz entging diesem Schicksal dadurch, dass ihn ein Polizist vorübergehend in "Schutzhaft" nahm.

Herz wurde im August 1933 offiziell als Bürgermeister abgesetzt. Sechs Jahre später folgte die Emigration nach London. Im Exil verfasste Carl Herz Expertisen zum künftigen Verwaltungsaufbau eines befreiten und demokratischen Deutschlands. Sie fanden teilweise Eingang bei der Potsdamer Konferenz der Siegermächte im Sommer 1945. Nach Kriegsende zog er nach Palästina, ins spätere Israel, wo sich seine Familie bereits aufhielt. Der jüngste Sohn war in Auschwitz ermordet worden. Carl Herz starb 1951 in Haifa.

Im Bezirk erinnert seit 1965 das Carl-Herz-Ufer entlang des Landwehrkanals an ihn. Ebenso wie die Bürgermeister-Herz-Grundschule, die 1967 so benannt wurde. Seit 1985 befindet sich vor dem Kreuzberger Rathaus eine Stele mit seiner Kopfbüste, zum Gedenken auch an den 10. März 1933.

Das Leben und Wirken von Carl Herz und seine gewaltsame Vertreibung aus dem Amt ist Thema einer Ausstellung, die am Mittwoch, 21. März, im Rathaus Kreuzberg, Yorckstraße 4-11, eröffnet wird. Zu Vernissage gibt es ab 17.45 Uhr eine Gedenkfeier, bei der BV-Vorsteherin Kristine Jaath und Bürgermeisterin Monika Herrmann (beide Bündnis 90/Grüne) sprechen werden. Die Ausstellung ist bis 18. April, jeweils montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr, zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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