Geigenbauer Thomas Rojahn und die Leidenschaft für sein Handwerk

Ein Betrieb, den man im Wrangelkiez nicht unbedingt erwartet. Die Geigenwerkstatt von Thomas Rojahn in der Taborstraße.
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  • Ein Betrieb, den man im Wrangelkiez nicht unbedingt erwartet. Die Geigenwerkstatt von Thomas Rojahn in der Taborstraße.
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Kreuzberg. Wie stellt man sich einen typischen Geigenbauer vor? Wahrscheinlich einen Mann schon etwas älteren Jahrgangs, der, bekleidet mit Schürze oder Arbeitsanzug, seinem Handwerk nachgeht.

Optisch erfüllt Thomas Rojahn diese Erwartungen nicht. Er ist 43 Jahre alt, wirkt aber um einiges jünger. Wozu bereits sein Outfit beiträgt. Vor allem seine grün gefärbte Punkstyle-Frisur. Der Schöpfer von Streichinstrumenten lacht, als er auf die Diskrepanz von Klischee und Wirklichkeit angesprochen wird: "Das passiert mir öfter."

Seine Werkstatt macht dagegen den Eindruck einer Manufaktur in der Nachfolge von Stradivari & Co. Sie vermittelt ein Gefühl von Ruhe und erinnert an ältere Fotografien kleinerer Handwerksbetriebe. In den Regalen stapeln sich Holzstücke in verschiedenen Größen und Formen. Entlang der Stirnseite befindet sich der Arbeitsbereich. In der Mitte des Raums steht ein großer Tisch. Und nicht zu vergessen die Geigen, aufgereiht in mehreren Schränken hinter Glas.

In Süddeutschland gelernt

Thomas Rojahns Produktionsstätte liegt in der Taborstraße 6 im Wrangelkiez. Dort, wo immer wieder alt eingesessene Geschäfte neuen Lokalen weichen müssen, war ein solcher Betrieb nicht unbedingt zu erwarten. "Ich bin wahrscheinlich der am weitesten östlich gelegene Geigenbauer in Berlin", meint er. Im Ostteil der Stadt sei das Gewerbe bis heute eigentlich nicht vorhanden. Anders als im Westteil der Stadt, wo es zwischen 30 und 40 solcher Fabrikationen gebe. Eine Anzahl, die überrascht.

Denn normalerweise wird der Geigenbau in Deutschland mit bestimmten Orten verbunden. Etwa dem bayerischen Mittenwald oder Bubenreuth in Franken, wo das Handwerk nach dem Zweiten Weltkrieg durch Flüchtlinge aus dem Sudentenland ansässig wurde. Dort kam es auch für Thomas Rojahn zum Einstieg in den Beruf. Im Alter von 13 Jahren landete er als Übersiedler aus der polnischen Stadt Stolp in dieser Gegend. Die Kunst, aus Holz und weiteren Materialien ein Instrument herzustellen, habe ihn früh fasziniert, sagt er. Wobei es gar nicht so einfach gewesen sei, eine Lehrstelle zu finden. Denn manche Meister wollten sich ungern in die Karten schauen lassen.

Es gelang ihm trotzdem und es folgten Lehr- und Wanderjahre mit vielen Stationen. Auch bereits in den 90er-Jahren ein erster Aufenthalt in Berlin. Damals prägte ihn vor allem eine Begegnung mit dem Schweizer Harmoniker Hans Cousto. Cousto hatte 20 Jahre zuvor die Theorie eines universellen Oktavgesetzes entwickelt. Ohne darauf speziell einzugehen, zeigt auch dieser Lebensabschnitt, wie Thomas Rojahn immer darauf aus war, weiter zu lernen und alle Geheimnisse seiner Profession zu erfahren, ehe er 2012 seine Werkstatt mit angeschlossener Wohnung im Wrangelkiez bezog und sich selbständig machte.

180 Stunden bis zum perfekten Klang

Dort baut er seither Geigen und Bratschen, deren Fertigstellung im Normalfall um die 180 Stunden dauert. Jedes Mal sind zahlreiche Feinheiten zu beachten. Das beginnt mit dem Holz und dessen Beschaffenheit, geht weiter über Ausschnitt und Wölbung, bis zum Lack. "Hier zum Beispiel", sagt Rojahn und präsentiert zwei Geigen, die bei oberflächlichem Hinsehen ziemlich gleich aussehen. Eine hat aber einen etwas dickeren Bauch. Und damit einen anderen Klang. Denn ob der eher wie zu Zeiten des Barock oder mehr wie spätere Epochen ausfallen soll, mache eben einen Unterschied und sei je nach Wunsch zu berücksichtigen.

Geordert werden seine Geigen von Liebhabern, Studenten, Musiklehrern oder der Musikschule Neukölln, mit der er kooperiert. Oft passiert das auch auf Leihbasis. Wer ein Exemplar aus seiner Werkschaft kaufen möchte, muss mit einem Preis von 10 000 Euro und aufwärts rechnen.

Auch wenn Thomas Rojahn solche Summen erwähnt, macht er nicht den Eindruck, als komme es ihm auf eine schnelle Gewinnmaximierung an. Eher erinnert er an einen Künstler, der ein besonderes Werk schaffen will. Bis spät in die Nacht herumzufeilen, um einen perfekten Klangkörper herzustellen, sei ein tolles Gefühl und eine große Befriedigung, unterstreicht er diesen Eindruck. Und den Lebensunterhalt sichere die Arbeit. Auch mit Reparaturen, die er neben seinen Neuschöpfungen macht.

Typisch für seinen Beruf sei aber auch die Einsamkeit, auf sich allein gestellt zu sein, während ein Instrument unter seiner Hand Gestalt annimmt. Dagegen setzt er als Ausgleich gesellschaftliches Engagement. Thomas Rojahn kämpft für mehr Bürgerbeteiligung und Bürgerentscheide, betreut Obdachlose in der Notübernachtung oder macht bei der Nachbarschaftsinitiative mit, die sich zunächst für den Verbleib des Gemüsegeschäfts Bizim Bakkal und mittlerweile insgesamt für den Erhalt von kleinen Läden einsetzt. Und ganz wichtig ist ihm das Engagement für ein Freiheitsdenkmal an der East Side Gallery.

Die Menschen, die ihn bei seinen verschiedenen Aktivitäten treffen, werden ihn wahrscheinlich ebenfalls mit sehr vielem verbinden. Aber nicht unbedingt mit dem Beruf des Geigenbauers.

Tage des Kunsthandwerks

Die Europäischen Tage des Kunsthandwerks finden vom 1. bis 3. April statt. Rund 100 Betriebe und Ateliers laden dort zum Besuch in ihre Werkstätten. Der Geigenbauer Thomas Rojahn beispielsweise empfängt Interessierte in der Taborstraße 6 am Freitag und Sonnabend von 15 bis 18 Uhr, am Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Weitere Teilnehmer aus Friedrichshain-Kreuzberg kommen zum Beispiel aus den Bereichen Keramik, Schmuck oder Textilkunst. Einen Überblick sowie weitere Informationen gibt es unter: www.3tage-handwerk-design.de. ^tf
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Mehr über Thomas Rojahn und seine Arbeit findet sich auf der Website: www.rojahngeigen.de.
Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

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