"Das größte Geschichtsbuch für die Geschichte Berlins von unten"
Spaziergang mit Wolfgang Brauer über den Parkfriedhof Marzahn

Wolfgang Brauer führt Besucher über den Parkfriedhof.
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  • Wolfgang Brauer führt Besucher über den Parkfriedhof.
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„Das ist hier das größte Geschichtsbuch für die Geschichte Berlins von unten. Hier liegt das Volk, nicht die Promis“, sagt Wolfgang Brauer, Vorsitzender des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf. Seit 2009 bietet er Führungen über die weitläufige Ruhestätte an.

Der Parkfriedhof Marzahn besticht durch seine Schönheit und der Besucher kommt zugleich aufgrund des dichten Baumbestandes, der den Verkehrslärm von der nahen Märkischen Allee auf ein erträgliches Maß reduziert, dort auch zur Ruhe. Wolfgang Brauer ist ihm schon seit vielen Jahren verbunden. Als er Anfang der 90er-Jahre als Lehrer an einer Marzahner Gesamtschule arbeitete, habe er eine geschichtlich sehr interessierte 9. Klasse unterrichtet. Im Rahmen einer Projektwoche hätten sie sich dann mit dem Parkfriedhof befasst. Dabei stellten sie fest, dass die Denkmäler zu Ehren der Zwangsarbeiter aus der NS-Zeit damals völlig zugewuchert waren. Heute sagt er: „Es ist eine der am besten gepflegten Friedhofsanlagen Berlins.“ Dafür zolle er der Friedhofsverwaltung Respekt.

Wenn er bei einer Führung über das Areal läuft, befreit Wolfgang Brauer auch mal Grabsteine von Moos.
  • Wenn er bei einer Führung über das Areal läuft, befreit Wolfgang Brauer auch mal Grabsteine von Moos.
  • Foto: Philipp Hartmann
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Eröffnet wurde der 22,4 Hektar große Parkfriedhof 1909 und galt lange als Armenfriedhof der Stadt. Eigentlich war er nur als Notlösung Berlins und der umliegenden Städte geplant, weil die Bestattungszahlen nach der Jahrhundertwende gewaltig waren. Benötigt wurde ein Friedhof für konfessionslose Menschen sowie für die Armen. Zum 100. Jahrestag der Eröffnung im Jahr 2009 wurde Wolfgang Brauer um eine Rede gebeten. Dafür habe er sich akribisch vorbereitet. Aufgrund des großen Interesses habe er sich danach dazu entschieden, Führungen anzubieten.

Blick auf den Sowjetischen Ehrenfriedhof mit dem zehn Meter hohen Obelisk aus rotem Granit im Zentrum.
  • Blick auf den Sowjetischen Ehrenfriedhof mit dem zehn Meter hohen Obelisk aus rotem Granit im Zentrum.
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Dabei gibt er den Teilnehmern in 120 Minuten einen Überblick über die wichtigsten Grabstätten und deren Hintergrundgeschichten. So zum Beispiel über den vom Bildhauer Erwin Kobbert geschaffenen Gedenkstein in Form einer Schwurhand unweit des Eingangs am Wiesenburger Weg zu Ehren der Tausenden Bombenopfer des Zweiten Weltkriegs. Oder über den laut Brauer ersten Gedenkstein in ganz Deutschland, der an die Verfolgung der Sinti und Roma erinnert.

Der 1986 aufgestellte Gedenkstein für die Sinti und Roma befindet sich rechts des verlängerten Hauptweges im hinteren Friedhofsteil zum Ausgang Raoul-Wallenberg-Straße.
  • Der 1986 aufgestellte Gedenkstein für die Sinti und Roma befindet sich rechts des verlängerten Hauptweges im hinteren Friedhofsteil zum Ausgang Raoul-Wallenberg-Straße.
  • Foto: Philipp Hartmann
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Doch nicht nur wegen solcher Grabstätten, sondern auch wegen der Natur lohnt sich ein Besuch des Parkfriedhofs. Er bildet ein wertvolles Biotopsystem. Die komplette Anlage wurde als Gartendenkmal in der Berliner Denkmalliste aufgenommen.

Auf dem Parkfriedhof gibt es diesen kleinen Teich, an dessen Rand sich ein Futterhäuschen für Eichhörnchen befindet.
  • Auf dem Parkfriedhof gibt es diesen kleinen Teich, an dessen Rand sich ein Futterhäuschen für Eichhörnchen befindet.
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Wer die Ohren spitzt, kann Spechte picken hören. An einem kleinen Teich wurde ein Futterhäuschen aufgestellt, wo sich Eichhörnchen Nüsse holen. Überhaupt laufen Besuchern recht viele der kleinen Nager über den Weg. Auf einer naturbelassenen Fläche entlang der Bahnlinie kommen auch Greifvögel, Nachtigallen und Feldhasen vor. „Es gibt viel Totholz und die Tiere haben hier ihre Ruhe“, erklärt Wolfgang Brauer. Ein Idyll empfängt den Besucher im nördlichen Bereich des Areals, wenn bei Sonnenschein das Licht durch das Blätterdach der Eichen, Birken und Rosskastanien auf den mit Laub übersäten Boden fällt. Hier befindet sich auch der Sowjetische Ehrenfriedhof mit einem zehn Meter hohen Obelisken aus rotem Granit im Zentrum.

Der Parkfriedhof Marzahn bietet sich für einen herbstlichen Spaziergang an. Im nördlichen Bereich können Besucher bei Sonnenschein durchs Lauben spazieren und Eichhörnchen beobachten.
  • Der Parkfriedhof Marzahn bietet sich für einen herbstlichen Spaziergang an. Im nördlichen Bereich können Besucher bei Sonnenschein durchs Lauben spazieren und Eichhörnchen beobachten.
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Zum Abschluss seiner Führungen erzählt Wolfgang Brauer noch eine Geschichte über die wohl bekannteste Persönlichkeit, die auf dem Parkfriedhof ihre letzte Ruhe fand. Es handelt sich um Günter Guillaume, der für die Stasi im Bundeskanzleramt spionierte. Anfang der 70er-Jahre arbeitete er als persönlicher Referent des Bundeskanzler Willy Brandt, bis er als Agent enttarnt wurde und so für den politisch bedeutsamsten Spionagefall der deutsch-deutschen Geschichte sorgte. „Nur die Friedhofsverwaltung weiß, wo er begraben liegt, verrät aber nicht, wo, denn die wollte keine Pilgerstätte daraus machen.“ Was am Parkfriedhof so besonders ist, formuliert Brauer so: „Es gibt hier die Chance, auf einer nicht so großen Fläche den Genuss einer schönen Parklandschaft mit Erkenntnisgewinn zu paaren. Das hat man nicht allzu oft in Berlin.“

Wer auch mal eine Führung miterleben möchte, kann sich an den Heimatverein wenden. Kontakt und Infos auf www.heimatverein-marzahn.de.

Autor:

Philipp Hartmann aus Köpenick

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